Zerbst l Neugierig bleibt manch Passant gestern auf der Alten Brücke stehen. Gerade bringt Gunter Demnig zwei goldfarbene Messingsteine in das Pflaster der Fußgängerzone ein. Auf einem ist von Eugen Borinski (Jahrgang 1875) zu lesen, der 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 16. Mai 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Der andere erzählt von dessen Frau Julie, der das gleiche Schicksal wiederfuhr.

"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagt Gunter Demnig. Deshalb hat der in Köln lebende Künstler "Stolpersteine" entworfen, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Im März 2010 kam er das erste Mal nach Zerbst. Damals verlegte er an sechs Orten der Stadt 27 dieser zehn mal zehn Zentimeter großen Gedenksteine, die seither an jüdische Bürger erinnern, die den Holocaust nicht überlebten. Und sie waren leider nicht die einzigen.

So folgte am gestern Vormittag die zweite Verlegeaktion. Mit weiteren 13 "Stolpersteinen" sollen Zerbster Juden vor dem Vergessen bewahrt werden, die während der Hitler-Diktatur umgebracht wurden. In der Fritz-Brandt-Straße 4 greift Gunter Demnig zuerst zu seinen Gerätschaften.

"An der Stelle war früher ein Laden, der Benno Marcus gehörte", berichtet Schulsozialarbeiter Norbert Krampitz. Er erzählt, dass Ella und Leo Jacob in dem Geschäft arbeiteten, bis es 1939 "entjudet" wurde. 1942 verbrachte sie einer der drei von Zerbst ausgehenden Transporte ins Warschauer Ghetto, bevor sie in Treblinka ermordet wurden. Neuntklässler der Güterglücker Förderschule (L) verlesen die Lebensdaten und legen gelbe Rosen auf die "Stolpersteine".

"Heute gehen wir wieder einen Schritt gegen das Vergessen", sagt Ingeborg Bräutigam. Jeder sei verpflichtet, dass ein solches Verbrechen nie wieder geschieht, betont die Vorstandsvorsitzende des Albert-Schweitzer-Familienwerkes (ASF). Zugleich dankt sie den Schülern der Förderschule und Schulsozialarbeiter Krampitz für ihre Initiative. Denn sie waren es, die das Projekt "Stolpersteine für Zerbst" ins Leben gerufen haben. Im November 2007 sei das gewesen, erinnert Schulleiterin Kathrin Noack, wie aus einem kleinen Projekt von Siebtklässlern ein großes wurde, das längst fester Bestandteil im Schulkonzept ist.

Auch sie bedankt sich und zwar unter anderem bei all den Spendern, die das Verlegen der "Stolpersteine" möglich machten und ihrem Kooperationspartner bei dem Projekt, dem ASF. Musikalisch umrahmt wurde die gestrige Aktion durch die Gitarrengruppe der Zerbster Ganztagsschule.

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