Im August 2009 verschlug es Annekatrin Els nach Uganda. Längst hat sich das ostafrikanische Land für die Bornumerin zur zweiten Heimat entwickelt. Inzwischen ist die 29-Jährige sogar Mama geworden, ihre Adoption der kleinen Ruthi läuft.

Bornum/Entebbe l "Ich lebe im Paradies, aber für viele Leute um mich herum ist das Leben ein Alptraum." Das sagt Annekatrin Els über Uganda, dessen Kontraste sie gefangen halten. Sie möchte etwas für die Menschen bewegen. Besonders am Herzen liegt ihr der Nachwuchs, der eine Zukunft haben soll.

Mit einem Bericht über die German Secondary School Uganda fing alles an. Im September 2007 las die blonde Bornumerin über das Projekt zweier Gleichaltriger. Die Initiative von Anke Dreier und Marcel Hornig begeisterte sie. Vor allem jedoch inspirierte es die 29-Jährige, selbst in dem ostafrikanischen Land aktiv zu werden. Im August 2009 trat sie schließlich im direkt am Viktoriasee gelegenen Entebbe ihren Freiwilligendienst an. Ehrenamtlich engagierte sich Annekatrin Els dort in zwei Waisenhäusern, lernte während ihrer Arbeit berührende Schicksale kennen. Denn nicht alle betreuten Kinder sind Waisen. Viele gelangten in die Einrichtungen, weil sie von ihren Eltern vernachlässigt oder gar verstoßen worden.

So wie die inzwischen dreijährige Ruthi. Das aufgeweckte Mädchen, das von seiner psychisch kranken Mutter oft einfach irgendwo ausgesetzt wurde, hatte es der blonden Sachsen-Anhalterin besonders angetan. "Seit 21. September bin ich offiziell ihre Pflegemama", erzählt Annekatrin Els, dass der Adoptionsprozess läuft. "Drei Jahre muss ich hier mit Ruthi leben, bis ich sie ganz legal adoptieren kann." An die neue Rolle als Mama hat sich die 29-Jährige schnell gewöhnt. "Zeitig aufstehen, Zähne putzen, Geschichten vorlesen - alles macht Spaß." Lächelnd schildert die blonde Bornumerin, wie sie mit Ruthi fleißig deutsch lernt. "Ihr momentanes Lieblingswort ist Schokolade, also Nutella, die man auf ihrer Haut gar nicht sieht."

Zusammen mit Ruthi wohnt Annekatrin Els in einem "tollen Haus" in Entebbe. Dort leben die beiden aber nicht allein. "Da sind noch Rachel, meine Mitbewohnerin, Namatov und Naiga, zwei Mädels aus dem Waisenhaus, Kato, mein Freund, der auch meistens bei uns ist, Okello, unser Guard, und die vier Hunde Angel, Huswell, Favourite und Tessa." Es sei eine schöner Ort, um sich zurückzuziehen, bemerkt die junge Frau.

Noch bis Ende Februar ist sie bei einer Safari-Firma beschäftigt. "Dann wechsle ich den Job, weil ich die Arbeit in Kampala und das Leben in Entebbe nicht so gut verbinden kann." Immerhin muss sie dadurch täglich 80 Kilometer pendeln. "Das heißt, ich verliere fast drei Stunden jeden Tag und bei dem Verkehr hier ist das anstrengend." Überhaupt stellt der Alltag in Uganda eine Herausforderung dar. "Seit Mitte letzten Jahres haben wir regelmäßig Stromausfall. Im November waren wir den halben Monat ohne Strom und dann ist auch irgendwann das Wasser weg", berichtet die sympathische Bornumerin.

"Hier die Balance zu halten zwischen glücklich sein und kleineren oder größeren Katastrophen ist schwer."

Am Äquator hat sie gelernt, jeden Tag zu genießen und zu einem kleinen Erlebnis zu machen. "Jeden Abend, wenn ich mit Ruthi heimfahre, fahren wir in den Sonnenuntergang mit Blick auf den Viktoriasee und jeden Abend denke ich, ich würde mit niemandem tauschen wollen!"

Dann ist da noch das Rugby Team, in dem die 29-Jährige spielt. Bei den "Entebbe Sharks" handelt es sich um einen zusammengewürfelten Haufen aus Nationalspielerinnen, Mädels aus dem Waisenhaus sowie dem Süden des Landes. Zweimal die Woche trainieren sie bei momentan über 30 Grad, sonnabends sind die Spiele. "Frauen, die Sport machen, werden immer noch belächelt, weil sie angeblich ihre weiblichen Rundungen verlieren", erklärt die Bornumerin schmunzelnd, dass sie zumindest ihr Team vom Gegenteil überzeugen will. "Beim Sport kann man so viele Dinge lernen, vor allem Teamgeist und Disziplin." Zudem reisen viele der Spielerinnen mittlerweile durch die Welt. "Sonst würden sie Uganda wahrscheinlich nie verlassen."

Trotzdem ist Annekatrin Els häufig hin und her gerissen. "Hier die Balance zu halten zwischen glücklich sein und kleineren oder größeren Katastrophen, ist schwer." Sie erzählt von der herrschenden Korruption, der Unterernährung und den schrecklichen Bedingungen in den Krankenhäusern, von sterbenden Kindern und "ich habe so wenig Einfluss darauf".

"Alle Projekte sind relativ gut angelaufen. Jetzt fehlt nur noch der große Push, dass auch alle erfolgreich sind."

Stellt sich die Frage, ob es da Momente gab, in denen sie über eine Rückkehr nach Deutschland nachdachte? "Jeden Tag", gesteht die 29-Jährige. "Manchmal frage ich mich, ob es meine Arbeit hier wert ist, dass ich meine Familie und Freunde im Stich lasse und das tue ich. Ich verpasse Geburtstage, Feiertage, sehe die Kinder meiner Freunde nicht." Gern würde sie mal wieder ein Museum oder Konzert besuchen und ins Kino gehen.

Vorerst jedoch bleibt die Bornumerin in Uganda, wo sie sich nach wie vor in den beiden Waisenhäusern einbringt. Auch wenn das Engagement wegen ihrer Arbeit "leider weniger geworden" ist. "Ich bin im Grunde jeden Abend im Malayka House und versuche einmal in der Woche, ins Babies Home zu fahren", erklärt Annekatrin Els. Mit leuchtenden Augen berichtet sie, dass es den Kindern gut gehe. "Alle wachsen und gedeihen."

Inzwischen ist der Plan umgesetzt, eine Bäckerei zu errichten, in der die Jugendlichen eine Ausbildung machen können. Die Idee, in dem Laden selbst gefertigten Schmuck und Kleidung sowie selbst produzierten Mozzarella zu verkaufen, hat ebenfalls Konturen angenommen. "Alle Projekte sind relativ gut angelaufen. Jetzt fehlt noch der große Push, dass auch alle erfolgreich sind und sich selbst tragen können", berichtet die 29-Jährige. Sie selbst ist zuversichtlich, dass das gelingt.

Etwas enttäuscht ist die junge Frau allerdings über die Spendenbereitschaft der Deutschen. "Ich vermute, das liegt daran, dass die meisten Angst haben, dass ihr Geld verschleudert wird. So würde es mir auch gehen", sucht Annekatrin Els nach der Ursache. Zugleich versichert sie, dass das gespendete Geld abzugslos den Waisenkindern zu Gute kommt. Beispielsweise wird davon das Gehalt der ugandischen Betreuerinnen bezahlt. Mit zehn Euro könnten sie in dem ostafrikanischen Land bereits so viel bewegen können, betont die 29-Jährige, die nicht versteht, dass sich so wenige Menschen dafür interessieren zu helfen. Dabei soll jeder nur das machen, wofür er Zeit und Muse hat oder eben das geben, was er vermag.

"Deswegen sind wir immer auf der Suche nach Spendern und Leuten, die hier nach Uganda kommen, um uns zu helfen." In dem Zusammenhang erzählt Annekatrin Els, dass sie gerade dabei seien, in Deutschland einen Verein zu gründen. "Unser Ziel ist es, jedes Jahr 50000 Euro zu sammeln. Das wären genau 417 Leute, die monatlich zehn Euro spenden. Ist nicht viel, oder?", rechnet die engagierte Bornumerin vor.

Bis 2014 wird sie wegen der Adoptionsfrist definitiv in Uganda bleiben. Was danach geschieht, weiß die 29-Jährige noch nicht genau. Entweder kehrt sie mit Ruthi dann nach Deutschland zurück oder sie verlängert ihren Aufenthalt in dem ostafrikanischen Land. Oder es geht ganz woanders hin. "Mein Freund will zum Studium nach Australien. Mal sehen, vielleicht wäre das auch eine Option. Aber eigentlich will ich schon irgendwann den Bauernhof meines Vaters in Bornum übernehmen."