Die Bibliotheken in Wernigerode und Ilsenburg verfügen seit wenigen Tagen über die neue "Onleihe", ein virtuelles Ausleihsystem mit mehr als 8000 Medien. Und das Beste: Nie wieder können Leser das Zurückgeben vergessen.

Wernigerode l "Ich habe mich auch erst gesträubt, aber irgendwann wusste ich nicht mehr, wohin mit den ganzen Taschenbüchern", verrät Silvia Lisowski. Die Leiterin vom Kulturamt ist stolze Besitzerin eines sogenannten eBook Readers, einem tragbaren Gerät zur Darstellung gespeicherter Buchinhalte. Damit ist sie bestens für das neue digitale Ausleihsystem der Stadtbibliotheken Wernigerode und Ilsenburg gerüstet.

Die moderne "Onleihe" wurde am Freitag im Lesesaal vorgestellt. Wernigerode und Ilsenburg gehören jetzt zu den 14 Städten in Sachsen-Anhalt, in denen mit Landesgeld ein virtuelles Medienangebot eingeführt wurde.

Unter der Internetadresse www.biblio24.de können sich Leser ab sofort mit der Nummer aus ihrem Bibliotheksausweis sowie einem Passwort in das System einwählen. Dort warten etwa 8000 Medien, die als sogenannte eBooks, ePapers, eAudios und eVideos zum Herunterladen zur Verfügung stehen. Neben Büchern können auch Zeitschriften und Zeitungen ausgeliehen werden.

Der Nutzer kann dann auf der Internetseite den gewünschten Titel aufrufen. Nach einer Leseprobe kann er entscheiden, ob das eBook in einen virtuellen Bibliothekskorb wandert, wo es zunächst 30 Minuten für den Leser reserviert bleibt. Wer noch kein Passwort besitzt, kann das in seiner Bibliothek beantragen.

"Das Zurückgeben kann nicht mehr vergessen werden."

Bibliothekar Klaus Grünberg

Sieben Tage pro Woche, 24 Stunden am Tag ist es möglich, sich in das System einzuloggen und seinen Lesedurst zu stillen, ohne auch nur einen Fuß in die Bibliothek setzen zu müssen.

Und das Beste: "Das Zurückgeben kann gar nicht erst vergessen werden", so Klaus Grünberg, Chef der Stadtbibliothek Wernigerode. "Denn nach 14 Tagen werden Bücher automatisch zurückgegeben, also ihre Daten zum Ende der festgelegten Ausleihfrist gelöscht."

Grünberg sei selbst eher printgeprägt, stehe dem neuen System aber nicht skeptisch gegenüber. "Ich habe schon Bücher auf einem Reader gelesen und war fasziniert. Während meine Frau abends neben mir tief und fest schlief, konnte ich auf dem beleuchteten Bildschirm noch ganz bequem weiterlesen. Sogar die Schriftart und -größe lässt sich beliebig einstellen."

Silvia Lisowski schätzt an den neuen virtuellen Schmökern, dass diese so hygienisch seien. "Manche Bücher sind ja schon in hundert Händen gewesen", sagt sie. Auch Lesezeichen zu setzen, sei kein Problem. Wer in den Urlaub fahre, müsse nicht mehr mit einem Koffer voller Bücher beladen aufbrechen.

Beate Weberling ist die Leiterin der Fachstelle für öffentliche Bibliotheken im Landesverwaltungsamt in Halle. Sie habe die erste Online-Bibliothek in Sachsen-Anhalt mit eingerichtet. "Das war 2008 im Landkreis Mansfeld-Südharz", erinnert sie sich. Leider sei das Projekt dort gescheitert.

"Das Bibliotheks-Team war der ganzen Technik abgeneigt."

Beate Weberling, Leiterin der Fachstelle für öffentliche Bibliotheken

"Die Menschen waren nicht interessiert genug, und auch das Bibliotheks-Team war der ganzen Technik abgeneigt." Deshalb habe man dort die "Onleihe" in der Bibliothek nicht verlängert, als sie im September nach drei Jahren auslief. In Wernigerode und Ilsenburg sehe Beate Weberling allerdings ein großes Potenzial: "Das Echo hier ist gut, die Mitarbeiter sind engagiert, die eBook Reader sind mittlerweile preisgünstig und viele besitzen bereits ein Smartphone." Nur wer einen eBook Reader der Marke "Kindl" besitzt, könne das System aus technischen Gründen nicht nutzen.

Klaus Grünberg ist sich sicher, dass das Zeitalter der eBooks einen radikalen Wandel für die Bibliothekslandschaft bedeutet. "Alles fließt, alles ist spannend, und das ist gut so", erklärt er. "Unser Beruf ist einer der ältesten. Es fing an mit Papyrusrollen, dann kam Pergament, dann das Papier, das mittlerweile nicht einmal mehr physisch greifbar ist."

"Ich nehme lieber noch ein echtes Buch in die Hand."

Oberbürgermeister Peter Gaffert

Mit der Neueinführung wolle man vor allem junge Leute als Kunden gewinnen. Aber auch ältere Leser sollten nicht zurückschrecken. Auf der Webseite sei in verschiedenen Leitfäden alles erklärt, was Nutzer wissen müssen. Um die 60 bis 70 Prozent der Sachsen-Anhalter verfügen laut Beate Weberling über einen Internetzugang. "Sie sind alles potenzielle Kunden für die Bibliotheken", so die Expertin.

Landrat Dr. Michael Ermrich, Oberbürgermeister Peter Gaffert und Sozialdezernent Andreas Heinrich beäugten die neue Technik ebenfalls neugierig. "Ich nehme jedoch lieber noch ein echtes Buch in die Hand", gesteht Wernigerodes Stadtchef und ergänzt: "Aber das System ist ein wichtiger Schritt in die Zukunft."