Magdeburg. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schlägt Alarm: In den kommenden Jahren fehlen in Sachsen-Anhalt Hunderte Lehrer. Der Mangel gehe an die Substanz des Bildungssystems.

Das laufende Schuljahr ist nach Ansicht von GEW-Chef Thomas Lippmann vorerst das letzte, in dem sich die Schüler in Sachsen-Anhalt auf ihre Stundenpläne verlassen können. Im Sommer könnte alles anders werden. Laut Lippmann droht dann nämlich massiver Unterrichtsausfall, weil den Schulen das Personal ausgeht.

Nach GEW-Zahlen treten bis 2020 gut 800 Lehrer jährlich ihren Ruhestand an. Ihnen folgen pro Jahr aber nur rund 200 Berufseinsteiger. "Bis zu 600 Stellen können also Jahr für Jahr nicht wiederbesetzt werden", warnt Lippmann. Für ihn sei das eine "pädagogische Katastrophe". Und aus seiner Sicht ist auch klar, wer diese zu verantworten hat: Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD).

In seinem Personalentwicklungskonzept hätte er festgeschrieben, dass Sachsen-Anhalt auf 2500 Lehrer in den kommenden Jahren verzichten kann, weil es 30 000 Schüler weniger gebe. "Tatsächlich bleiben die Schülerzahlen aber stabil", erläutert Lippmann. Bullerjahns Kalkulation sei "auf Sand gebaut".

Der GEW-Chef drängt daher auf Änderungen in der Personalpolitik. "Wenn 600 Lehrer im Jahr künftig fehlen, muss das Land auch 600 Lehrer einstellen." Ein Einstellungskorridor von 200 Lehrern jährlich sei "absurd niedrig".

Ministerien streiten über korrekte Statistiken

Wie dramatisch der Lehrer-Mangel tatsächlich ausfallen könnte, ist aber strittig - vor allem zwischen dem Finanz- und dem Kultusministerium. Die Fachleute beider Häuser führen schon seit Monaten einen Streit um korrekte Statistiken. Unbestritten scheint derzeit nur zu sein, dass es momentan in Sachsen-Anhalt insgesamt gut 15962 Lehrer und rund 167000 Schüler gibt. Über die weitere Entwicklung der Zahlen ist man sich dagegen wohl nicht einig.

"Über die Fragen des künftigen Lehrerbedarfes hat zuletzt eine interministerielle Arbeitsgruppe beraten, die aus Vertretern des Kultus- und Finanzministeriums sowie der Staatskanzlei bestand", so Martin Hanusch, Sprecher des Kultusministeriums. Die Beratungen dauerten aber an und die Ergebnisse müssten zunächst dem Kabinett vorgestellt werden, so dass er noch keine weiteren Aussagen treffen könne.

Ähnliches gilt für die Unterrichtsversorgung für das Schuljahr 2013/14. "Wir erwarten in den nächsten Tagen die Angaben über die ersten vorläufigen Schülerzahlen. Wenn diese Datenbasis vorliegt, können wir verlässlich schauen, wie wir den Unterrichtsbedarf abdecken", so Hanusch. Ziel sei aber eine Unterrichtsversorgung von 102,5 Prozent, mit der auch eine Vertretungsreserve gegeben ist.

Laut Lippmann ist diese aber kaum noch zu erreichen: "Eine 105-prozentige Unterrichtsversorgung wäre für den normalen Schulbetrieb nötig." Sollten nicht mehr als 200 weitere Lehrer eingestellt werden, könnte die Versorgung gar auf unter 100 Prozent abrutschen.

Aus Regierungskreisen ist zu vernehmen, dass das Finanzministerium wohl darauf drängt, an den 200 Neueinstellungen pro Jahr festzuhalten. Schließlich könnte die Schaffung weiterer Stellen Kosten in zweistelliger Millionenhöhe verursachen, was angesichts der ohnehin dramatischen Haushaltslage nicht zu verantworten wäre.