Schrauben aus Zerbst, Küchen aus Burg, Mess-geräte und Armaturen aus Magdeburg: Mit den Produkten der volkseigenen Betriebe konnte sich die DDR im Außenhandel wertvolle Devisen beschaffen - und setzte für die Produktion auch Strafgefangene ein. Ein Zeitzeuge erinnert sich.

Magdeburg l Ein Fernsehbericht des WDR war es, der Zwangsarbeit in den DDR-Gefängnissen wieder in die öffentliche Debatte brachte. Das Magazin "Markt" hatte im "IKEA-Check" unter Berufung auf die Aussagen ehemaliger Strafgefangener und Stasi-Unterlagen berichtet, in DDR-Gefängnissen seien in den 1970er und 1980er Jahren in Zwangsarbeit Möbel für das schwedische Unternehmen hergestellt worden. Ein Aufschrei ging durchs Land, das Image der längst Kultstatus genießenden Kette hatte einen Knacks.

Historikern und Opferverbänden war das indes längst bekannt. Auch Wolfgang Stiehl überrascht die IKEA-Debatte nicht. Er ist Vorsitzender der Landesgruppe der Vereinigung der Opfer des Stalinismus und hat selbst als politischer Strafgefangener im Gefängnis gesessen. Stiehl weiß: Die "Politischen" wurden nicht mit Samthandschuhen angefasst, sondern schienen der Obrigkeit viel gefährlicher als Bankräuber oder Mörder. "Derjenige, der die antifaschistisch-demokratische Ordnung angreift, wird wegen seiner verbrecherischen Taten bestraft und hat folglich ein kriminelles Verbrechen begangen", gab DDR-Justizminister Max Fechner bereits 1951 als Parole aus.

Was das bedeutete, erlebte Wolfgang Stiehl am eigenen Leib: Von Februar 1953 bis November 1956 saß er wegen "Boykotthetze" im "Roten Ochsen" in Halle. Der gebürtige Schönebecker hatte sich aus Sicht der Richter dreier Vergehen schuldig gemacht. Stiehl konnte der Besitz satirischer Zeitschriften wie der "Tarantel" nachgewiesen werden. Mit 18 hatte der gelernte Bäcker an der Universität in Halle ein Studium als Lebensmittelchemiker aufgenommen. "In den Fünf-Bett-Schlafräumen der Nicht-Hallenser plärrte der DDR-Funk, darum kauften wir Stubengenossen uns ein anständiges Radio, hörten Rias und den Norddeutschen Rundfunk, wegen der tollen Musik und der Nachrichten", denkt Wolfgang Stiehl zurück. Zu seiner Verhaftung führte jedoch die Fahrt mit einem vermeintlichen Freund in den Weihnachtsferien 1952/53 zum Rias nach Westberlin. Denn dort sollte es Fachbuchspenden für Oststudenten geben. Sein "Freund" war jedoch von der Staatssicherheit auf ihn angesetzt worden, wie sich später herausstellte.

"Als ich ein paar Wochen später am Wochenende meine Eltern in Schönebeck besuchte, wurde ich quasi auf offener Straße gekidnappt", erzählt der heute 74-Jährige. Eine schwarze EMW-Limousine habe in seiner Nähe gehalten, zwei Männer packten ihn mit "schraubstockhartem Griff an die Arme", und schon ging die Fahrt nach Halle in den Roten Ochsen. "Ich wusste, das ist die Firma, also die Stasi, und beschloss, dass ich niemanden verraten würde", so Stiehl.

Nach entwürdigenden Aufnahmeritualen schmorte er tagelang im A-Block des Roten Ochsen, dann folgten ständig nächtliche Vernehmungen. "Dabei wurde mir schnell klar, dass ich alles zugeben konnte, was im Beisein des Freundes passiert war. Den Rest habe ich für mich behalten", denkt Stiehl zurück. Dennoch fiel die Strafe empfindlich aus: Am 11. April 1953 verurteilte ihn der 1. Strafsenat des Bezirksgerichtes Halle/Saale wegen Verbrechen nach Artikel 6 der DDR-Verfassung (Boykotthetze) zu sechs Jahren Zuchthaus.

Stiehl fand das als junger Bengel nicht so schlimm. "Wir dachten damals alle, der Staat macht es nicht mehr lange. 80 Prozent der Bevölkerung waren unzufrieden, nur durch die Russen blieb die DDR an der Macht", sagt er mit Blick auf den Volksaufstand nur wenige Monate später. Stiehl bekam von den Tumulten nicht viel mit. Er saß im B/D-Block des Roten Ochsen in einer Jugendzelle, arbeitete erst in der Schneiderei und dann entsprechend seines erlernten Berufes in der Gefängnisbäckerei. "Ich hatte großes Glück. Wir litten keinen Hunger und konnten uns duschen." Doch auch im Ochsen gab es die berüchtigte Schrottabteilung, wo Häftlinge Metallteile durch Zerschlagen mit dem Hammer zerlegten und fürs Einschmelzen in volkseigenen Betrieben vorbereiteten. Dort, so Stiehl, habe es sehr viele Unfälle gegeben. "Die Arbeitsschutzbedingungen waren unter aller Sau, es gab eine hohe Norm, und viel Druck von den Aufsehern. Wer da nicht mithalten konnte, wurde verachtet und bestraft." Für Stiehl war das Planerfüllung auf Kosten der Gesundheit der Gefangenen.

Wieder hatte er Glück, kam am 16. November 1956 nach 46 Monaten im Rahmen einer Amnestie frei. Weiterstudieren, wie der junge Stiehl naiv annahm, konnte er nicht. Wenn überhaupt, sagte man ihm, dürfe er sich "in der Produktion bewähren". Ein drittes Mal war Wolfgang Stiehl das Glück hold: In Schönebeck kam er in einem HO unter, weil er den Betriebsleiter von seiner Anständigkeit überzeugen konnte. "Das war wie ein Sechser im Lotto. Ich habe mir dann eine Art Tarnkappe übergezogen und mich rege am politischen Diskurs in der DDR beteiligt. Aber über meine wahren Gedanken wusste niemand Bescheid", sagt Stiehl heute.

Er habe trotzdem weiter NDR gehört - aber auch den Schwarzen Kanal, damit er wusste, was da los war. Nach der Wende konfrontierte er in einem Buch seinen "Freund" von damals und schickte ihm ein Exemplar. Eine Entschuldigung erhielt Stiehl nie. Heute setzt er sich für die Opferarbeit ein. "Ich hatte damals großes Glück", unterstreicht Stiehl nochmal. Doch die meisten politischen Strafgefangenen hätten durch die Haft und die Arbeit dort nicht nur bleibende körperliche und psychische Schäden erlitten. Heute erhalten sie auch nur eine Minirente, weil die meisten anders als Stiehl zu DDR-Zeiten kaum mehr einen Fuß in die Arbeitswelt bekamen. Erst seit 2007 gibt es für sie wenigstens eine Opferrente von maximal 250 Euro.

Der Fall IKEA ist für Stiehl klar: "Die betroffenen Unternehmen können und müssen sich damit rausreden, dass ihr Partner der Außenhandel der DDR war. Wo was produziert wurde, habe man eben nicht gewusst." Schließlich gab es keinen direkten Kontakt zwischen Haftanstalt und Käufern, obwohl man in der BRD durch Freigekaufte sehr wohl wusste, was in den DDR-Gefängnissen passiert.

Doch wo wird aus der Arbeitspflicht, die noch heute besteht, die Zwangsarbeit? Die Internationale Arbeitsorganisation definierte bereits 1930 Zwangsarbeit als "unfreiwillige Arbeit oder Dienstleistung, die unter Androhung einer Strafe ausgeübt wird". Nicht dazu gehört jedoch ausdrücklich die Arbeit im Strafvollzug. "Für mich ist Bedingung, wie weit die Arbeit im Akkord stattfand oder unter Missachtung des Arbeitsschutzes", sagt Wolfgang Stiehl - und weist darauf hin, dass die Bundesrepublik auch heutzutage mit China Geschäfte mache, obwohl dort Menschen für wenig Geld und zu schlechten Bedingungen im Akkord arbeiten. Ulrike Poppe, Stasi-Beauftragte für Brandenburg, sieht einen Zwang durch die Zuweisung bestimmter Arbeiten und die damit einhergehenden Bedingungen. Wissenschaftlich aufgearbeitet sei das Thema aber kaum.

Aus Erfahrung ihres Berliner Kollegen Martin Gutzeit kommt die Debatte um die Gefängnisarbeit zwangsläufig immer wieder auf: "Die Schwierigkeit für die Betroffenen liegt im Gefühl, dass sie zu Unrecht im Gefängnis saßen und sich durch die Arbeit doppelt missbraucht fühlen."