Wirtschaft und Bildung – zwei Themen, die in einem vielfältigen Geflecht einander bedingen und voneinander abhängig sind. Darauf hat Kultusministerin Birgitta Wolff vor der Harzer Sektion des CDU-Wirtschaftsrates hingewiesen. Wie sie in Wernigerode ankündigte, wolle sie die Berufsschulausbildung im Land reformieren.

Wernigerode. Ihr Auftritt gleicht weniger einer Politikerin, vielmehr einer Wissenschaftlerin. Zwar steht die ranke 45-Jährige in ihrem grauen Hosenanzug am Pult, doch Frau Professor doziert vor den größtenteils älteren Herren. Nein, Birgitta Wolff nutzt ihren Vortrag vor den Harzer Mitgliedern des CDU-Wirtschaftsrates, um für Veränderungen zu werben.

Gerade vor Vertretern der Union ist das für die Kultusministerin kein leichtes Unterfangen. Steht doch die CDU auch in Sachsen-Anhalt beim Thema Lernen vor allem für die Bewahrung der bestehenden Bildungslandschaft.

Wolff ist Betriebswirtschaftlerin und sie sagt, die gestiegene Bildungsqualität in Sachsen-Anhalt bedeute für das Land einen Wachstumseffekt; das Brutto-Inlandsprodukt sei um ein Viertel Prozentpunkt gestiegen. Und wie sie es sagt, so lässt die CDU-Ministerin keinen Zweifel aufkommen, dass ihr dieser Wert nicht genügt. In Wernigerode klagt sie nicht über sinkende Landeseinnahmen, sie weist vielmehr darauf hin, dass ihr Ressort rund ein Fünftel des Landesetats verantworte. Knapp zwei Milliarden Euro – das ist viel Geld. Geld, das die gelernte Bankkauffrau in Köpfe investieren will.

Die Berufsausbildung, so betont sie es vor den Unternehmern, liege ihr derzeit besonders am Herzen. 32 Berufsschulen gibt es im Land. Während Gymnasien einen statistischen Personalbestand von 108 Prozent vorweisen könnten, sei dieser Wert bei Berufsschulen zehn Prozentpunkte geringer: "Diese Kollegen dort drehen jeden Tag an einem gewaltigen Rad." So klingt also Anerkennung aus dem Munde der Ministerin. Sie plaudert aus dem Nähkästchen, dass im Ministerium ihre "spontanen Aktionen schon gut bekannt" seien – sie meint damit wohl "gefürchtet". Bei nur 550 Schulleitern im Land könne und wolle sie sich "mit jedem persönlich per Mail austauschen. Das sei die größte Sorge der Ministerialbürokratie, die errungene Hierarchien damit in Frage gestellt sehe …

Ein "Vier-Punkte-Papier zur Dualen Ausbildung" ist so ein Ergebnis Wolffscher Spontanität, sie will die Berufsausbildung verbessern: Berufsschul-Noten sollten auf dem Zeugnis der Lehrlinge aufgeführt werden, um Anreize zu setzen; Inhalte der Ausbildung sollten gebündelt (Modularisierung) und deren Dauer nach Bedarf von Lehrling und Lehrbetrieb angepasst werden; für diese Module sollte es Zertifizierungen geben, eine flexiblere und durchlässigere Ausbildung wäre die Folge – zugleich mit der Chance, auch "Zwischen-Abschlüsse" zu erteilen für jene Lehrlinge, die ansonsten die Prüfungen nicht bestünden.

Viertens müssten die sogenannten mehr als 350 Berufsbilder laut Wolff überarbeitet werden. Die Notwendigkeit begründet sie mit dem Hinweis auf allein mehr als 80 kaufmännische Berufsbilder in Deutschland. In Österreich gebe es deren zwölf, und in der Schweiz komme man gar mit nur einem solchen Berufsbild aus …

Birgitta Wolf ist nach sechs Monaten im Amt bereits Politikerin genug, um von den Vertretern der Wirtschaft einen größeren Beitrag für eine bessere Ausbildung von Fachkräften und Stellenangebote im Land einzufordern: Ob Schulpraktika-Stellen, Gelder für Forschungsprojekte an Hochschulen und Universitäten oder das "Produktive Lernen" und zusätzliche Ingenieurs-Arbeitsplätze – die Kultusministerin spricht von Partnerschaft: "Gehen Sie in die Schulen und an die Hochschulen, und sagen Sie dort, welche Anforderungen Ihre Unternehmen an die Fachkräfte von morgen stellen."