Rund 40 Tötungsdelikte – Mord und Totschlag – werden Jahr für Jahr in Sachsen-Anhalt verübt. Und obwohl die Aufklärungsquote gerade bei diesen Kapitaldelikten bei weit mehr als 94 Prozent liegt, blieben seit 1990 39 Fälle mit 40 Opfern ungeklärt.

Volksstimme-Chefreporter Bernd Kaufholz hat bei Polizei und Staatsanwaltschaften recherchiert und stellt nach 2004 zum zweiten Mal die komplette Liste ungeklärter Tötungsdelikte des Bundeslandes vor. Es handelt sich um Fälle, wo zum Teil Täter und Tatmotiv völlig im Dunkeln liegen, wo sich Tatverdächtige seit Jahren auf der Flucht befinden oder wo die Polizei glaubt, den oder die Täter zu kennen, es jedoch an handfesten Beweisen mangelt.

Der am weitesten zurückliegende Fall ist inzwischen 21 Jahre alt. Opfer war der damals sechs Jahre alte Michel Obenauff aus dem Salzlandkreis. Der jüngste Fall ist der Tod des 42 Jahre alten Eric Brand aus Stendal. Der Altmärker wurde im Sommer 2010 tot in einer Gartenlaube aufgefunden. Opfer sind 30 Deutsche, vier Bürger der ehemaligen Sowjetunion, drei Vietnamesen, ein US-Amerikaner, ein Mosambikaner und ein Mann unbekannter Herkunft.

Getötet wurden 30 Männer und zehn Frauen. Darunter ein Kind und zwei Jugendliche. Das prominenteste Opfer ist der Manager der "Kastelruther Spatzen". Er wurde 1998 in Magdeburg getötet.

Michel Obenauff (6)
Eickendorf. Am 19. August 1990 wird Michel Obenauff aus Eickendorf (Salzlandkreis) von seiner Mutter vermisst gemeldet. Drei Jahre später, am 3. August 1993, wird seine skelettierte Leiche in einem lange Zeit ungenutzten Kartoffelkeller des Dorfs gefunden. Die Schuhe fehlen. Die genaue Todesursache kann nicht mehr festgestellt werden.

SilvanaOtzipka (17)
Pulspforde. Silvana Otzipka aus Pulspforde (Anhalt-Bitterfeld) wird am 26. Juli 1992 von einem Schrottsammler tot aufgefunden. Die verkohlte Leiche liegt zwei Kilometer von Zerbst entfernt auf einem ehemaligen Schießplatz der russischen Armee. Sowohl Todeszeit als auch Todesursache sind ungeklärt. Die Jugendliche war seit dem 19. Juli vermisst worden.

Shawn Flamma (28)
Halle. Der Kalifornier wird am 27. Mai 1998 in der "Flamingo"-Bar von Halle von zwei Unbekannten erstochen. Die Täter – möglicherweise Kosovo-Albaner – können unerkannt fliehen.

Anja Lengnick (16)
Aschersleben. Anja Lengnick verblutet am 4. September 1998 vor ihrer Haustür in Aschersleben (Salzlandkreis). Ein Unbekannter hatte sie gegen 1.30 Uhr nach dem Besuch der Diskothek "Manege" niedergestochen.

Renate M. (61)
Wolfen. Die Invalidenrentnerin wird am 4. August 2001 in ihrer Plattenbauwohnung in Wolfen-Nord von einem Bekannten tot aufgefunden. Erst die Obduktion ergibt, dass die Frau erwürgt wurde.

Beatrice R. (19)
Leuna. Am 7. Oktober 1990 findet ein Mann auf einer verwilderten Wiese unweit des Leuna-Geländes (Saalekreis) die Leiche der 19 Jahre alten Beatrice R. aus Halle. Die junge Frau wurde vergewaltigt und erwürgt. Das Opfer war am 1. Oktober nach dem Besuch der Disko im Jugendclub Leuna nicht nach Hause gekommen.

Eric Brand (42)
Stendal. Der 42 Jahre alte Mann wird am 11. Juli 2010 in einer Laube in einer Stendaler Gartensparte im Bindfelder Seitenweg tot aufgefunden. Der Notarzt stellt Spuren von Gewaltanwendung fest. Die Kriminalpolizei ermittelt wegen Totschlagsverdachts.

Jörg H. (20)
Halle. Der Musikstudent will am 1. Mai 1994 seine Freundin vor sexueller Belästigung beschützen. Als er den Täter verfolgt, wird er von diesem mit einem Revolver erschossen.

Gurgen G. (31)
Halle. Nach einer Autojagd durch Halle und anschließender Schießerei wird der Armenier Gurgen G. am 22. April 1996 bei Peißen (Saalekreis) von Unbekannten durch Kopfschüsse getötet.

Karin Sch. (53)
Zeitz. Am 26. August 1996 wird in Zeitz (Burgenlandkreis) in einer Nische der Kasematten auf der Moritzburg durch Bauarbeiter eine Tote gefunden. Sie hat Verletzungen an Hals und Kopf. Die "schwarze Witwe" (wegen ihrer Bekleidung) wurde seit Juli vermisst.

Siegfried D. (42)
Merseburg. Am 20. August 1998 wird der Obdachlose bei Merseburg aus der Saale gezogen. Er starb eines gewaltsamen Todes.

Paul Saib (55)
Theeßen. Am 28. September 2001 wird der Geschäftsmann tot im Flur seines Hauses in Theeßen (Jerichower Land) aufgefunden. Er wurde mit seiner eigenen Bockbüchsflinte zweimal in den Kopf geschossen. Vieles deutet auf einen Auftragsmord hin.
Norbert Bartel (46)
Der Altmetallsammler wird am 29. Juni 1991 an der Stendaler Tonkuhle tot aufgefunden. Er wurde mit einer Eisenstange erschlagen. Zwei Kinder, die sich kurzfristig in der Gewalt des Täters befunden haben, können ihn beschreiben.

Edwin Riethmüller (42)
Halle. Der sogenannte Ponyman aus Halle-Trotha wird am 14. September 1994 tot in seiner Wohnung aufgefunden. In seinem Hals steckt ein Messer mit 28 Zentimeter langer Klinge.

Nguen Can Khanh (21)
Leuna. Der Vietnamese wird am 28. Mai 1996 an einer Leunaer Werksmauer mit aufgesetzten Kopfschüssen regelrecht hingerichtet. Möglicherweise eine Tat innerhalb der Zigaretten-Mafia.

Jekatarina Dronova (27)
Werkleitz. Am 15. Juli 1997 wird die Deutsch-Russin an der Wendeschleife in Halle-Süd tot aufgefunden. Sie liegt in einem Schlafsack und wurde wahrscheinlich lebendig begraben. Die Drogensüchtige wurde seit Mai 1996 vermissst.

Roland Wiese (35)
Magdeburg. Der 35-Jährige wird am 26. Oktober 2000 von Verwandten in seiner Einraumwohnung in Magdeburg gefunden. Einen Tag zuvor war er das letzte Mal lebend gesehen worden. Er hat seinen Mörder wahrscheinlich selbst in die Wohnung gelassen.

Christine Klein (45)
Grieben. Am 29. April 2002 steigt Rauch aus dem Haus von Familie Klein in Grieben (Kreis Stendal). Beim Löschen findet die Feuerwehr auf dem Bett die Leiche von Christine Klein. Die 45-Jährige wurde erwürgt. Nach dem tatverdächtigen Ehemann Werner Klein und seinem Ford "Focus" wird seitdem erfolglos gefahndet.

Mario K. (27)
Schönebeck. der Überfall auf den "Minimal"-Markt in Schönebeck am 1. August 1991 endet mit einem Mord. Als der 27 Jahre alte Mario K. mit seinem Skoda auf dem Parkplatz des Supermarkts seiner Freundin entgegenfahren will, die mit einem Einkaufswagen das Gebäude verlässt, wird er von einem Maskierten mit Pumpgun erschossen. Der Mörder und ein zweiter Täter können fliehen.

Oliver S. (28)
Dessau. Oliver S. raucht am 2. Oktober 1994 um 1.16 Uhr Uhr vor seiner Wohnung in der Dessauer Taubenstraße eine Zigarette. Da fällt ein Schuss. Tödlich getroffen, bricht er zusammen. Die Kriminalpolizei vermutet, dass S. Verbindungen zur Schutzgelderpesserszene hatte.

Zwei unbekannte VietnamesenBone. Ein Pilzsammler findet am 20. Oktober 1996 im Hagen 3139 zwischen Bone und Bornum bei Zerbst einen Toten. Während der Tatortarbeit stößt die Polizei auf eine zweite Leiche. Beide Opfer sind Vietnamesen. Ihre Identität ist bis heute ungeklärt.

Klaus F. (43)
Dessau. Ein Fahrradfahrer entdeckt am Morgen des 7. November 1998 neben der gerade ausgebauten, jedoch noch nicht freigegebenen Schlagstraße in Dessau-Süd einen Toten. Es ist der Obdachlose Klaus F. Der 43-Jährige wurde durch fünf Schläge an den Kopf getötet.

Dora G. (75)
Schackstedt. Die Rentnerin wird am frühen Morgen des 11. Dezember 1997 in einem Nebengebäude ihres Grundstücks in einer Blutlache aufgefunden. Die Verletzungen rühren von stumpfer und scharfer Gewalt her. Die Wohnung wurde durchwühlt. Tatmotiv unbekannt.

David Döbler (24)
Wormsdorf. Nach der Diskothek am 27. Januar 2001 in Wormsdorf (Bördekreis) wird David Döbler aus Wefensleben geschlagen, getreten und ausgeraubt. Er stirbt am 30. Januar an seinen schweren Kopfverletzungen. Die Kripo hat drei Phantombilder von Tatverdächtigen.

"Grabenleiche"
Barleben. Am 12. November 2001 wird beim Reinigen der Großen Sülze bei Barleben (Bördekreis) eine fast skelettierte, gefesselte Leiche gefunden. Der Nordosteuropäer wurde durch Kopfschuss getötet. Sein Aussehen wird durch ein Spezialverfahren rekonstruiert.

Christine Kruse (41)
Stendal. Ein russischer Offizier und seine Ehefrau finden am 8. März 1992 im Wald am GUS-Flugplatz Stendal-Borstel die Leiche einer Frau. Sie wird als Christine Kruse identifiziert. Rechtsmediziner stellen "Gewalt gegen den Hals" fest. Die 41-Jährige aus Stendal-Stadtsee war seit dem 17. Januar 1992 vermisst worden.

HeikeRimbach (19)
Lüttgenrode. Am 28. August 1995 findet Karl-Heinz Rimbach seine Tochter auf dem Dachboden der Alten Schäferei in Lüttgenrode (Harzkreis). Sie wurde geschlagen, erstochen und an einem Hanfstrick aufgehängt. 2010 scheint der Fall gelöst, Heikes Ex-Freund wird festgenommen. Doch weil die Beweislage fraglich ist, muss er wieder auf freien Fuß gesetzt werden.

Artur Muratjan (30)
Döllnitz. Der Tote wird im Frühsommer 1996 aus dem Kanal bei Döllnitz (Saalekreis) gezogen. Der Georgier war mit 5000 Dollar in der Tasche aus dem Asylbewerberheim verschwunden.

Sergio Paipe (28)
Sangerhausen. Der Mosambikaner wird am 12. Juli 1996 im Musikcafé Dahms in Sangerhausen (Mansfeld-Südharz) mit einem Billardstock erschlagen. Als tatverdächtig gilt der Pakistaner Jabal Meher.

Karl-Heinz Gross (39)
Magdeburg. Der Fall beschäftigt die Kripo seit dem 6. März 1998. An jenem Tag findet ein Lkw-Fahrer auf der Magdeburger Steinkopfinsel den schwer verletzten Manager der Südtiroler Volksmusikgruppe "Kastelruther Spatzen". Gross stirbt trotz Notoperation, ohne noch einmal das Bewusstsein erlangt zu haben, an seinen schweren Verletzungen, hervorgerufen durch stumpfe Gewalt.

Hartmut Felix Bürger (51)
Harzgerode. Am 31. März 2001 meldet die Ehefrau Hartmut Felix Bürger als vermisst. Er ist von seinem Betrieb im Gewerbegebiet Augustushöhe in Harzgerode (Harzkreis) nicht nach Hause gekommen. Am 28. April wird seine Leiche im Kofferraum seines eigenen Audi auf einem Parkplatz des Fughafens Leipzig-Halle gefunden. Todesursache: stumpfe Gewalt gegen Kopf und Brust.

Gunter Rüter (66)
Ilsenburg. Der verwitwete Rentner wird am 14. Dezember 2007 in seiner Wohnung in Ilsenburg (Harzkreis) von seinem Sohn tot aufgefunden. Rüter wurde geschlagen und erstochen. Er hatte seinem Mörder selbst die Tür geöffnet. Nach der Tat fehlten Geldbörse und EC-Karte.

Sven P. (36)
Ein Jäger findet das gefesselte und verkohlte Opfer am 30. November 2008 im Kofferraum seines Autos, das mittels Brandbeschleuniger angezündet wurde. Der Verdacht, der jedoch nicht erhärtet werden kann, fällt auf Ehefrau und Stiefsohn.

Matthias Horn (36)
Magdeburg. Der Kosmetikvertreter stirbt am Valentinstag – dem 14. Februar 2006 – in seiner Magdeburger Wohnung. Ihm wurde im Schlafzimmer die Kehle durchgeschnitten. Der unbekannte Täter holt mit der gestohlenen EC-Karte zweimal Geld ab.

Maik Zurbuchen (34)
Halle. Der Bordell-Angestellte wird am 29. Dezember 1999 vor dem "Kastanienhof" in Halle erstochen. Die Polizei fahndet nach zwei Kosovo-Albanern, Ridvan und Habib Muhamedi

Ramis Zafarow (33)
Döllnitz. Der Mann aus Aserbaidschan, der seit 1994 im Raum Halle lebt, wird am 27. Februar 1996 bei Döllnitz (Saalekreis) aus dem Hubschütz des Saale-Elster Kanals gezogen. Er war am 7. Dezember 1995 von seiner Freundin vermisst gemeldet worden. Aufgrund der langen Liegezeit kann er nur anhand seiner auffälligen Tätowierung identifiziert werden. Selbst die Todesursache liegt im Dunkeln.

Uwe M. (35)
Sietzsch. Der Mitarbeiter der Sicherheitsfirma ADS wird am 19. Dezember 1996 erschossen, als er mit einem Kollegen die Gelder aus dem Zentrallager von "Porta" in Sietzsch (Saalekreis) abholen will. Die Räuber erbeuten etwa 440000 Mark in Bargeld und Schecks.

Rainer G. (36)
Oranienbaum. Das Opfer wird am 27. Mai 1994 zwischen Oranienbaum und Vockerode (Kreis Wittenberg) erschossen aufgefunden. Der Mann wurde in Leipzig vermisst. Sein Auto war im Juli 1993 ausgebrannt in Hessen gefunden worden.

Siegfried D. (25)
Roßlau. Der Inhaber der Roßlauer Pension "Zum Stadtwald" wird am 21. April 1996 durch Kopfschuss getötet, als er am offenen Fenster steht.