In der Serie "Neue Fassaden - alte Geschichten" stellt die Harzer Volksstimme historisch interessante Häuser in Wernigerode vor. Mit diesem Thema haben sich auch Heimatforscher wie Dr. Uwe Lagatz und Mitarbeiter der Oskar Kämmer Schule, unterstützt von der KoBa, befasst. Ihre Erforschung fließt in die Beschreibungen mit ein. Der Rundgang führt heute zur Marktstraße 10.

Wernigerode. Die Straße vom Markt zum Dullenturm hieß ursprünglich Ridderstrate. Ende des 17. Jahrhunderts wurde sie in Kanzleistraße und während der westfälischen Zeit in Marktstraße umbenannt. Ihr nördlichster Teil wurde bereits 1681 als "Am Markt" bezeichnet. Das Haus Marktstraße 10 ist sogar noch ein Jahr älter. Seit wenigen Tagen beherbergt es ein Restaurant sowie im Obergeschoss ein Hotelbüro und Sanitärräume für die Mitarbeiter. Das einstige Wohnhaus, in dem früher sowohl Handwerksmeister als auch Fabrikanten wohnten, soll im Sommer, einschließlich des angrenzenden Hofes, auch als Café genutzt werden.

Für den Hotelier Alexander Kasten und dessen Vater Siegfried bedeutete es ein Großprojekt, das völlig marode Gebäude zu sanieren. Ziel war es, die historische Außenansicht zu erhalten, gleichzeitig aber innen alles neu zu gestalten. Außerdem ließen die Wernigeröder den früheren "Wiener Hof" völlig neu aufbauen.

"Wir haben uns gründlich verkalkuliert, die Restaurierung ist deutlich teurer geworden als ursprünglich geplant", räumt Siegfried Kasten ein. Ihn habe es überhaupt gewundert, dass das Gebäude nicht zusammengebrochen sei. Zumal die bei der Sanierung freigelegten Stützbalken so verfault waren, dass sie in der Luft hingen.

Verfaulte Stützbalken hingen in der Luft

Je länger sich das Investorenduo mit der Geschichte des Hauses Marktstraße 10 befasste, desto mehr hatte sich bei beiden vor rund zwei Jahren der Wunsch verfestigt, es aufwendig zu sanieren. Die Kastens untersuchten interessante Details zum Haus und stießen auf ehemalige Bewohner und unterschiedlichste Nutzungen. So wird im Jahr 1769 der Bader Lorenz Emanuel Dirschner genannt und 1782 der Lohgerbermeister Johann Wilhelm Hausmann. Es folgte 1826 der Fabrikant Heinrich Christian Wilhelm Grohshenn aus Hasserode. 1831 arbeitete dort der Sattlermeister Friedrich Clausing und ab 1849 der Sattlermeister Johann Christian Thilo. Es folgten ein Maler Hoppe, der Fabrikant Maertens, der Maler Strohmeyer und der Kupferschmied Borchers. Das große Tor an der Giebelseite diente später einem Stellmacher, um dort Kutschen zur Reparatur ins Haus zu holen.

Siegfried Kasten hat während der Sanierung verschiedene alte Balken vom Abriss des "Wiener Hofes" geborgen und sie im Nachbarhaus mit verbauen lassen. Nun ist er froh, dass die Arbeiten an dem rund 330 Jahre alte Haus vollendet sind.

Mit dem Abschluss der Sanierung in allen drei benachbarten Gebäuden kann er künftig in 55 Hotelzimmern 112 Gäste empfangen.

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