Wernigerode l "Man muss schon ein wenig verrückt sein und an Wunder glauben, ein solches Objekt wie die Villa Russo zu erwerben und wieder mit Leben zu erfüllen." So das Urteil eines Besuchers am Holocaust-Gedenktag in dem ehemaligen jüdischen Besitztum in der Feldstraße von Wernigerode.

Eingeladen hatten die Musiker des Philharmonischen Kammerorchesters Barbara und Thomas Toppel, die die Villa Russo 2008 bei einer Auktion kurz vor dem selbst gesetzten Finanz-Limit erwerben konnten. Seitdem werkeln sie in jeder freier Minute an dem Grundstück und der repräsentativen Villa. An diesem Abend aber empfingen sie rund 30Gäste zu Musik und Gespräch.

Anlass war der Besuch von Dr.Julia Nelki und ihres Bruders Dr.Michael Nelki aus England, beide sind Nachkommen der Familie Russo. Sie erzählten aus der Familiengeschichte, wie ihre Vorfahren über Wien nach Berlin gekommen sind und wie der Großvater eine Schwester der Russos geheiratet hat und wie die Russos nach Wernigerode gekommen sind.

Benno Russo hatte die Fabrik, die bis zum Verbot durch die Nazis 1936 die Wehrmacht mit Harzer Käse versorgte, von seinem Bruder übernommen. Mit seiner Frau Clara Jaffe, Opernsängerin aus Berlin, lebte er in der 1897 erbauten Villa, die er zum Spottpreis 1938 an einen führenden Nazi in Wernigerode zwangsverkaufen musste. Das alles nur, weil sie Juden waren. Der Versuch zu emigrieren scheiterte. 1942 wurden Benno und Clara Russo nach Theresienstadt deportiert. Dort starb Benno Russo am 18.April 1943. Seine Frau Clara wurde im gleichen Jahr in Auschwitz umgebracht.

Nach 1945 wurde die Villa, weil Nazi-Eigentum, enteignet, von der Konsumgenossenschaft genutzt, dann Volkseigentum. Später kam dort ein Teil der Berufsschule und des VEB Industriebaukombinates, schließlich auch die Andrä-Bau GmbH unter. Es war ein harter Kampf, den der Vertreter der Familie, Prof. Dr.Michael Buckmiller, der an diesem Abend ebenfalls anwesend war, kämpfen musste, damit die Erben der Familie Russo Grundstück und Villa zurück erhielten. Sie wollten sie dem Kreis Wernigerode schenken, damit dort die Berufsschule für Lernbehinderte weitergeführt oder ein soziales Zentrum eingerichtet wird. Die Kreisverwaltung lehnte jedoch ab. Die Villa verfiel und wurde 2008 vom Musikerehepaar Toppel ersteigert.

"Es kann doch nicht sein, dass ehemaliges jüdisches Eigentum und noch dazu ein so wertvolles Gebäude einfach verscherbelt wird", war ihre Begründung für den Erwerb. "Das Vermächtnis der Vorfahren und Erben von Benno Russo muss umgesetzt werden. Hier soll neues Leben entstehen in einer musischen Begegnungsstätte für Kultur, Musik, Literatur, Malerei und bei Gesprächen", so Thomas Toppel.

Eins fügt sich zum anderen: In den Räumen, in denen sich die Gäste an diesem Abend erinnern, steht ein Flügel der renommierten Firma Baumbach aus Wien von 1987, dem Baujahr der Russo-Villa. Der 27.Januar ist gerade der 10.Todestag der Mutter von Julia und Michael Nelki. Und elf Künstler des 3.Klavierwettbewerbs "Neue Sterne" Anfang März in Wernigerode werden in der Villa Russo wohnen und üben. Und noch eine Fügung: Derzeit verhandelt der Internationale Bund, bisher mit Sitz in der Friedrichstraße, wo er ausziehen muss, über einen Einzug in das Grundstück in der Feldstraße. Musik, soziales Engagement und Jugendarbeit kommen so zusammen. Nelkis freut es, denn sie wollen sich weiter für das Projekt engagieren. Toppels freut es, weil Wunder manchmal Wirklichkeit werden. Die Gäste freut es, sie planen einen "Freundeskreis der Villa Russo".

Musik, vorgetragen von der Familie Toppel auf dem Cello, der Flöte und am Klavier, trägt durch den Abend - besinnlich und heiter. Ein Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus mit Rückblick und Ausblick.