Magdeburg l Materiell ging es ihm gut: Als Kfz-Mechaniker ist Michael Schlosser in der DDR ein begehrter Mann. Was der Dresdner nicht ertragen kann, ist die ewige Bevormundung durch den Staat. Als dieser ihm auch noch die Gründung einer Autowerkstatt untersagt, hat Schlosser genug: Er beschließt, die DDR zu verlassen. Mit einem Flugzeug - selbstgebaut vor allem aus Auto-Teilen.

Einen silberglänzenden Nachbau des nur 155 Kilogramm schweren Fliegers präsentierte Schlosser am Montag vor Haldensleber Sekundarschülern im Magdeburger Dokumentationszentrum am Moritzplatz. "Der Motor ist aus einem Trabant, aus einem Rallye-Wagen mit 40 PS", erzählt Schlosser den Schülern.

Einen heimlichen Testflug hatte er damals bereits absolviert. Am 11. November 1983 will er den halsbrecherischen Ritt nach Bayern wagen. Doch dazu kommt es nicht. Ein Spitzel meldet, dass der allein lebende Mann einen ungewöhnlich gut verschlossenen Hühnerstall besitzt - allerdings keine Hühner. Der Mann hatte das Grundstück ausgekundschaftet, während Schlosser ahnungslos den Wagen des Stasi-Spitzels reparierte. "Als die Stasi dann anrückte, haben sie keine Hühner gefunden, sondern einen anderen Vogel", erzählt Schlosser den Schülern, die lange nach dem Ende der DDR geboren wurden.

"Ikarus" nannte die Stasi den spektakulären Fall. Wie Ikarus fällt auch Schlosser tief. Seinen 40. Geburtstag verbringt er in Untersuchungshaft, er wird mit seiner Zellennummer angeredet, keine Glückwunschkarte erreicht ihn. Wegen "versuchter Republikflucht" landet er im Stasi-Gefängnis Bautzen. Nach 13 Monaten kauft ihn die Bundesrepublik frei. Heute trägt er den Namen "Dresdner Ikarus" mit trotzigem Stolz.

Die Stasi lässt Schlosser bis heute nicht los. Er weiß, wo in Dresden die grauen Männer von damals wohnen, manche spricht er auf der Straße oder im Supermarkt an. Er wolle nur mit ihnen reden, sagt Schlosser. "Ich will wissen, warum man mit uns so verfahren ist wie mit Schwerverbrechern."