Nach der Schatzsuche (Geocaching) zweier Familienväter ermittelt die Polizei nun gegen einen 58-jährigen Jäger aus Ebendorf (Landkreis Börde) wegen "Bedrohung mit einer Waffe". Der Vorwurf: Der Mann holte sein geladenes Gewehr aus dem Auto und baute sich damit vor ihnen auf.

Ebendorf l Seit einem halben Jahr ziehen Steffen Ruloff und sein Freund regelmäßig mit ihren Kindern aus Magdeburg ins freie Gelände zum "Geocaching", eine moderne Form der Schatzsuche. Es geht darum, über bestimmte Koordinaten von anderen Teilnehmern des Spiels Tauschgegenstände zu finden. So auch am vergangenen Freitag.

Verdacht der Wilderei

Die beiden Männer fahren mit ihren Mopeds allein los nach Ebendorf. Es ist gegen 18 Uhr, als sich beide dem letzten Versteck ihrer Schatzsuche nähern. In einer einzelnen Linde am Feldrand muss irgendwo in dem Baumhaus das Versteck sein. Das zeigen ihre Geräte an. Während Steffen Ruloff unten am Baum stehen bleibt, klettert sein Freund nach oben. Als dieser fast in der Krone verschwunden ist, nähert sich mit hoher Geschwindigkeit ein Auto. Der Fahrer bremst und bleibt etwa sechs Meter vor dem Baum stehen. "Es stieg plötzlich ein Mann mit Tarnanzug aus und trat mir zügig und aufgebracht entgegen. Er machte einen aggressiven Eindruck", erinnert sich später der Magdeburger.

Sein Freund ist zu diesem Zeitpunkt noch immer im Baum. Ruloff: "Während er nach einer gefahrlosen Möglichkeit des Abstiegs suchte, betitelte uns der Mann als Wilderer. Ich sagte ihm, dass wir unser Fleisch im Supermarkt einkaufen." Dem Jäger, so stellt sich erst später heraus, ist dies schon zu viel.

Er geht zu seinem Auto zurück, öffnet die Tür und holt ein Jagdgewehr mit Zielfernrohr vom Rücksitz. "Damit baute der Mann sich vor uns auf, der Lauf des Gewehrs war nach oben gerichtet. In diesem Moment hatte ich Angst um mein Leben und das meines Freundes, der immer noch versuchte herunterzuklettern", sagt Ruloff.

Der 40-jährige Magdeburger im Baum setzt einen Notruf bei der Polizei ab. Der Jäger auch, nur er sagt den Beamten, dass er gerade zwei Wilderer gestellt habe.

Es folgen endlose Minuten. Der 32-Jährige erinnert sich: "Ich habe, wie ich es beim Rettungsdienst gelernt habe, immer wieder auf den Mann eingeredet, um ihn zu beruhigen. Erst kurz vor dem Eintreffen der Polizei ging der Jäger zu seinem Auto und entlud seine Waffe. Die Patrone steckte er ins Magazin zurück." Die Polizisten kommen. Sie begrüßen den Jäger mit Handschlag, lassen sich kurz die Situation schildern. Ruloff: "Erst dann verlangte einer der Beamten unfreundlich unsere Ausweise. Wir meinten, dass wir doch die Opfer sind. Doch der Polizist sagte nur ,erstmal die Ausweise her!\'"

Jäger will sich nicht äußern

In der Zwischenzeit darf der Jäger fahren. "Wir wollten Anzeige erstatten. Das äußerten wir immer wieder", erklären beide später. Stattdessen sei ihnen gesagt worden, dass sie doch froh sein können, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Die beiden fahren nach Hause. Sie erstatten aber am nächsten Tag Anzeige bei der Polizei in Magdeburg.

Der Sprecher der Polizeidirektion, Frank Küssner, bestätigte dies. Die Untere Jagdbehörde sei außerdem von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt worden. Der Mann sei Jagdpächter für dieses Gebiet.

Außerdem werde auch im Rahmen einer Dienstaufsichtsbeschwerde ein mögliches Fehlverhalten der Beamten geprüft. Polizisten müssen nämlich unabhängig von der persönlichen Einschätzung des Falls laut Strafprozessordnung eine Anzeige aufnehmen. Dies, so zumindest der Vorwurf der beiden Magdeburger, ist nicht erfolgt.

Der 58-jähriger Jäger sagte der Volksstimme nur: "Dazu sage ich nichts. Fragen Sie doch die Polizei!"