Ein Jahr – zwei runde Geburtstage: Heute auf den Tag genau vor 60 Jahren gab es den Beschluss, dass die Stadt Zerbst ein Museum bekommt. Und: Dessen langjähriger Direktor Heinz-Jürgen Friedrich feierte kürzlich ebenfalls seinen 60.

Zerbst. "Meinen 60. … den muss man doch nicht erwähnen", wiegelt Heinz-Jürgen Friedrich ab. "Der 60. unseres Museums, das ist schon eher ein wirklich guter Grund zum Innehalten und um sich zu erinnern." Das tut er denn auch und ohne Umwege kommt er sofort auf Hermann Maenicke zu sprechen. "Dem Mann haben wir das Museum ganz entscheidend zu verdanken. Ob es ohne sein Engagement an diesem Ort der Geschichte so viel Geschichte zum Sehen, Erleben und Staunen geben würde? Wer weiß."

"Hermann Maenicke haben wir viel zu verdanken"

Die Geschichte des heutigen Museums beginnt 1949. "Da feierte die Stadt Zerbst ihren 1000. Geburtstag und das mit einem großen Festumzug", weiß Friedrich. "Deshalb fingen die Heimatfreunde an, Stücke zusammenzutragen. Einige stammten noch aus der Schlosssammlung, deren meisten Exponate seit dem Bombardement auf Zerbst 1945 als verschollen gelten", bedauert der Museumschef den Verlust. "Jedenfalls haben die Heimatfreunde angefangen zu sammeln, um für den Festumzug auch die Geschichte der Stadt darzustellen. Metallbüchsen fanden sie, Urnen und Kirchenglocken. Das war praktisch der Grundstock für unser Museum, um das sich Meanicke große und bleibende Verdienste erworben hat."

Im Refektorium des Franziskanerklosters wurde damals der Grundstock dafür gelegt. Mit nur einem einzigen Ausstellungsraum ging es 1952 los. Dennoch – Zerbst hatte sein Museum. Heute sind es fünf Ausstellungsräume und eine Vielzahl von Exponaten. "Die Sammlung Katharina II. im Kavalierhaus ist seit Freitag noch imposanter. Bei uns im Weinberg 1 können sich die Besucher in einem Raum über die spannende Schulgeschichte unserer Stadt, beispielsweise hatte wir die erste Universität in Anhalt überhaupt, informieren", beginnt Heinz-Jürgen Friedrich seine Aufzählung.

"Ein anderer Raum beherbergt Möbel aus der Barockzeit", dabei zeigt er auf eine prachtvolle Standuhr, die Hofuhrmachermeister Rummel aus Zerbst in der Mitte des 18. Jahrhunderts baute und die vor zwei Jahren angekauft werden konnte. In einem weiteren Raum sind Stadtmodelle zu sehen, dann ist da noch das Refektorium und schließlich der Karzer, also das originale Schulgefängnis.

"Die Gäste unseres Hauses bekommen wirklich einen sehr guten Überblick über die Geschichte von Zerbst, die wechselvoll und spannend ist", so Heinz-Jürgen Friedrich. "Luther hat hier 1522 gepredigt. Das Bildungswesen war sehr fortschrittlich. Wir hatten die erste Universitätsdruckerei in ganz Anhalt, um nur ganz wenige Beispiele zu nennen." Und der Mann lächelt, als er die Druckerpresse vorführt, die nachgebaut wurde.

Fast sein ganz Leben lang fühlt sich Heinz-Jürgen Friedrich mit dem Museum verbunden. "Das erste Mal bin ich mit einem Freund ins Museum gegangen. Sein Vater war Grafiker, stellte im Museum aus." Von da an ließen ihn Liebe und Neugier zu alten Dingen und deren Geschichte nicht mehr los. Sie wurden seine Leidenschaft. Deshalb studierte Friedrich Museologie, kam danach an das Zerbster Museum zurück und leitet es seit 1980.

"Behutsam habe ich Veränderungen vorgenommen, habe beispielsweise intensiver auf die Zusammenarbeit mit Schulen gesetzt", erinnert er sich. Eine Zusammenarbeit, die bis heute Früchte trägt. Gern und oft kommen Mädchen und Jungen in die alten Mauern, um sich Gemälde anzusehen, um Bodenfunde aus der Ur- und Frühgeschichte in Augenschein zu nehmen oder selbst an der Druckerpresse zu arbeiten, die nach einem historischen Vorbild gebaut wurde.

"Behutsam habe ich Veränderungen vorgenommen"

Rund 4000 Besucher zählt das Museum jedes Jahr. "Besonders groß ist der Zulauf von Mitte Februar bis Mitte März zu den Zerbster Kulturfesttagen. Da gibt es Konzerte, Vorträge, Ausstellungen und vieles mehr in der gesamten Stadt und wir als Museum machen natürlich immer mit", freut er sich auf die kommenden Wochen – auch wenn dafür fast alles ausgeräumt werden muss, damit in den Museumsräumen beispielsweise Arbeiten von Hobby- und Berufskünstlern Platz finden.

Außerdem steht ein neues großes Projekt für 2012 ins Haus. "Dann wird Anhalt bekanntlich 800 Jahre alt und dazu bringen sich die Museen natürlich ein", erläutert Heinz-Jürgen Friedrich. "Gemeinsam mit Köthen, Bernburg, Dessau und Ballenstedt bereiten wir eine Wanderausstellung zu diesem Thema vor." Wieder eine Möglichkeit, Stadtgeschichte Interessierten näher zu bringen. Oder wie es Heinz-Jürgen Friedrich ausdrückt: "Ich sage den Besuchern immer: ,Ich mache keine Geschichte, ich vermittele sie.‘" Damit umreißt er Ziel und Anspruch seiner Arbeit. Und das seit 30 Jahren.

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