In der Serie "Neue Fassaden - alte Geschichten" stellt die Harzer Volksstimme historisch interessante Häuser in Wernigerode vor. Mit diesem Thema haben sich auch Heimatforscher wie Dr. Uwe Lagatz und Mitarbeiter der Oskar Kämmer Schule, unterstützt von der KoBa, befasst. Ihre Erforschung fließt in die Beschreibungen mit ein. Der Rundgang führt heute zur Burgstraße 22.

Wernigerode. Mehrere Autos von Handwerkern stehen in diesen Tagen vor der Hirsch-Apotheke, Burgstraße 22. Der Grund dafür: Apothekerin Dr. Christina Schlage hat eine sogenannte energetische Sanierung in Auftrag gegeben. Sie will durch eine umfassende Wärmedämmung die Heizkosten erheblich senken.

An solche Dinge dachte der Apotheker Franz Runge ganz gewiss nicht, als er am 1. November 1905, also vor rund 105 Jahren, von Groß Rosenburg bei Calbe/Saale nach Wernigerode umsiedelte und die damalige Hof-Apotheke erwarb. Das Gebäude war erst nach dem großen Stadtbrand von 1751 in jener Straße errichtet worden, die aus der Altstadt in Richtung Burg führt. Die ehemals sehr schiefe und zum Teil sehr enge Straße wurde nach dem verheerenden Feuer verbreitert und gerade gelegt. Weitere Bezeichnungen für diese Straße waren in der Vergangenheit Borghesterate (1380) und später Borchstrate.

"Unsere Apotheke wurde auf Befehl des preußischen Königs Friedrich dem Großen ganz aus Stein gebaut, um zwischen den Fachwerkhäusern eine eventuelle neue Feuersbrunst zu unterbrechen – das hat mein Vater Günther Runge früher immer erzählt", sagt Brigitte Runge, die die Apotheke selbst jahrelang führte. Die Vorschrift diente allerdings nicht nur dem Brandschutz in der Innenstadt, sondern auch dem gestiegenen Repräsentationsbedürfnis der wohlhabenden Bürger. So gibt es in der Breiten Straße beispielsweise das Steinhaus (jetzt Fielmann-Filiale) und die Raths-Apotheke.

Die Hof-Apotheke wurde bereits 1737 in der heutigen Nöschenröder Straße 75 von Apotheker Möller eröffnet. Seit 1820 befindet sie sich in der Burgstraße 22 und wurde am 1. November 1905 durch Apotheker Franz Runge übernommen. 1906 wurde er sogar von Fürst Christian Ernst zum Hof-Apotheker ernannt und avancierte damit zum Lieferanten des Fürstenhauses.

Aus Stein gebaut, um Flammen zu stoppen

Überliefert ist, dass sich die Großmutter von Brigitte Runge lange weigerte, in das Haus in der Burgstraße einzuziehen, weil es längere Zeit nicht ihren baulichen Vorstellungen entsprochen hatte. So enthielt das Haupthaus keine Küche, die Toiletten befanden sich auf dem Hof.

Die Fassade wurde mehrmals verändert, vor allem während der umfassenden Renovierung im Jahr 1906. In jenem Jahr wurde die Toreinfahrt des Gebäudes beseitigt und durch das heute noch vorhandene Portal im Renaissancestil ersetzt. Damit endete auch optisch sichtbar die einstige landwirtschaftliche Nutzung des Anwesens. Ein später eingebautes Schaufenster überdauerte die Zeiten ebenfalls nicht.

Am 1. Januar 1950 wurde die Hof-Apotheke umbenannt. Statt, wie vom Rat des Kreises Wernigerode gefordert, den Namen in Burg-Apotheke zu verändern, wählte der 1903 geborene Günter Runge, Sohn von Franz und Anna Runge, den Namen Hirsch-Apotheke. Der Name erinnert vordergründig an ein Tier des Harzer Waldes, aber auch als kleine "Rache" gegenüber der damalige DDR-Obrigkeit an das fürstliche Wappentier in Erinnerung an die einstige Liefertradition. 1971 verstarb er.

Brigitte Runge, die 1966 nach dem Staatsexamen und der Approbation beim Vater als Stellvertreter angefangen hatte, durfte nach dem plötzlichen Tod des Vaters die Apotheke nicht privat weiterführen. Die Einrichtung wurde 1972 Volkseigentum und die aufwendige Modernisierung im Haus nun von staatlichen Geldern bestritten. Am 1. Oktober 1990, 14 Tage vor der Währungsunion, kaufte Brigitte Runge noch für DDR-Mark die Apotheke zurück. Damit wurde sie nach der politischen Wende die erste private Apothekerin von Wernigerode.

Familienunternehmen in vierter Generation

Am 1. Juni 2005, als sie das Rentenalter erreicht hatte, übergab sie den Staffelstab an die vierte Generation weiter, an die Tochter ihrer ältesten Schwester Ursula. Nun kümmert sich Dr. Christina Schlage, die 1966 in Tansania geboren wurde, um die Versorgung der Patienten mit Medikamenten, auch um die Erhaltung des traditionsreichen Hauses. Dazu gehört gegenwärtig die Wärmedämmung im Inneren des Gebäudes. Die schöne Fassade mit dem Portal im Renaissancestil bleibt selbstverständlich erhalten.

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