Fünf Jahre lang stand das Magdeburger AltstadtKrankenhaus leer. Am Freitag öffnet es wieder seine Tore. Besucher erleben hier drei Wochen lang einen emotionalen Mikrokosmos, erschaffen von 238 Künstlern in mehr als 220 Räumen.

Magdeburg l Wer das große Tor zu dem Gelände des ehemaligen Altstadt-Krankenhauses durchschreitet, wird sich in einer anderen Welt wiederfinden. So lautet die Absicht des Vereins KulturAnker e.V., der mit seinem sechsten Teil der Reihe "Kabinett der Künste" einen verlassenen Gebäudekomplex in den kulturellen Mittelpunkt der Landeshauptstadt verwandeln will. "Romantik 2.0 ist eine ganz besondere Art der Kunstpräsentation", erzählt Ini- tiator Karsten Steinmetz. "Jüngere und ältere Künstlerinnen und Künstler arbeiten hier zusammen. Gemeinsam haben wir etwas erschaffen, das verdeutlichen soll, wie sich die Vermittlung der Gefühle im Wandel der Zeit verändert hat."

Die Veränderlichkeit der Gefühle zwischen Liebesbrief, Videobotschaft, digitaler Intimität: Was bedeutet das eigentlich für den Einzelnen? Mögliche Antworten darauf zeigen die 238 regionalen und überregionalen Künstler auf 4000 m2 in Form von Musik, bildender Kunst, Street-Art, Theater oder Performance.

Einer der 220 ehemaligen Krankenhausräume wurde vom Magdeburger Künstler Pawel Pisetzki mit Hilfe von Licht und Airbrush-Technik in ein leuchtendes Aquarium verwandelt. "Liebe, auf den ersten Blick", nennt er sein Werk. "Hier erklärt sich die Romantik natürlich von selbst", sagt der 31-Jährige.

Die Dresdener Künstlerin Tatjana Bikic geht an die Romantik ganz anders heran. Durch ihre Skulpturen und Gipsabdrucke möchte sie sich dem Ursprung der Romantik nähern. Dafür verarbeitet sie auch Tierinnereien. "Ich muss bei Romantik immer an Kitsch denken. Das ist nicht echt. Romantisch sind für mich Dinge, die ihre ganz eigene Schönheit haben, wie ein Schweinemagen, den man gegen das Licht hält."

Das Besondere an diesen Räumen ist, dass jeder von ihnen bereits seine eigene Geschichte hat. Ein Krankenhaus ist ein gefühlsbeladener Ort, der mit Ankunft, Abschied, Tod und Freunde in Verbindung gebracht wird. Michael Baltzer, Bildhauer aus Hamburg, hat sich für seine Kunst einen Raum auf der ehemaligen Intensivstation ausgesucht. In Gips gegossene Formen, teilweise bemalt, hängen in schweren Ketten von der Decke herab. Dazwischen die Anschlüsse für Beatmungsgeräte. "Ich möchte bei den Menschen Assoziationen hervorrufen, sie sollen spüren, dass etwas mit einem passiert, wenn sie diesen Raum betreten." Was das genau ist, möchte er jedem selbst überlassen. Nur der Titel seines Raumes soll einen kleinen Anstoß dafür geben: "Hot Dogs Magdeburg".

Jeder der Künstlerinnen und Künstler geht auf eigene Weise mit dem Thema um. Christian Rathman und Sebastian Post vom Künstlerkollektiv Lichtzauber zum Beispiel haben in ihrem Raum einen "Großstadtschungel" angelegt. Lichter, Geräusche, Pflanzen und Bilder sollen verdeutlichen, was mit einem Gebäude passiert, wenn man es sich selbst überlässt. Künstlerin Sophie Magirus entführt mit ihrer Rauminstallation die Besucher in eine fantasievolle Märchenwelt, die mit den Elementen Wasser, Luft und Erde spielt. Das Spielen mit Licht und Farben, das ist auch die Interpretation von Romantik für die drei Grafittikünstler Tobias und Thomas Hildebrandt sowie Gordon Motsch.

Um solch ein großes Projekt zu stemmen, bedarf es vieler helfender Hände. "Ein Zwanzigköpfiges Team organisierte ehrenamtlich innerhalb weniger Monate dieses besondere Kulturprojekt", erzählt Mitinitiator Alexander Biess. "Trotzdem können wir noch jede Menge Unterstützung gebrauchen. Freiwillige, die beispielsweise an der Bar aushelfen können, bekommen natürlich für den gesamten Zeitraum freien Eintritt."

Romantisch geht es aber nicht nur innerhalb der drei Gebäude zu. Auf dem großen Außenbereich befinden sich zahlreiche Bars, Bühnen und auch ganz besondere "Kuschelecken". Der Mecklenburger Künstler Friedrich Bielenstein gestaltete mit exotischen Gewächsen, Lichtern und Skulpturen einen Sommergarten, der zum Träumen und Verweilen einlädt. "Natur ist doch der Ursprung der Romantik", sagt er dazu.

"Neben unserer großen Galerie wird es auch zahlreiche Workshops, Theater- und Filmvorführungen, Lesungen und Konzerte geben", berichtet Biess. "Und jeden Sonntag findet hier auf dem Gelände ein bunter Trödelmarkt statt." Ein ganz besonderer Höhepunkt wird das Feiern des indischen Holi-Festes sein. Dabei wird ausgelassen getanzt und sich gegenseitig mit gefärbtem Puder oder Wasser besprengt. Ein Programmpunkt für besonders übermütige Romantiker. "Ich glaube, jeder Mensch ist auf der Suche nach Romantik und stellt sich die Frage, was sie heutzutage noch bedeutet", erklärt Biess noch einmal den Kerngedanken des Projektes. Und wer nach einem langen Tag bei Romantik 2.0 durch das große Tor auf dem Gelände des Altstadt-Krankenhauses wieder heraustritt, wird wohl mit einem ganz besonderen Gefühl nach Hause gehen. "Mit einem Lächeln, etwas emotionalem Muskelkater und einem neuen Bewusstsein für die Bandbreite der Gefühle", wie sich Karsten Steinmetz wünscht.

 

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