Auf einen "Weg der Erinnerung" wandelten am Abend des 9. November zahlreiche Wernigeröder. Sie gedachten damit den vertriebenen, verschleppten und ermordeten jüdischen Familien der Stadt.

Wernigerode l Eine dunkelbraune, mit Stuck verzierte Zimmerdecke, die Wände der "Villa Russo" sind mit Holz vertäfelt. Früher lebten dort Clara und Benno Russo. Beide jüdischer Abstammung, beide kamen 1943 ums Leben. Der Fabrikant im Konzentrationslager Theresienstadt, seine Ehefrau wurde im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet.

Die "Villa Russo" 68 Jahre später: Nachdenkliche und ernste Gesichter, wohin der Blick fällt. Eine schwere, schon fast bedrückende Stimmung liegt in der Luft. Manche haben die Augen geschlossen, andere halten den Blick gesenkt. Auf dem weiß abgesetzten Kamin steht eine einzelne Menora - ein siebenarmiger Leuchter. Das wichtigste religiöse Symbol des jüdischen Glaubens. Nur die wunderschöne Musik, zumeist von Komponisten jüdischer Abstammung, durchbricht die Stille - und berührt die umstehenden Menschen. "Die ¿Sonatine\' von Alexandre Tansman, ¿Prayer\' von Ernest Bloch und ¿Kol Nidrei\' von Max Bruch", erklärt Barbara Toppel. Sie sitzt am Flügel, ihr Mann Thomas spielt Fagott.

Anlass dafür ist der "Weg der Erinnerung", organisiert vom Förderkreis "Mahn- und Gedenkstätte" des Geschichts- und Heimatvereins Wernigerode. Zahlreiche Menschen verschiedener Generationen sind zusammengekommen. Sie gedenken der Opfer des 9. November 1938. Als Pogromnacht ging dieses Datum in die Geschichte ein: Die Nationalsozialisten zogen damals los, um Wohnungen, Geschäfte, Synagogen und jüdische Friedhöfe zu zerstören.

Sogenannte "Stolpersteine", in Gehwege eingelassene Gedenksteine, erinnern heute an die Juden in Wernigerode, die unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft vertrieben, verschleppt, ermordet wurden.

Die erste Station des "Weges der Erinnerung" ist die Breite Straße 7. Schon in den 30-er Jahren gab es dort ein Bekleidungsgeschäft, geführt von den Eheleuten Fritz und Martha Reichenbach. "Im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht klirrten auch dort die Fensterscheiben", trägt Maria Seidler (12) vom Landesgymnasium für Musik in Wernigerode vor. 1939 starb Fritz Reichenbach auf dem Transport in das Konzentrationslager, seine Frau 1944 als Zwangsarbeiterin im Bombenhagel in Berlin. Der einzige Sohn, Werner Reichenbachs, verließ mit seiner Frau Margarete gerade noch rechtzeitig Deutschland. Sie starben Anfang der 90-er Jahre in Sao Paulo. "Wernigerode sahen sie nie wieder", beendet Maria Seidler ihren Vortrag.

Eine Gedenkminute wird eingelegt. Peter Lehmann legt eine weiße Rose an den Gedenksteinen nieder. Ein Teelicht brennt bereits. Der Zug zieht weiter - wie eine eingeschworene Gemeinschaft. Manche schweigend, andere, besonders die älteren Generationen, in Erinnerungen schwelgend. Einzelne Gesprächsfetzen wie "grausam" und "Davidstern" dringen aus dem Kreis der Erinnernden nach außen.

Grüße nach Lissabon an Siegfried Rosenthal

Die Prozedur wiederholt sich: für Familie Löwenstein in der Burgstraße 9, für Familie Salomon in der Großen Bergstraße 1 und für Sally Lewy in der Breiten Straße 44. Wieder tragen Schüler des Musikgymnasiums die wichtigsten Daten der Nazi-Opfer vor. Weiße Rosen werden niedergelegt, Teelichter zum Gedenken entzündet.

"Das Geheimnis aller Erlösung liegt in der Erinnerung" - so lautet ein alte jüdische Weisheit. Dass sie der Wahrheit entspricht, wird in der Breiten Straße 11, dem früheren Wohnort der Familie Rosenthal deutlich. Renate Goetz ist eine gute Freundin von Siegfried Rosenthal, Sohn von Sigmund und Regina. Der 91-Jährige lebt heute in Lissabon. "Und er hat vor, nächstes Jahr nach Wernigerode zu kommen", weiß Renate Goetz. 1995 war er zuletzt in der bunten Stadt am Harz, trug sich in das goldene Buch ein. "Soll ich Siegfried schöne Grüße aus Wernigerode bestellen?", fragt Renate Goetz in die Runde. Ein lautes einstimmiges "Ja!" ist die Antwort.