Bis zur deutschen Teilung war Schierke ein berühmtes Wintersportzentrum des Nordens. Die Stadt Wernigerode, zu der der Ort heute gehört, will mit ehrgeizigen Plänen und viel Geld an die alten Glanzzeiten anknüpfen.

Wernigerode/Schierke l Knapp drei Jahre, nachdem Schierke von Wernigerode eingemeindet wurde, wühlen sich in Schierke mächtige Bagger in die Erde. Zwei Straßenbrücken über die Kalte Bode sind im Bau, eine weitere für Wanderer und Skiläufer soll folgen, zudem wird eine alte Autobrücke für Fußgänger umgebaut. Zusammen mit der Modernisierung einer Straße soll das acht Millionen Euro kosten. Ein Menge Geld für einen Ort mit kaum 700 Einwohnern.

Doch wenn es nach Peter Gaffert geht, ist die Sache erst der Auftakt zu etwas weitaus Größerem. Gaffert, der einst den Nationalpark Harz leitete und seit vier Jahren parteiloser Oberbürgermeister von Wernigerode ist, will dem Ortsteil zu neuer touristischer Blüte verhelfen.

Schierke hat eine große Tradition als Winterkurort, verfügte vor dem Zweiten Weltkrieg über Sprungschanzen, eine Bobbahn und ein Alpinskigebiet. Nach der deutschen Teilung und dem Ausbau der Grenze ab 1961 wurden die Sportanlagen aufgegeben, doch die Urlauber kamen weiter.

Nach der Wende versuchte die Gemeinde, an die Geschichte anzuknüpfen, verkämpfte sich aber in Konflikten mit dem neu gegründeten Nationalpark Harz. Hotels wie das einst mondäne "Heinrich Heine" verfielen, andere wurden abgerissen, die Bevölkerung ging um mehr als ein Drittel zurück. Doch nicht zuletzt wegen der Nähe zum Brocken, der urwüchsigen Natur ringsum und Attraktionen wie den Harzer Schmalspurbahnen blieb der Tourismus die Haupteinnahmequelle der Schierker. Hotels und Pensionen wurden modernisiert oder neu gebaut, die Jugendherberge zählt zu den beliebtesten in Sachsen-Anhalt, selbst einen Campingplatz gibt es.

Knapp 250 000 Übernachtungen zählt der kleine Ort heute, etwa doppelt so viele sollen es nach dem Willen des Wernigeröder Oberbürgermeisters werden. Vor allem in der Oberklasse fehlten Hotelangebote. Das würde er gern ändern.

Fragt man Peter Gaffert nach Konkretem, gerät er leicht ins Schwärmen. Es gehe um eines der ambitioniertesten Tourismusprojekte des Harzes, sagt er, und fast meint man, als sehe Gaffert die geplanten Bauten bereits vor sich: Wenn die beiden neuen Zufahrtsstraßen fertig seien, soll die Brockenstraße in eine autofreie Flaniermeile verwandelt werden, auf der die Gäste unter gläsernen Arkaden durch den Ort wandeln. Eine neue Tourist-Information sei geplant, der Kurpark werde umgestaltet und bekomme einen Musikpavillon. Das alte Eisstadion würde mit einem Dach versehen, für andere Sportarten nutzbar, und eine neue Fußgängerbrücke soll vom Ortskern zu einem Parkhaus für 715 Autos führen.

Von dort aus gehe es per (geplanter) Seilbahn zum alpinen Skigbiet am Großen Winterberg, wo unweit des bestehenden Loipenhauses eine Bergstation "mit Panorama-Restaurant" entstehen soll. Die meisten Ideen stammen aus der Feder des Berliner Architekten Wolf-Rüdiger Eisentraut, der in den 1970er Jahren am Palast der Republik mitplante und nach der Wende das Nationalparkhaus auf dem Brocken umgestaltete.

"Wir sind optimistisch, dass wir das schaffen", sagt Bürgermeister Gaffert. Doch selbst das wirtschaftlich starke Wernigerode stößt mit dem auf 36 Millionen Euro veranschlagten Großprojekt an seine Leistungsgrenze. Zwar sollen etwa 80 Prozent der Summe vom Land bezahlt werden. Doch um ihren Anteil von gut 20 Prozent aufzubringen und den Haushalt im Gleichgewicht zu halten, musste die Stadt die Gewerbesteuer auf einen neuen Rekordwert anheben und andere Stadtausgaben kürzen.

Innerhalb weniger Jahre sollen die meisten Vorhaben umgesetzt werden. Übermorgen beispielsweise soll der Stadtrat einen Grundsatzbeschluss für das geplante Alpinskigebiet fassen. Bereits im März war das elf Millionen Euro teure Parkhaus an der geplanten Talstation abgesegnet worden.

"Wir sind optimistisch, das zu schaffen."

Peter Gaffert, Wernigerode

Der Oberbürgermeister mahnt die Stadträte zu schnellen Beschlüssen. Man müsse sich beeilen, ehe es mit dem Ende der EU-Förderperiode keine Fördermittel für solche Projekte mehr gebe, warnt er. Doch das von der Verwaltung vorgegebene Tempo ist manchem im Stadtrat zu hoch.

Zum Beispiel Thomas Schatz (Linke), Chef des städtischen Finanzausschusses. "Es kommt einem vor, als seien wir in einen Zug gestiegen, von dem wir nicht wissen, wohin er fährt", sagt Schatz. Sei es zunächst nur um die Ortsentwicklung von Schierke gegangen, rücke die Verwaltung nun das Wintersportgebiet am Winterberg in den Vordergrund. Das Gesamtprojekt zerfalle immer mehr in Einzelvorhaben, die finanziellen Folgen für die Stadt seien schwer abzuschätzen.

So will die Stadt zum Beispiel das geplante Parkhaus selbst betreiben. "Das Parkhaus ist ganz sicher kein Zuschussgeschäft", sagt der Oberbürgermeister. Erfahrungen in anderen Kommunen sagen etwas anderes.

Auch die geplante Seilbahn auf den Winterberg steht noch in den Sternen. Der Oberbürgermeister will für deren Bau und Betrieb einen privaten Investor gewinnen "oder notfalls eine kommunale Gesellschaft gründen".

Umweltschützer sind alarmiert, weil der am Winterberg geplante Abfahrtshang, unmittelbar am Nationalpark Harz gelegen, mit Schneekanonen berieselt werden soll. Skifreunde wiederum stört, dass der ausgewählte Hang nicht anspruchsvoll genug ist, der alte Alpinhang aber im Nationalpark liegt.

Im Wernigeröder Stadtrat stößt sauer auf, dass die stets angepeilte Kooperation mit dem niedersächsischen Braunlage und dem Braunlager Skigebiet am Wurmberg so bislang nicht zustande kommt. Es heißt, die Braunlager mauerten.

Ein mulmiges Gefühl beschleicht einige Stadträte auch, was mögliche Kostensteigerungen bei den Bauprojekten betrifft. Die Stadt Wernigerode hatte vor einigen Jahren fragwürdige Berühmtheit in Sachsen-Anhalt erlangt, weil eine unterirdische Kreuzung, der "Altstadtkreisel", am Ende nicht 14,7 Millionen Euro kostete, wie geplant, sondern 31 Millionen Euro, was der Landesrechnungshof scharf rügte.

Das damals federführende Ingenieurbüro Setzpfand ist heute mit seinen Tochterfirmen maßgeblich an etlichen Projekten in Wernigerode beteiligt, auch an den Brücken- und Straßenbauten in Schierke. Oberbürgermeister Gaffert verteidigt diese Aufträge: "Für Brücken braucht man Spezialisten. Davon gibt es nicht so viele in Deutschland."

Und was meinen die Schierker? Ortsbürgermeisterin Christiane Hopstock (CDU), die Tochter des Brockenwirts Hans Steinhoff, glaubt an die große Idee. "Das Projekt ist super! Es muss in Schierke etwas passieren. Vom Winter allein können wir nicht leben." Deshalb sei es gut, dass auch Ganzjahresangebote für Touristen entwickelt werden sollen, etwa ein Kletterwald oder spezielle Strecken für Mountain-Biker. Hopstock: "Das Ganze ist anscheinend auch umsetzbar. Wir müssen allerdings darauf achten, dass Schierke Schierke bleibt und nicht Sankt Moritz wird", sprich Urwüchsigkeit statt Schickimicki.

Ingo Nitschke ist Wetterwart auf dem Brocken und betreibt zusammen mit seiner Frau einen Campingplatz am Schierker Ortseingang. Die Einwohner seien nicht ausreichend in die Pläne einbezogen worden, sagt Nitschke, der bis 2009 Gemeinderat war. "Da wird eine Menge Geld für Gutachten, Pläne und Entwürfe ausgegeben. Ich frage mich, was davon am Ende verwirklicht wird."

Thomas Maske ist gebürtiger Berliner, zog 2004 nach Wernigerode und unterhält seither in Schierke eine Sommerrodelbahn am Parkplatz in der Ortsmitte. Von den neuen Plänen hält er nicht viel: "Das mutet an wie ein West-Projekt aus den Siebzigern." Man hätte besser Einwohner und Gewerbetreibende für eine Ideensammlung gewinnen sollen, sagt er und fürchtet: "Wenn das Parkhaus kommt und unser Parkplatz zumacht, sind wir tot."

Die geplante Flaniermeile im Ort hält Maske für Geldverschwendung. "Haben Sie mal gesehen, wie wenige Leute in der Woche dort langlaufen? Das werden doch nicht mehr, bloß weil der Fußweg ein Glasdach bekommt."

 

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