Vorlesen, so hat sich längst herumgesprochen, ist mehr als ein Buch zu nehmen und Texte laut vorzutragen. Wer vorliest, auch wenn er erst in die zweite Klasse geht, nimmt seine kleinen Zuhörer an die Hand und erlebt mit ihnen aufregende neue Welten. Und jede dieser gemeinsamen Reisen, so kurz sie sein mag, beflügelt Fantasie, Entdeckerfreude und das Wir-Gefühl. So geschehen gestern auch in der Kita "Gut Arnstedt".

Barleben. Die Verantwortlichen an der Internationalen Grundschule in Barleben wissen längst, dass das Vorlesen mehr ist, als nur eine Geschichte gekonnt vorzutragen. Die Mädchen und Jungen der 2. Klasse sind sogar einen Schritt weiter, nahmen diese Binsenweisheit wortwörtlich und wurden aktiv. Lehrerin Antje Hausknecht schließlich bringt es auf den Punkt: "Egal, ob eine Gute-Nacht-Geschichte oder ein Abenteuerbuch: Wenn den Kindern vorgelesen wird, fördert das ihre Fantasie. Meine Schüler der zweiten Klasse haben sich für das Bilderbuch ,Frederick‘ des renommierten italienischen Malers, Grafikers und Schriftsteller Leo Lionni entschieden. Ich denke, die Kinder der Kita ,Gut Arnstedt‘, denn für sie haben wir das Stück einstudiert, wird es Spaß machen." Da war sich die Lehrerin auch ziemlich sicher. Denn die Geschichte wurde von den Schülern nicht nur immer wieder gelesen, sondern regelrecht "einstudiert". Und wie es Antje Hausknecht vorausgesagt hatte, so kam es.

Zum bundesweiten Vorlesetag erwarteten die Mädchen und Jungen der Kindertagesstätte gestern den Besuch der Ecole-Grundschüler. Obwohl selbst erst zwei Jahre dem Kindergartenalter entwachsen, überraschten sie dennoch die Kleinen mit einer wunderschönen Bildergeschichte.

Joanna Steinert, die gegenwärtig die Kita-Leiterin vertritt, ließ sich im Vorfeld dann auch gern aufklären, was es mit dem "Vorlesetag" auf sich hat.

Das konnte keiner besser als Karin Gaede, die jahrelang die Gemeindebibliothek in Barleben leitete: "Der Vorlesetag ist immer der Höhepunkt der bundesweiten Aktion ,Wir lesen vor‘, einer Initiative der Wochenzeitung "Die Zeit" und der Stiftung Lesen mit dem Hauptpartner Deutsche Bahn, die bereits im Jahre 2004 ins Leben gerufen wurde." Der eigentliche Hintergrund der Aktion aber ist, dass nur noch in einem Drittel aller Haushalte mit Kindern im Alter bis zehn Jahren das Vorlesen eine Rolle spielt, dass außerdem eine Vielzahl von 15-Jährigen in der Bundesrepublik gar nicht richtig lesen können. Auch das sagt die Statistik aus: Fast die Hälfte von ihnen hat noch nie ein Buch zum Vergnügen in die Hand genommen haben.

Wie die gelernte Bibliothekarin aber nachdrücklich betonte, soll diese Aktion das Vorlesen und das Erzählen wieder populär machen und somit den Kontakt mit Büchern und die Lust am Lesen fördern. "Und damit kann man gar nicht früh genug anfangen."

So wurde es auch in der Kindertagesstätte ein ausgesprochen kurzweiliger Vormittag. Die kleinen "Leseratten" der zweiten Klasse, 27 an der Zahl, teilten sich in vier Gruppen auf und suchten die Kita-Kindern auf. Erzieherin Lina Bleich, die gemeinsam mit Anne Krohl die Gelbe Gruppe betreut, war von der Leseaktion recht angetan. Zum einen, weil die Grundschüler bestens vorbereitet, und zum anderen, weil ihre eigenen Schützlinge hellauf begeistert waren. Und das war die Geschichte: In einer alten Steinmauer wohnte eine Familie schwatzhafter Feldmäuse. Doch Scheuer und Kornspeicher standen leer. Weil es bald Winter wurde, begannen sie Körner, Nüsse, Weizen und Stroh zu sammeln. Alle Mäuse arbeiteten Tag und Nacht. Alle – bis auf Frederick. Wer das Ende der Geschichte erfahren will, der sollte einfach mal das Buch in die Hand nehmen.