Mit der Warnung, zehn Bahnstrecken in Sachsen-Anhalt seien bedroht, schreckten die Grünen jüngst Bahnreisende und Kommunalpolitiker auf. Die Strecke Magdeburg-Loburg hat es bereits getroffen. Nur der Anfang?

Magdeburg l Mit einem Sonderzug wollen sie heute nach Magdeburg reisen; aus Loburg und Zeppernick, Möckern und Büden, um vor dem Landtag für den Erhalt ihrer Bahnlinie zu demonstrieren. Mit dem Fahrplanwechsel am Wochenende war der Regionalverkehr 120 Jahre nach der Betriebsaufnahme eingestellt worden.

Wer ist schuld daran, fragen sich viele, und was sind die Gründe? Für eine Antwort darauf lohnt sich ein kleiner Ausflug in die Feinheiten des deutschen Nahverkehrs: Jedes Jahr zahlt der Bund den Ländern mehrere Milliarden Euro für die Bezuschussung von Bussen und Bahnen. Der Staat hat ein Interesse daran, dass viele Menschen, vor allem Berufspendler, Busse und Bahnen nutzen, um Straßen und Umwelt nicht durch Autofahrten zu belasten. Nur: Ohne Zuschüsse würden kaum ein Bus und eine Bahn fahren. Die Fahrkartenerlöse reichen für ihren Betrieb längst nicht aus.

Sachsen-Anhalt erhält so vom Bund rund 300 Millionen Euro pro Jahr zur Finanzierung von Nahverkehrszügen. Mit diesem Geld "bestellt" die landeseigene Nahverkehrsservice-GmbH (NASA) bei verschiedenen Bahngesellschaften - meist nach Ausschreibung - Zugverbindungen; zum Beispiel zwischen Loburg und Magdeburg.

Die Zahl der Züge pro Tag, deren Art und Ausstattung bis hin zum Mitfahren von Zugbegleitern - all das kann der Auftraggeber bestimmen. Die jeweilige Bahngesellschaft, in diesem Fall die Elbe-Saale-Bahn, eine Tochter der staatseigenen Deutschen Bahn, setzt die Ticketpreise fest und ist für den Zugbetrieb zuständig.

Die Ticketerlöse decken zwar nur einen Teil der Betriebskosten, allerdings schauen die Länderverantwortlichen durchaus darauf, wie viele Reisende pro Tag auf einer Strecke unterwegs sind. Weil die Zuschüsse begrenzt sind, will man sie möglichst dort einsetzen, wo sie die größten Effekte versprechen. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang zwei Zahlen: 500 und 1000. Die erste markiert den inoffiziellen Mindestwert für Nahverkehrszüge in Ostdeutschland, der sich aus einer simplen Formel (Kartenlegende) ergibt. Mindestens 500 Reisende sollten demnach durchschnittlich pro Tag eine Zugverbindung nutzen. Doch bereits seit Jahren bedrängen die West-Verkehrsminister ihre Ost-Kollegen, den im Westen geltenden Mindestwert von 1000 Reisenden zu übernehmen und nur noch solche Strecken zu bezahlen, die diesen Wert erreichen, damit für den Westen mehr Geld übrig bleibt. Ein Experte des sachsen-anhaltischen Verkehrsministeriums ist sich allerdings sicher: "Dann wären bald fast alle Regionalbahnen im Osten tot."

Die Regionalbahn Magdeburg-Loburg gehört zu jenen Strecken, die wegen geringer Auslastung bereits seit Jahren unter besonderer Beobachtung der NASA standen. Zwischen 150 und 300 Reisende nutzten die Verbindung pro Tag. "Kein Wunder bei 48 Minuten Fahrzeit für die 35 Kilometer bis nach Magdeburg", schimpfte der damalige Loburger Bürgermeister Helmut Richert bereits 2005. Und: "Wenn der Zug schneller wäre, würden auch mehr Leute mitfahren." Verbessert hat sich die Reisezeit seitdem nicht, im Gegenteil.

Zuletzt setzte die Bahn die Geschwindigkeit auf mehr als der Hälfte der Strecke von 50 auf 30 km/h herab. Damit verlängerte sich die Fahrzeit auf mehr als eine Stunde. Für 2012 war eine weitere Verlangsamung um noch einmal fünf Minuten angekündigt.

Grund: Der schlechte Zustand der Strecke. Für die Instandhaltung ist die DB Netz AG, eine andere Bahntochter, verantwortlich. Die hat in den vergangenen zehn Jahren rund sieben Millionen Euro in die Strecke investiert. Für eine Modernisierung der Gleise auf Tempo 80 wären nach ihrer Darstellung weitere 15 Millionen Euro erforderlich, was die Loburger Bürgerinitiative pro Bahnstrecke für überzogen hält. Die DB Netz AG machte 2010 mehr als 750 Millionen Euro Gewinn. Doch das Geld wird lieber an den DB-Mutterkonzern abgeführt, der es in der Vergangenheit für Aufkäufe ausländischer Bahngesellschaften nutzte. In die Strecke Magdeburg-Loburg wollte die Netz AG nur investieren, wenn die Verbindung langfristig befahren würde.

Angesichts der geringen Nachfrage aber ist den Verantwortlichen der NASA eine langfristige Bestellung zu riskant. NASA-Geschäftsführer Klaus Rüdiger Malter betont, man habe den Zug nicht einfach eingestellt, sondern finanziere eine Buslinie mit bahnähnlichen Standards und kürzeren Fahrzeiten.

Das Aus für Magdeburg-Loburg kam also nicht völlig überraschend, der Zeitpunkt schon. Denn zwar hatte der damalige Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre (CDU) bereits 2005 die Strecke als gefährdet benannt und zu Ideen für mehr Fahrgäste aufgerufen. Aber noch in diesem Frühjahr hatte die NASA verkündet, innerhalb der nächsten zwei Jahre werde die Verbindung Bestand haben. Jetzt ist man bei der NASA zu der Erkenntnis gelangt, dass angesichts von Landflucht und Geburtendefizit auf dieser Strecke nie wesentlich mehr Reisende unterwegs sein werden als heute.

Erfahrungen zeigen, das Ende einer Regionalbahn war selten rühmlich: Einmal fanden von der Bahn beauftragte Ingenieure eine Brücke, die plötzlich nicht mehr tragfähig sei, mal eine defekte Weiche, deren Reparatur zu kostspielig war. Ein andermal wurden Züge abgezogen und anderswo eingesetzt, so dass von heute auf morgen auf Schienenersatzverkehr umgestellt werden musste.

Ein Blick in den Nahverkehrsplan des Landes zeigt, wohin die Reise gehen könnte. Zehn Strecken erreichen laut NASA-Prognose für 2015 die 500-Reisende-Grenze nicht (Karte). Bis 2025 wird das Land voraussichtlich ein weiteres Fünftel seiner Bevölkerung verlieren, in manchen Regionen werden es sogar fast 30 Prozent weniger Einwohner sein.

Wenn die Verantwortlichen für den Nahverkehr in Deutschland darauf keine besseren Antworten finden als Abbestellen und Stilllegen, dürfte es bald viele Demonstrationen vor Landtagen, nicht nur ostdeutschen, geben.

Allerdings darf sich auch jeder Einzelne fragen, wie viel ihm eine Zugverbindung in seinen Wohnort bedeutet. Es mag polemisch gewesen sein, doch etwas Wahres ist wohl dran an der Bemerkung von NASA-Chef Malter Anfang November in Loburg. Den zahlreich versammelten Bürgern hielt er vor: "Wenn alle, die heute hier sind, im Zug fahren würden, sähe es um die Bahnlinie besser aus."

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