Ungeachtet von Kritik werden im Harz zwei parallele Skiprojekte forciert. Eine Verzahnung der Vorhaben zwischen Wernigerode/Schierke (Sachsen-Anhalt) und Braunlage (Niedersachsen) gibt es nicht.

Wernigerode/Brocken l Braunlages Bürgermeister Stefan Grote (SPD) hat einer Seilbahn von Schierke auf den Wurmberg bei Braunlage eine Absage erteilt. Nach Einschätzung des privaten Betreibers der Braunlager Wurmbergseilbahn sei eine Verlängerung nach Schierke "betriebswirtschaftlich nicht zu schaffen", sagte Grote gestern beim "Brockenstammtisch".

Das Schierker Seilbahnprojekt ist Teil des 36-Millionen-Euro-Vorhabens "Orts- und Tourismusentwicklung Schierke", das die Stadt Wernigerode seit der Eingemeindung des Ortes vor drei Jahren vorantreibt. Mit 75 Prozent Fördermitteln werden zurzeit zwei Brücken gebaut. Straßen sollen folgen und die Ortsmitte vom Verkehr befreien, die in eine Fußgängerzone umgewandelt werden soll. Die Stadt will auch ein Parkhaus mit 715 Plätzen bauen und betreiben. Am Großen Winterberg, am Nationalpark Harz, soll ein Alpin-Ski-Hang angelegt und mit Schneekanonen präpariert werden. In vier Jahren, wenn die EU-Förderung sinkt, soll alles fertig sein.

Wernigerodes Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) glaubt, dass sich dann in Schierke gehobene Einzelhandelsgeschäfte ansiedeln werden, Investoren Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels bauen oder die Seilbahn. Wegen der Ablehnung in Braunlage könnte diese nur verkürzt gebaut werden, was Geldgeber bisher davon Abstand nehmen lasse. Gaffert möchte Schierkes Übernachtungszahlen von 250 000 im Jahr verdoppeln. Braunlage verfolgt eigene Pläne, will mit zehn Millionen Euro seine Innenstadt aufpolieren und den Wurmberg-Skihang erweitern. Im Ostharz argwöhnt mancher, Braunlages Zurückhaltung sei konkurrenzbedingt.

Pamela Groll, die Geschäftsführerin der Seilbahnen Thale, hält eine Schierker Seilbahn nur für wirtschaftlich, wenn diese bis auf den Wurmberg führt.

Bürgermeister Gaffert sagte, zurzeit würde das Vorhaben ökologisch und ökonomisch untersucht. Er räumte ein, ohne Seilbahn würde das Parkhaus nur eine Auslastung von 20 Prozent pro Jahr erreichen. Das hatte ein aktuelles Gutachten im Auftrag der Stadt ergeben, dessen Inhalt die Stadt unter Verschluss hält.

Unabhängig davon übergab Wirtschaftsstaatssekretär Michael Richter (CDU) gestern einen Förderscheck über 6,7 Millionen Euro für das Parkhaus. Rund 2,5 Millionen Euro steuert Wernigerode bei, hat dafür extra den Gewerbesteuersatz angehoben.

Beide Harzer Skiprojekte stoßen bei Umwelt- und Tourismusfachleuten auf Kritik. Annette Leipelt vom Naturschutzbund Sachsen-Anhalt sagte: "Das ist Gigantismus, genau die Art von Tourismus, die wir nicht wollen."

Carmen de Jong, Geographie-Professorin und Expertin für Skitourismus, warnte jüngst im Harz vor negativen Folgen des Projekts: "Alpiner Wintersport hat im Harz keine Zukunft. Er ist auch keine Ergänzung, sondern wird langfristig den Sommertourismus vernichten."

Wernigerodes Oberbürgermeister Gaffert, der heute "hinter jedem zweiten Baum Bedenkenträger" wittert, hatte einst selbst ein Skigebiet am Winterberg abgelehnt. 1997 schrieb er in einem Beitrag für "Die Zeit": "Der Mensch sollte in seinem Drang, alles gestalten zu wollen, außen vor bleiben." Damals war er Chef des Nationalparks Harz. Seite 4