Auf den Tag genau vor 70 Jahren ist die Behindertenanstalt "Zum Guten Hirten" von den Nazis zwangsenteignet worden. Für einige Bewohnerinnen bedeutete das den Tod, das Schicksal anderer ist ungeklärt. In dem Heim wird die Vergangenheit aufgearbeitet.

Wernigerode l "Eines Tages hielt ein Auto mit Standarte vor dem ¿Guten Hirten\'", heißt es im Bericht einer Zeitzeugin. Es war der 21. August 1943, der Tag, an dem die Wernigeröder Erziehungsanstalt vom Nazi-Regime zwangsenteignet wurde. In dem Haus in der Friedrichstraße lebten zu dem Zeitpunkt 43 geistig behinderte Mädchen und Frauen.

Ein dunkles Kapitel in der Geschichte des evangelischen Behindertenheims, das seit Jahren aufgearbeitet wird. "Erstaunlicherweise existieren aus dieser Zeit noch viele Dokumente", sagt Peter Knöschke, der das Haus seit Juli leitet. Briefe der Heimleitung an den Reichsbeauftragten der Heil- und Pflegeanstalten in Berlin, Anträge des Vorstands. Peter Knöschke blättert durch die Akten, nimmt ein dickes Buch hervor, schlägt es auf. "Das ist das Belegbuch von damals mit den Namen der Patientinnen, ihren Geburtstagen. Es endet im Jahr 1943."

"... außerdem werden allem Anschein nach die Fragebögen nicht ausgefüllt."

Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" markierte 1933 den Beginn der rassen- und gesundheitlichen Programme der Nationalsozialisten. Zwischen 1934 und 1945 wurden in Deutschland bis zu 400 000 Menschen zwangssterilisiert. 1939 ging man dazu über, Kranke und Behinderte systematisch zu töten. Gerechtfertigt wurden diese Massenmorde mit der Verbesserung des Menschenbildes, der Einsparung von Pflegekosten und der Schaffung von Lazarettraum. In den Jahren 1940 und 1941 starben tausende Kranke in den eigens dafür eingerichteten Gaskammern.

Im August befahl Hitler, die Ermordung einzustellen, um sie dann dezentral und unauffällig fortzusetzen. Man verlegte "ausgemusterte" Patienten in spezielle psychiatrische Einrichtungen, ließ sie dort schrittweise verhungern oder mit Medikamenten vergiften.

Die Schaltzentrale der "Aktion T 4", so die Tarnbezeichnung, hatte ihren Sitz in Berlin. Von dort aus wurden Meldebögen an psychiatrische Einrichtungen und Pflegeheime versandt, auf denen die Pfleger detailliert Auskunft zu Krankheit und Arbeitsfähigkeit der Patienten geben mussten.

Auch im "Guten Hirten" gingen die Formulare Anfang der 1940er Jahre ein. Die Mitarbeiter leisteten aber Widerstand, schickten die Papiere einfach nicht nach Berlin zurück. Das sei sogar schriftlich belegt, weiß Knöschke. So wurde in einem Schlussbericht zur Planung der "Euthanasie" für die Jahre 1940 und 1941 negativ vermerkt: "... außerdem werden allem Anschein nach die Fragebögen nicht ausgefüllt". Die Heimleitung versuchte stattdessen, die Patientinnen wieder in ihren Familien unterzubringen, um sie vor der Ermordung zu retten.

Der verzweifelte Kampf um das Leben der Frauen und Mädchen fand im Juni 1943 sein Ende. Der Landeshauptmann hatte endgültig entschieden, das Heim räumen und zu einer Kindererholungseinrichtung umgestalten zu lassen. Der Zugriff erfolgte am 21. August 1943. An jenem Tag wurden die Patientinnen von "Männern mit Listen" begutachtet - eine nach der anderen. Die Fremden sortierten sie nach arbeitsfähig, schwach und krank und "Selbstzahler". Die als arbeitsfähig eingestuften Frauen wurden in den kommenden Tagen nach Zeitz verlegt, die "Selbstzahler" nach Hoym umquartiert. Die Schwachen kamen nach Altscherbitz - was den Tod für sie bedeutete. "Elf Bewohnerinnen sind dort ermordet worden", sagt Peter Knöschke. "Sieben Frauen haben nachweislich überlebt." Von den anderen fehle jede Spur.

Bereits am 28. April 1945 - also noch vor der offiziellen Kapitulation der Deutschen - wurde die Einrichtung der evangelischen Kirche zurückgegeben. Bis 1948 betreuten schlesische Schwestern dort Flüchtlingskinder. Im Frühjahr 1950 öffnete der "Gute Hirte" seine Pforten als Anstalt für epileptische Frauen und Mütter.

"Bei vielen Bewohnern hat das Thema große Betroffenheit ausgelöst."

"Uns ist es wichtig, dass die Geschehnisse von damals nicht in Vergessenheit geraten", sagt Hausleiter Knöschke. So habe es viele Gespräche mit den Bewohnern gegeben. "Bei vielen von ihnen hat das Thema große Betroffenheit ausgelöst", so Knöschke. Dagegen würden einige ältere Bewohner davon nichts wissen wollen. "Für sie ist diese Vergangenheit beängstigend. Verständlich, denn das ist sie ja auch für uns."

Auf dem Gelände des "Guten Hirten" findet am heutigen Mittwoch um 10 Uhr eine Andacht statt. Anschließend soll am Gedenkstein vor dem Haus der Opfer gedacht werden.