Zerbst l "Die eigentliche Wirtschaft in Anhalt und deren Struktur bildete sich erst nach 1830 heraus", sagt Manfred Piotrowsky, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau (IHK). Und auch: "Viele Eckpfeiler der damaligen Schwerpunktwirtschaft bestimmen interessanterweise auch die gegenwärtige regionale Wirtschaftsstruktur. Viele frühere Leuchttürme sind auch die heutigen oder deren Nachfolger."

Unter anderem mit dem bereits 1994 erschienenen Buch zur Wirtschaft in Anhalt und dem 2010 herausgebrachten Band zur Wirtschaft in Dessau-Roßlau hat die IHK diese Entwicklung aufgearbeitet.

"Der Zuckerrübenanbau war - unter Nutzung der guten Böden - sozusagen der Auslöser der industriellen Entwicklung in Anhalt", taucht Manfred Piotrowsky in die Wirtschaftsgeschichte ein. Über 37 Zuckerfabriken existierten um 1872 in Anhalt. 1885 war die Dessauer Zuckerraffinerie die größte in Deutschland. Nicht direkt in Anhalt, aber in Sachsen-Anhalt, setzen heute drei große Zuckerfabriken diese Tradition fort, so in Könnern nahe Bernburg.

Große Bedeutung hatte - das ist heute so nicht mehr der Fall - das Braugewerbe in Anhalt. Die Dessauer Schultheißbrauerei war Ende des 19. Jahrhunderts eine der bedeutendsten in Deutschland. Aus Zerbst ging das Bitterbier auch in den internationalen Export.

Die Ernährungsindustrie zählt bis heute zu Anhalts wichtigsten Industriezweigen. Dafür stehen Firmen wie Wiesenhof, Füngers, Ditsch, Anhalter Fleisch- und Wurstwaren Zerbst, Köthener Fleisch- und Wurstwaren, Allfein oder Pauly Biskuit.

Der hohe Bedarf an Brennstoffen beförderte zunächst auch in Anhalt die Entwicklung des Braunkohlebergbaus. Die eher kleineren Gruben wurden wegen Unwirtschaftlichkeit später stillgelegt. Als sich Kalisalz als erfolgreicher Dünger für den intensiven Zuckerrübenanbau erwies, erfolgte ab 1861 der Abbau in Leopoldshall. Ein Jahrzehnt später gab es über 20 Kaliwerke in Anhalt. "Sie wurden zur Haupteinnahmequelle des Fürstenhauses Anhalt-Dessau", erklärt der IHK-Geschäftsführer. Heute wird nach wie vor Kalkstein in Bernburg abgebaut und für die Herstellung von Zement und Soda weiterverarbeitet. So im 1883 von dem Belgier Ernest Solvay gegründeten, gleichnamigen Unternehmen.

Anhalt hatte zwischen 1840 und 1870 das dichteste Eisenbahnnetz in Deutschland. In dem Zusammenhang wurde 1859 der Dessauer Wallwitzhafen gebaut, der bis in die Nachkriegszeit wichtigster Güterumschlagplatz in Mitteldeutschland blieb. Anhalts Hafentradition wird jetzt in Aken und Roßlau weitergeführt.

Die erste elektrische Fernbahnstrecke Deutschlands bestand ab 1911 zwischen Dessau und Bitterfeld. Das 1929 eingeweihte Ausbesserungswerk für elektrische Lokomotiven in Dessau gehört heute als eines der größten zur Deutschen Bahn AG und beschäftigt über 1200 Mitarbeiter.

Groß ist auch Anhalts Maschinenbautradition, nicht zuletzt begründet durch den für die Zuckerrübenverarbeitung nötigen Anlagenbau. Der Maschinenbau ist bis heute ein strukturbestimmender Industriezweig. In Zerbst etwa wurde 1867 die Werkzeugmaschinenfabrik und Eisengießerei Franz Braun AG gegründet, in deren Nachfolge heute die Wema als Teil der Emag-Gruppe ein nach wie vor bedeutender Produktionsstandort ist. Die 1866 gegründete Schiffswerft Roßlau war 1900 die bedeutendste Binnenwerft Europas und existiert nach wie vor. Das betrifft unter anderem auch den 1861 gegründeten Raguhner Lochblech-Hersteller, heute Teil des weltgrößten Produzenten, der dänischen RMIG GmbH.

Tradition und Innovation verbinden sich ebenso in Anhalts gegenüber dem Maschinenbau relativ jungen Industriezweig, der Pharmaindustrie. Sie entstand 1921 in Dessau mit der Gründung des Anhaltischen Serum-Institutes. Heute gehören die Nachfolger, die Impfstoffwerke ITD Biologika GmbH zu den bedeutendsten Unternehmen in Sachsen-Anhalt.

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