Magdeburg. "Der Kran ist an...", ruft der kleine Lucien aufgeregt in das Sprechzimmer von Dr. Ulrich Vorwerk. Für den HNO-Arzt sind die alltäglichen Bauarbeiten vor seiner Tür nichts Besonderes mehr. Dass aber der Zweieinhalbjährige diese Geräusche hört und seine Sprache so gut artikuliert, ist für den leitenden Oberarzt an der Magdeburger Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und sein Team ein großer Erfolg. Dank einer speziellen Infrastruktur, die der Verein "Sachsen-Anhalt hört früher" aufbaut und fördert, kann bei Kindern wie Lucien die angeborene Hörstörung rechtzeitig diagnostiziert und behandelt werden.

Lucien kam im Dezember 2008 per Kaiserschnitt zur Welt. Als Mutter und Kind nach zehn Tagen aus der Klinik in Gardelegen entlassen wurden, bekamen sie einen Befund mit auf den Heimweg, der zunächst nicht allzu große Sorge auslöste, erinnert sich Mutti Anja Pössel (27) aus dem altmärkischen Mieste. Das Neugeborenen-Hörscreening hatte bei Lucien ein schlechtes Messergebnis. Das bedeute noch nicht eindeutig, dass der Kleine eine Hörstörung hat, erklärten ihr die Ärzte und empfahlen eine genauere Untersuchung mittels Hirnstammaudiometrie.

In der HNO-Klinik Haldensleben wurde festgestellt, dass die Übertragung der Schallsignale in Luciens Gehirn nicht funktioniert. Eine Diagnose, die auf 1000 Geburten zirka zweimal gestellt wird. Der Mutter des kleinen Jungen treibt es noch heute Tränen in die Augen, wenn sie davon erzählt. "Von Stund an habe ich ständig vor dem Computer gesessen und gegoogelt, um mich in dieses Problem rein zu finden", erinnert sich Anja Pössel nur zu gut.

"Genau aus diesem Grund hat sich 2009 unser Verein ,Sachsen-Anhalt hört früher‘ gegründet", betont dessen Vorsitzender Ulrich Vorwerk. "Wir wollen erreichen, dass Kinder mit Hörstörungen so früh wie möglich erkannt werden, um bis zum 6. Lebensmonat Therapien einzuleiten. Und wir wollen die betroffenen Familien nicht mit dieser folgenschweren Diagnose allein lassen. Sie werden über den Verein von Mitgliedern der HNO-Universitätsklinik, des Zentrums für Neugeborenen-Screening und des Fehlbildungsmonitorings beraten, in der weiterführenden Diagnostik unterstützt und betreut."

Seit Januar 2001 besteht bundesweit ein gesetzlicher Anspruch auf die Untersuchung des Hörvermögens gleich nach der Geburt. Je früher eine Hörstörung bei Kindern erkannt und behandelt wird, umso besser sind die Aussichten, dass sie sich sprachlich, emotional und auch psychosozial altersgerecht entwickeln.

In Sachsen-Anhalt wird der freiwillige Hörtest zusammen mit dem Stoffwechsel-Screening durchgeführt. Das vom Land finanzierte Fehlbildungsmonitoring ist die sogenannte Tracking-Zentrale zur Nachverfolgung der Daten. "Sachsen-Anhalt hat im Vergleich zu anderen Bundesländern einen speziellen, nicht so kostenintensiven Weg beschritten", betont Vorwerk. Ziel von "Sachsen-Anhalt hört früher e.V." ist es, diesen Weg flächendeckend auszubauen, um möglichst alle Neugeborenen zu erreichen. Mittlerweile sind landesweit alle Geburtskliniken in das Hörscreening einbezogen.

Hebammen, Kinder- und HNO-Ärzte sowie Mitarbeiter aus Pädaudiologischen Zentren erhalten Schulungen als Hörscreener, die vom Verein organisiert und durchgeführt werden. Zwecks Finanzierung der Ausbildungsprogramme und der Messgeräte gehen Vereinsmitglieder auf Sponsorenfindung.

Familie Pössel fand im Bereich Phoniatrie und Pädaudiologie der HNO-Uniklinik Magdeburg eine Anlaufstelle. Unter Leitung der Oberärztin Wilma Vorwerk wird dort ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen den Medizinern und Eltern aufgebaut. Von hier aus werden die drei Pössels seitdem von Experten an die Hand genommen und auf ihrem langen Weg begleitet. Erstes Etappenziel war Luciens Operation kurz vor seinem 1. Geburtstag. Die Voruntersuchungen hatten ergeben, dass seine Hörnerven mit Cochlea-Implantaten stimuliert werden können. Die Chirurgin Dorothea Rostalski ist auf diesem Gebiet Expertin mit über 20-jähriger Erfahrung. Sie hat Lucien operiert und verfolgt seitdem seine Entwicklung.

Als dem Einjährigen nach Verheilung der Narben die Geräte angepasst und eingeschaltet wurden, war er sehr erschrocken über die neue Welt der Geräusche, erinnert sich seine Mutter. Ihr Kind war erst ein Jahr und drei Monate alt, da reiste sie mit ihm zur "Reha" nach Halberstadt ins einzige Cochlea-Implant-Rehabilitationszentrum von Sachsen-Anhalt. Verteilt über drei Jahre bekommt Lucien dort 40 Therapietage, in denen er lernt, akustische Signale zu erkennen, auf Geräusche und Klänge zu reagieren, Handlungen auszuführen, auf Fragen zu antworten. "Das erfordert selbst für einen Erwachsenen hohe Konzentration und Anstrengung", betont Marianne Fogarasi, Hörpädagogin und Leiterin des Rehabilitationszentrums. Sie erzählt, dass der kleine Lucien inzwischen auch dann auf Ansprache reagiert, wenn er gerade intensiv mit dem Spielen beschäftigt ist.

"Einer altersgerechten Entwicklung steht der Zweieinhalb-Jährige in nichts mehr nach", freuen sich die Therapeuten in Halberstadt wie auch die Ärzte und Helfer von "Sachsen-Anhalt hört früher". Und Lucien, der geht inzwischen begeistert in den Kindergarten.