Die Jagd geht weiter. Trotz inzwischen schon drei Versuchen von Jägern, das Schwarzwild aus dem Stadtpark zu vertreiben, sind die Rotten keineswegs auf dem Rückzug. Jetzt will die Stadt schärfere Geschütze auffahren: Binnen einer Woche sollen Jagdrecht geschaffen und die nächsten Aktionen vorbereitet werden.

Werder l Die Bilder von verwüsteten Gärten der Kleingartenanlage "Am Domfelsen" im Stadtpark haben das Problem mit den Stadt-Wildschweinen über Nacht wieder ins Bewusstsein gerückt. Die Tiere hatten in der Vorwoche ganze Gärten und Teile öffentlicher Grünanlagen auf der Suche nach Fressbarem umgewühlt (Volksstimme-Bericht vom Montag). Der Ärger bei den betroffenen Hobbygärtnern war groß. Der Verband der Gartenfreunde Magdeburg e.V. forderte daraufhin wirksame Maßnahmen von der Stadt zur "Bestandsdezimierung" bei den Wildschweinen.

Hinter den Kulissen war die Stadt derweil nicht untätig. Unbemerkt von der Öffentlichkeit gab es nach der ersten größeren Jagd Ende Januar mit mehr als 50 Beteiligten (Volksstimme berichtete) inzwischen zwei weitere Jagdversuche: am Freitagabend, 8. Februar, und Sonntagabend, 10. Februar. Ein Jäger hatte sich im Bereich des ehemaligen GST-Schießplatzes, wohin sich Wildschweine laut Beobachtungen zurückgezogen hatten, auf die Lauer gelegt. Er wollte die Rotte abpassen, um möglichst Jungtiere zur Strecke zu bringen und damit dem älteren Leittier (der Leitbache) zu signalisieren: "Wir sind hier nicht mehr sicher!" Fachleute sprechen von Vergrämung. Doch der Plan ging auch diesmal nicht auf. Ausgerechnet an den beiden Abenden ließ sich im Jagdrevier keine Sau blicken. Ob ihnen die Hochwasser führende Taube Elbe den Weg ins heimische Gelände abschnitt, wie Jäger vermuten - oder sie schlicht den richtigen Riecher hatten, bleibt spekulativ. So steht für den zuständigen Beigeordneten der Stadt Holger Platz fest, dass "an weiteren Jagdmaßnahmen vorerst kein Weg vorbeiführt". Sie seien, so Platz gestern im Volksstimme-Gespräch, im Moment alternativlos und "ein wichtiger Baustein", um das Schwarzwild zumindest in Teilen zurückzudrängen. Und zwar in Richtung Kreuzhorst. Fast schon gebetsmühlenartig wiederholt er, es ginge nicht darum, "möglichst viele Tiere zur Strecke zu bringen", sondern sie zu vertreiben. Damit sie durch ihre Wühlerei nicht mehr so viel Schaden anrichten auf Friedhöfen, in Gärten oder öffentlichen Parkanlagen. Allein für die Elbestadt summiere sich der Schaden bereits auf rund 200000 Euro, sagt Holger Platz.

Doch gesetzt den Fall, das Angsteinjagen funktioniert und ein Teil der Wildschweine flüchtet tatsächlich in Richtung Süden: Wie sollen die Tiere von der Südspitze des Werders aus über den Fluss in die Kreuzhorst gelangen? Eine Frage, die sich viele Magdeburger stellen. "Sie schwimmen durch die Taube Elbe und die Elbe. Der Fluss ist für sie kein Hindernis", meint Holger Platz. "Das haben uns Experten versichert", pflichtet ihm Holger Harnisch, Fachdienstleiter im Ordnungsamt, bei. Dies sei auch der Grund dafür, warum man als Stadt etwas gegen die wachsende Wildschweinpopulation tun müsse. "Weil wir nicht ausschließen können, dass die Tiere sonst auf ihrer Nahrungssuche irgendwann durch die Elbe schwimmen und Richtung City gelangen", ergänzt der Beigeordnete. Oder über Brücken laufen ... Ein Zeuge hatte an einem Januartag in aller Frühe beobachtet, wie ein Wildschwein gemütlich über die Wasserfallbrücke Richtung Cracau trottete und der Volksstimme davon berichtet.

Da nun die drei ersten Versuche - die Drückjagd Ende Januar und die zwei kleineren Ansitzjagden im Februar - nicht eben von Erfolg gekrönt waren, fährt die Stadt nun weitere Geschütze auf. Zitat Holger Platz: "Wir werden ernsthaft Jagddruck aufbauen." Binnen einer Woche soll nun eine zweite Allgemeinverfügung auf den Weg gebracht werden, die erneut Jagdrecht schafft im Stadtgebiet, das sonst als befriedet gilt. Und: Man will sich dieses Mal mehr Zeit nehmen. Über einen Zeitraum von fünf bis sechs Wochen soll die Bejagung möglich sein (drei Wochen waren es das erste Mal). "Ob wir eine größere Jagd veranstalten oder über Einzeljagden Druck aufbauen, wird im Detail noch besprochen", sagt Holger Platz. Die Jagd-Termine will er indes auch künftig nicht öffentlich machen - aus Angst vor Gegenaktionen von Tierschützern, die die Wildschweinjagd kritisieren.

Das hat Platz wohl ebenso im Blick wie die Forderung von Gegnern der Jagd, die statt der blutigen Variante nach anderen Lösungen verlangen. "Wir gucken unter anderem, wie andere Städte, etwa Berlin, das machen. Wir schauen z.B. mit Interesse nach Rostock, wo ein neues Forschungsprojekt das Verhalten und die Wanderbewegung der Tiere untersucht. Strategisch werden wir künftig also sicherlich eine Mischung verfolgen", erklären Holger Platz und sein Fachdienstleiter. Die Bejagung zählt in jedem Fall bis auf Weiteres dazu, aber auch eine bessere Information der Öffentlichkeit - etwa zur Frage, wie man Gärten schützen kann oder sich Passanten bei der Begegnung mit Wildschweinen verhalten sollen. Berlin, seit Jahren von Wildschweinen geplagt, ist da Vorreiter, bietet u.a. auf seiner Internetplattform ausführliche Erläuterungen und unterhält sogar einen Wildtierbeauftragten. In diese Richtung eines "Wildschweinmanagements" denkt auch Holger Platz. So soll sich auch in Magdeburg künftig jemand professionell um das Thema kümmern, Jagden koordinieren und für den Informationsfluss sorgen. "Da sind wir dran", so Platz.

"Dran" ist man auch am Problem mit den von den Schweinen umgepflügten Gärten im Stadtpark. Es gab ein erstes Gespräch mit der Chefin des Verbandes der Gartenfreunde, Ute Simon, und weitere Gesprächsangebote. Holger Platz: "Wir wollen die Gärtner ausführlich informieren über das, was wir vorhaben und wie sie ihr Eigentum besser schützen können."

 

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