Zerbst. Werden schwangere Frauen aus Zerbst und dem hiesigen Umland bald in Burg oder Dessau entbinden müssen? Diese Fragestellung machte Landrat Uwe Schulze vergangene Woche öffentlich, als er im Kreistag von einem Treffen mit der Geschäftsleitung des Zerbster Krankenhauses berichtete und von einem drohenden Schließungsvermerk hinter der Fachabteilung Geburtshilfe im sogenannten Krankenhausplan des Landes.

Am Montagmorgen konkretisierte Bernhard Böddeker, stellvertretender Landrat, den Sachverhalt während eines Pressegespräches. Grundaussage des Landkreises ist: Man will um den Erhalt der Geburtshilfe in Zerbst kämpfen. Gerade im Hinblick auf die Infrastruktur der Region spielt die Geburtshilfe in Zerbst eine große Rolle. "Auch in Zukunft müssen die Zerbster Frauen in Zerbst ihre Kinder zur Welt bringen können", betont Böddeker. Man dürfe die Geburtshilfe nicht separat sehen. Diese Fachabteilung ist, so Böddeker, der Einstieg in die Versorgung der Menschen vor Ort.

Im Krankenhausplan des Landes sind mehrere Kriterien enthalten, die zur Aufnahme einer Fachabteilung in den Plan erforderlich sind. Die Leitung des Fachgebietes muss durch einen Leiter mit entsprechender Facharztbezeichnung besetzt sein. Auch dessen Stellvertreter muss über besagte Facharztbezeichnung verfügen und beide müssen zusammen mindestens 60 Stunden pro Arbeitswoche arbeitsvertraglich gebunden sein. Zur weiteren Behandlung der Patienten müssen die notwendigen Ärzte vorgehalten werden, personelle, sachliche und räumliche Voraussetzungen müssen erfüllt sein und das Krankenhaus muss interne und externe Maßnahmen zur fachspezifischen Qualitätssicherung nachweisen. "Mit all diesen Punkten haben wir in Zerbst keine Probleme." Der Schließungsvermerk beziehe sich nicht auf die Qualität, sondern auf die Geburtszahlen – die demografische Entwicklung. "Aber nur um die Zahlen kann und darf es nicht gehen", betont Böddeker.

Die Entfernungen von Zerbst in die Geburtskliniken in Burg und Dessau sind teilweise sehr weit und eine Geburt im Heimatort ist auch ein Stück "Heimatgefühl".

Die "magische" Zahl im Krankenhausplan liegt bei mindestens 300 Geburten im Jahr – in Anlehnung an Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses (siehe Infokasten). "In Zerbst kommen derzeit im Jahr rund 250 Kinder zur Welt", erklärt Böddeker. In Anbetracht der Prognosen der Bevölkerungsentwicklung sei dies aber in Zukunft kaum zu halten. "Wir müssen bis 2018 mit rund einem Drittel weniger Geburten rechnen." Hinzu kommt, dass Risikoschwangerschaften nicht in Zerbst betreut werden. Wirtschaftlich gesehen ein Nachteil. "Lukrativ sind die schwierigen Geburten", erklärt Amtsarzt Norbert Preden. Für komplikationsfreie Geburten bezahlen die Krankenkassen einen festen Betrag ans Krankenhaus. "Die Differenz, die sich aus Einnahmen und Ausgaben ergibt, muss der Träger übernehmen", fügt Böddeker hinzu. Die Belastung für die öffentliche Hand hält sich somit in Grenzen. Zumal es im Haus kompensatorische Effekte geben könnte. "Die Abteilung Innere Medizin zum Beispiel hat ein deutliches Plus zu verzeichnen", ergänzt Böddeker. Für den Standort spricht des Weiteren auch, dass die Geburtshilfe durch Frauen aus Coswig, Burg und Roßlau rege genutzt wird. "Zerbst hat eine Jahrgangsstärke von rund 200 Kindern", fügt Preden hinzu. Bei 250 Geburten im Jahr kommen etwa 20 Prozent der werdenden Mütter aus umliegenden Landkreisen. "Zerbst hat einen guten Ruf weg und ein gutes Netz von Hebammen aufgebaut."

Die Geschäftsleitung des Zerbster Krankenhaus lehnt vorerst eine offizielle Stellungnahme zu diesem Sachverhalt ab. Und auch das Sozialministerium hält sich mit Aussagen, ob der Schließvermerk tatsächlich im überarbeiteten Krankenhausplan zum Tragen kommt, sehr zurück. Der wird nämlich derzeit noch im zuständigen Krankenhausplanungsausschuss des Landes diskutiert – und das durchaus kontrovers, versichert Holger Paech, Pressesprecher des Sozialministeriums. Anfang Dezember werde voraussichtlich der Krankenhausplan im Landtag beschlossen. Bis dahin könne keine Aussage über einen Schließungsvermerk getroffen werden. Allerdings spielt die demografische Entwicklung eine entscheidende Rolle in der Planung und Diskussion, räumte Paech auf Nachfrage ein.

Bis Dezember wird Bernhard Böddeker das Thema jedoch nicht ruhen lassen. In der nächsten Sitzung des Kreis-Sozialausschusses wird es Thema auf der Tagesordnung sein. Zudem wird der Kreis seine Vertreter im Landtag – insbesondere aus der Zerbster Region – mobilisieren, ihre Einfluss geltend zu machen und die Einarbeitung eines Schließvermerkes in den Krankenhausplan zu verhindern.