Tausendfacher Tod im Labor

Blutüberströmte Affen machen Schlagzeilen - massenhaft eingesetzt werden allerdings andere Tierarten. Für 2014 hat das Landesverwaltungsamt in Sachsen-Anhalt 60 Forschungsvorhaben mit Tierversuchen genehmigt, etwas weniger als in den Vorjahren. Antragsteller waren Wissenschaftler der Unis Magdeburg und Halle sowie vom Leibniz-Institut für Neurobiologie Magdeburg.

Die Zahl der eingesetzten Tiere ist enorm: Im vergangenen Jahr waren es 37500 Mäuse, 8500 Ratten, 4700 Vögel, 2700 Schweine, 1200 Meerschweinchen, 309 Kaninchen, 40 Hunde, 14 Langschwanzmakaken, sieben Katzen und weitere Tiere. Insgesamt wurde an 57000 Tieren experimentiert.

Häufig sterben sie schon vor dem Versuch, weil ihnen Gewebe oder Organe entnommen werden. Seltener sind Experimente mit lebenden Tieren, etwa mit den Affen am Magdeburger Leibniz-Institut. (he)

Magdeburg l Die Bilder, die im Fernsehen liefen, waren abscheulich: Affen mit Implantaten im Kopf, die sich entzündet hatten, ein halbseitig gelähmtes Tier, das sich erbrach. Ein Tierschützer hatte sich als Tierpfleger ins Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik eingeschmuggelt und dort heimlich gefilmt. Nach der Veröffentlichung brach ein Proteststurm los. Der Druck war schließlich zu groß: Der Forscher Nikos Logothetis kündigte an, er werde künftig auf Tierversuche verzichten.

Ein bedauerliches Signal, findet Eckart Gundelfinger, Direktor am Magdeburger Leibniz-Institut für Neurobiologie. "Für die Wissenschaft ist das ein großer Verlust, Logothetis wurde für den Nobelpreis gehandelt." In Magdeburg, kündigt der Professor an, werde man an Tierversuchen festhalten, solange diese rechtlich zulässig sind.

Mechanismen des Denkens erforschen

Genau wie in Tübingen experimentieren die Magdeburger an Langschwanzmakaken. Rund 20 dieser Äffchen leben im Institut. Die Versuchstiere bekommen eine Halterung auf den Kopf geschraubt, eine Art stählernen Hut. Befestigt wird er unter Narkose, mit Schrauben direkt in den Schädelknochen. Für die Experimente wird damit der Kopf fixiert, dann führen die Wissenschaftler durch ein weiteres Bohrloch eine haarfeine Elektrode ins Gehirn ein. "Das merken die Tiere gar nicht, weil das Gehirn keine Schmerzrezeptoren hat", versichert Michael Brosch. Der Professor leitet das Speziallabor für Primaten-Neurobiologie.

In den Experimenten testet er beispielsweise, wie das Kurzzeitgedächtnis der Makaken funktioniert. Diese reagieren auf äußere Reize, etwa Geräusche, indem sie auf einen Hebel drücken.

Mit äußerlichen Messungen allein, sagt Brosch, ließen sich die Mechanismen des Denkens nicht erforschen. Aus diesen Grundlagen heraus könnten eines Tages Therapien gegen Alkoholsucht oder Demenz entstehen. "Um das aber am Menschen anzuwenden, brauchen wir zuvor die Tierversuche", betont auch Institutsdirektor Gundelfinger.

Ethikkommission genehmigt Experimente

Tierschützer bezweifeln das. "Die Forscher reden von Hilfe gegen Parkinson und Alzheimer, aber in 30 Jahren ist dabei nichts herausgekommen", sagt Corina Gericke, Vize-Vorsitzende beim bundesweit aktiven Verein "Ärzte gegen Tierversuche". Die Versuche in Magdeburg seien reine "Neugierforschung".

Vor zwei Jahren forderte der Verein mit 20.000 Unterstützer-Unterschriften im Rücken Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU) auf, die Versuche zu untersagen - vergeblich. Das Leibniz-Institut verweist darauf, dass es die Gesetze einhält. Eine Ethikkommission hat die Experimente genehmigt, das Landesverwaltungsamt und das Veterinäramt der Stadt Magdeburg kommen zur Kontrolle. Die Tübinger Skandalbilder, betonen die Neuro-Forscher, seien keinesfalls der Alltag im Labor.

Unstrittig ist, dass die Makaken durch Wasserentzug genötigt werden, an den Tests teilzunehmen. Zu trinken bekommen sie nur, sobald sie im sogenannten Primatenstuhl sitzen und kooperieren. "Eine permanente Qual über Jahre hin", ist die Tierschützerin Gericke überzeugt. In ihrem natürlichen Umfeld, kontert der Forscher Brosch, trinken die Affen oft auch nur einmal am Tag. "Sie bekommen während des Versuchs so viel Wasser, wie sie wollen", sagt Brosch.

Am Ende kostet der unfreiwillige Dienst für die Wissenschaft den Makaken das Leben: Er wird eingeschläfert, so schreibt es das Tierschutzgesetz vor. In Magdeburg lässt im Schnitt jährlich ein Affe sein Leben.