In der DDR eine eigene Bleibe zu bekommen, das war für junge, unverheiratete und kinderlose Frauen und Männer nahezu aussichtslos - die Vergabe der wenigen verfügbaren Wohnungen war fest in staatlicher Hand. Tausende junge Leute zogen deshalb kurzerhand schwarz in leerstehende und verfallende Altbauten ein. Der Historiker Udo Grashoff hat das Phänomen erforscht und sagt: Schwarzwohnen war zu DDR-Zeiten normal und keine Randerscheinung.

Halle/Magdeburg. April 1969: Uli Jork ist sauer. Der junge Hallenser will sich nicht damit abfinden, dass man als junger Mensch in der DDR praktisch keine Chance hat, legal eine eigene Wohnung zu bekommen. Deshalb zieht er bei seinen Eltern aus. Kurz zuvor hat er bei einer Künstlerparty entdeckt, dass in der Fleischerstraße im zum Abriss vorgesehenen Viertel nahe der Universität eine Wohnung leersteht. Er stellt sich bei der Tochter der kürzlich verstorbenen Hauseigentümerin vor, damit sie ihn nicht bei den Behörden anschwärzt. Man einigt sich darauf, dass er im Haus wohnen kann, wie eine Art Hausmeister nach dem Rechten sieht und dafür keine Miete zahlen muss.

Jork, der eine Betonbauerlehre mit Abitur absolviert, bezieht eine Zweiraumwohnung mit Küche und erhält die Erlaubnis, sich aus dem Hausrat der verstorbenen Dame zu bedienen. Ein gutes Jahr lebt er in der Wohnung, die nicht einmal einen Wasseranschluss hat, meldet seinen Wohnsitz problemlos polizeilich an, bringt aber vorsichtshalber kein Namensschild an Klingel und Wohnungstür an.

Schwarzwohner ohne Unrechtsbewusstsein

Uli Jork war einer von tausenden Schwarzwohnern in der DDR, zu deren prominentesten Vertretern Bundeskanzlerin Angela Merkel zählt. "Diese Leute hatten Zivilcourage", sagt Udo Grashoff. Der 45-jährige Historiker aus Leipzig hat in Archiven und mit 40 Zeitzeugeninterviews der Geschichte des Phänomens Schwarzwohnen nachgespürt. "In der DDR gab es keinen freien Wohnungsmarkt, sondern staatliche Zuweisungen durch die Abteilung Wohnungspolitik beim jeweiligen Rat der Stadt", erklärt Grashoff. Frauen mit Kindern, Ehepaare, Behinderte und Staatsfunktionäre hatten hier gute Chancen, aber Alleinstehende und junge Erwachsene wurden oft gleich weggeschickt.

Grund für die Wohnungsnot: Im Krieg wurde viel Wohnraum zerstört, der restliche Bestand in intakten Großstädten wie Halle, Jena, Schwerin, Rostock oder Teilen Berlins war sehr dicht bewohnt - nicht zuletzt durch den Flüchtlingszuzug aus dem Osten. Erst mit der neuen Sozialpolitik und dem 1973 beschlossenen Wohnungsbauprogramm der SED entstanden in großem Stil neue Plattenbausiedlungen. Bis 1990 sollte jeder DDR-Bürger eine eigene Wohnung mit Fernwärme, Infrastruktur und fließend Wasser haben.

Diesem Ziel wurden alle personellen und materiellen Kapazitäten im DDR-Bauwesen zugeordnet. Die Folge: In den Innenstädten verfiel die Altbausubstanz. "Viele wissen nicht, dass in der DDR 40 Prozent der Wohnungen in Privatbesitz waren", sagt Udo Grashoff. Die Besitzer hatten ein Riesenproblem: Die DDR-Mieten waren auf dem Stand von 1937 eingefroren. "Das wirkte sich verheerend aus, denn sie konnten kaum die Substanz ihrer Häuser sichern, geschweige denn Investitionen tätigen - die Folge war massiver Verfall der Altbausubstanz. Viele mussten ihre Häuser deshalb aufgeben", so Grashoff. In der DDR wurden zwei Millionen Wohnungen neu gebaut, eine Million ist verfallen, schätzt er.

Beispiel Halle: Während auf der grünen Wiese ab Mitte der 1960er Jahre mit Halle-Neustadt eine Stadt komplett neu entstand, waren in der Innenstadt ganze Straßenzüge dem Verfall preis- oder zum Abriss freigegeben. Oft waren nur noch die mittleren Etagen dieser Häuser bewohnt. Durch kaputte Gauben, Regenrinnen und Ziegel drang übers Dach Feuchtigkeit ein, im Keller breitete sich Schimmel aus.

Trotz akuten Wohnraummangels wurden diese Wohnungen durch den Rat der Stadt fast nie angeboten. Udo Grashoff kann belegen: Bei den Wohnungszuweisungen gab es viel Gemauschel. In den Akten stieß er auf Haftstrafen für bestochene Verwaltungsmitarbeiter in Halle, Leipzig und Berlin, und auch die, die sie bestochen haben, sind verzeichnet: Ärzte, Gastronomen und SED-Funktionäre, kurz die "High Society" der DDR. Alle wollten eine schicke Neubauwohnung.

Genau wegen dieser Kungeleien und des ruinösen Zustandes der Wohnungen hatten die Schwarzwohner kein Unrechtsbewusstsein, sagt Grashoff. Im Gegenteil: Sie brachen leerstehende Wohnungen auf, zogen als Untermieter ein, tricksten beim Wohnungstausch oder arrangierten sich mit den Vermietern.

Sie dichteten Dächer ab, reparierten Fenster, renovierten und schufen so wertvollen Wohnraum, frei nach dem Motto: "Dann nehme ich eben irgendeine Bruchbude und repariere die selbst." Junge Familien, Rentner, aber vor allem Studenten waren es, die angesichts kasernenartiger Mehrbettzimmer in den Wohnheimen enormen Freiheitsdrang entwickelten und ohnehin nur eine Bleibe auf Zeit benötigten. Manche verkleideten sich für die Renovierungsarbeiten als Handwerker und taten später so, als hätten sie eine staatliche Zuweisung. Die Wohnungen wurden oft Treffpunkt von Künstlern und Literaten, es gab Lesungen, Partys und Konzerte.

Eine Ummeldung war problemlos möglich, denn die Meldebehörde prüfte nur, ob das Haus baupolizeilich gesperrt ist - ein Mietvertrag musste dort nicht vorgelegt werden. Die große Mehrheit der Schwarzwohner hat außerdem versucht, ihren Einzug im Nachhinein zu legalisieren und zum Beispiel einfach anonym Miete gezahlt, sehr zur Verwunderung der Obrigkeit. So überliefern die Akten aus dem VEB Gebäudewirtschaft in Berlin-Prenzlau pro Monat Mieteingänge von mehreren zehntausend Mark, die man nicht zuordnen konnte.

"Sie hingen Gardinen statt Transparente auf"

Die Wohnraumverwaltung ging sehr unterschiedlich mit entdeckten "Besetzern" um. In Halle und Leipzig erhielt jeder zweite Schwarzwohner eine Räumungsaufforderung, in Berlin nur 14 Prozent. Aber das hieß ja nicht, dass sie wirklich geräumt haben", sagt Udo Grashoff. Eine gewaltsame Räumung begegnete ihm in den Akten nie, höchstens psychischer Druck. Denn der Ahndung der Ordnungswidrigkeit Schwarzwohnen stand das Zivilgesetzbuch im Weg, das besagte, es dürfe niemand auf die Straße gesetzt werden. Wer doch räumen musste, zog oft einfach in die nächste leerstehende Wohnung.

Eine politische Komponente hatte das Schwarzwohnen selten, und auch die Stasi interessierte sich kaum für die jungen Leute. "Sie hängten keine Transparente in die Fenster, sondern Gardinen", so Grashoff. Dennoch: "Das waren selbstbestimmte originelle Menschen. Den aufrechten Gang haben sie schon trainiert", hat er in seinen Zeitzeugengesprächen festgestellt. Geist und Stimmung der Leute sei enorm positiv gewesen, man war mutig und habe sich nicht niederdrücken lassen, sondern selbst geholfen. Jahrzehnte später haben die meisten Schwarzwohner Karriere gemacht: Vom Pfarrer auf Rügen über den Professor in Leipzig bis zur Intendantin in Neuss.

Schwarzwohnen in der DDR, resümiert Grashoff, war kein Randphänomen, sondern fast Alltag. In vielen Fällen wurde so wertvolle Bausubstanz gerettet.

Erben im Geiste sind die Hauswächter der Wächterhaus-Initiative, die in Leipzig und anderen ostdeutschen Städten Häuser durch Nutzung vor dem Verfall bewahren. Dass es heutzutage in der Region wieder viele leerstehende und verfallende Gebäude gibt, sieht Udo Grashoff gelassen. "Das sind auch immer Freiräume, in denen sich etwas Neues entwickeln kann."

 

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