Havelberg l Nein, man kann es nicht anders sagen: Er liebt sie, seine wuchtigen alten Damen, die mal so laut tönen und mal zart säuseln. Mit ihnen verbringt er lange Abende. Kümmert sich um sie, wenn es ihnen schlecht geht. Und zwar von Berufs wegen. Und damit tut der Havelberger Domkantor Matthias Bensch täglich etwas dafür, etwas zu erhalten, das die Unesco Ende 2017 auf die Liste des weltweiten immateriellen Kulturerbes setzte.

Denn seit Dezember steht es fest: Orgelbau und -musik in Deutschland bewerten die Vereinten Nationen als weltweit einzigartig. Orgelkultur in Deutschland – dabei denken die meisten sicher zuerst an die Instrumente eines Gottfried Silbermann in Sachsen. Mancher vielleicht auch an die Instrumente von Meister Arp Schnitger in und um Hamburg. Aber an die Altmark?

Einzigartige Orgellandschaft

„Wir haben hier eine Orgellandschaft wie deutschlandweit nur wenige andere Regionen“, kontert Matthias Bensch. Eine gewagte Behauptung – mag man meinen. Doch Matthias Bensch weiß, was er sagt – und kann es belegen: Tangermünde darf von sich behaupten, die weltweit größte Orgel aus der Renaissance zu beherbergen. In Salzwedel und Werben stehen noch zwei Instrumente von Meister Joachim Wagner, der sonst Orgeln in Berlin, Potsdam und sogar Norwegen baute – und von dessen Werk nur 15 Orgeln erhalten sind. Dieser Joachim Wagner war der mit Abstand bedeutendste Orgelbauer der Barockzeit in der Mark Brandenburg, so bewertet es sein Biograf Wolf Bergelt. In Gardelegen erklingt ein Instrument vom barocken Orgelbauer Christoph Treutmann und in Stendal sind Teile der Orgel Hamburger Meisters Hans Scherer d. Ä. aus dem Jahr 1580 erhalten.

Nur – davon weiß kaum jemand. Es gibt keinerlei Institution, die die Orgellandschaft zwischen Salzwedel und Sandau, zwischen Arendsee und Tangerhütte als Ganzes in den Blick nimmt und sie auch entsprechend vermarktet. Auf der Internet-Seite von Altmark-Tourismus findet sich lediglich ein kleiner Verweis, dass das Instrument in Tangermündes St.-Stephan-Kirche zu den zehn wertvollsten seiner Art in Europa gehört. Die evangelische und katholische Kirche sind mit anderen Problemen beschäftigt, kämpfen eher darum, genug Personal für die Seelsorge zu haben. Festangestellte Kantoren gibt es nur wenige. So können sich die Kirchen nur am Rande um den Erhalt der rund 400 Orgeln kümmern. „Und am Ende macht jede Kirchengemeinde für ihre eigene Orgel nebenbei ein bisschen Werbung – oder eben auch nicht“, beobachtet Bensch.

Chance für Tourismus in der Altmark

Vor zwei Jahren geriet die Orgellandschaft in der Altmark erstmals in den Fokus vieler Orgelfreunde aus ganz Deutschland und weltweit, als der Thüringer Verein Kirchenklang hier seinen Orgelmarathon 2016 veranstaltete – fünf Tage mit Konzerten an insgesamt 32 Orgeln mit dem Organisten der Dresdner Frauenkirche, Matthias Grünert. Und in Havelberg natürlich mit organisatorischer Unterstützung von Domkantor Matthias Bensch, der in Dresden und Weimar Kirchenmusik studierte.

„Dabei wären die Orgeln eine extreme Chance für den Tourismus in der Altmark“, findet der Havelberger Domkantor. Man darf nicht vergessen: Die Orgel ist schlicht das einzige Instrument, das direkt mit seinem Ort verbunden ist. „Wer eine Scholtze-Orgel hören möchte, der muss einfach in unsere Region kommen – anders geht es nicht.“ Auch für den Genuss einer Bach- schen Triosonate müssen die Zuhörer sich bewegen – und zwar dorthin, wo es Orgeln mit zwei Manualen gibt. Zum Beispiel nach Havelberg. Und immer wieder stelle er fest, dass der Besuch einer historischen Altstadt für viele Touristen durch den Klang einer Orgel zum Erlebnis für wirklich alle Sinne werde: „Das Zusammenspiel vom Raum mit dieser speziellen Orgel, das so wirklich einzigartig auf der Welt ist, berührt die Menschen ungemein.“

Wettbewerbe zur Vermarktung

Doch Matthias Bensch sieht dank der vielen Orgeln noch mehr Chancen für die Altmark. Konzerte seien ja nur die einfachste Form, Besucher in die Region zu holen. „Meisterklassen oder sogar Wettbewerbe auf romantischen, barocken oder Renaissance-Instrumenten sind denkbar“, holt er aus. „Das ist in dieser Form in kaum einer anderen Region möglich, weil dort schlicht die passenden Instrumente fehlen.“ Aber auch für Kulturtouristen, die keine Musiker sind, bieten die Orgeln einiges: „Orgelfahrten mit Führungen kommen immer wieder gut an. Fragen Sie mal die Gäste nach einer Orgelführung in unserem Dom, die sind alle restlos begeistert.“

Doch wie kam es zur so reichen Orgellandschaft Altmark? Auch dafür hat Matthias Bensch eine Erklärung: So lange die Frachtschifffahrt blühte und der Handel im Verbund der Hanse florierte, ging es auch den altmärkischen Städten gut. Für die Kirchen der Städte und auch manchen Dorfes wurden Instrumente bei den besten Orgelbauern bestellt. In der Zeit der Romantik aber fehlte dann das Geld – was für die Orgeln nicht schlecht war: So lange die Bürger kein Geld hatten, fassten sie auch ihre Orgeln nicht an. Deshalb haben sich in der Altmark viele barocke und sogar einige Renaissance-Orgeln erhalten, die in anderen Gegenden während der Romantik ausgebaut oder zumindest stark verändert wurden.

Unesco-Bewertung ruft Geldgeber auf Plan

Ein solches Beispiel befindet sich auch unter den Instrumenten, die zu Matthias Benschs „alten Damen“ gehören: Die Scholtze-Orgel in Havelbergs Stadtkirche St. Laurentius ist weitgehend unverändert, weil fast nie an ihr herumrepariert wurde. Das Ergebnis heute: Eine historisch korrekte Orgel, die aber nicht spielbar ist. Aber in Matthias Benschs Augen war sie schon immer mehr als eine Ruine: Ein angekratztes, verstaubtes Juwel, das den gebürtigen Lausitzer vor fünf Jahren dazu bewegte, mit seiner Frau aus seiner damaligen Wahlheimat Hamburg wegzugehen und die Stelle als Havelberger Domkantor anzutreten. Denn historische Orgeln und barocke Musik sind seine Leidenschaft – neben gutem Essen und Ausflügen mit dem Angelkahn.

Und am Umzug von Matthias Bensch von der Alster an die Havel zeigt sich, dass historische Orgeln hier und dort interessante Effekte zeitigen: Denn Benschs Frau, die ohne ihn sicher nie in die Region gekommen wäre, hat mit ihrem Engagement für die Freie Schule Kamern hierzulande schon einiges bewegt.

Havelberger Orgelverein gegründet

Gut ein Jahr nach seinem Amtsantritt tat der „Neue“ einen ersten großen Schritt für die regionale Orgellandschaft: Matthias Bensch gründete zusammen mit weiteren Havelbergern einen Orgelverein, der nun die Restaurierung des Schätzchens vorantreibt und Fördermittel sammelt.

Unterstützung für seine Pläne bekam Bensch dabei indirekt auch von höheren Ebenen: Die Tatsache, dass die Bundesregierung zusammen mit der Vereinigung der Deutschen Orgelsachverständigen bei der Unesco den Welterbe-Antrag stellte, schärfte die Sinne potenter Geldgeber für das wertvolle Erbe. Der Musikjournalist Claus Fischer vom Deutschlandfunk schätzt ein, dass nur durch den Antrag innerhalb der letzten drei Jahre insgesamt zehn Millionen Euro für die am stärksten bedrohten Instrumente von Kulturstaatsministerin Monika Grütters bereitgestellt wurden. „Dieses Geld wäre nicht geflossen, wenn Deutschland den Antrag an die Unesco nicht gestellt hätte“, kommentiert Fischer. 325.000 Euro davon gehen auch an Havelbergs barocke Stadtkirch-Orgel – das ist seit Frühjahr 2017 sicher. Und so beugt sich der Domkantor derzeit öfter über Ausschreibungsunterlagen zur Restaurierung des Instruments in der Stadtkirche statt über die Tasten der Orgel im Dom.

Wichtig für Kulturlandschaft

Fakt ist: Die Unesco-Bewertung bringt zwar keinerlei Gelder für die deutsche Orgellandschaft vonseiten der Vereinten Nationen mit sich, ist aber dennoch Gold wert. Denn sie darf als eine Art Auszeichnung gelten, die sich trefflich für die Öffentlichkeitsarbeit nutzen lässt – ein Zug sozusagen, auf den man aufspringen kann. Und sie führt Spendern und Stiftungen eindrücklich vor Augen, wie wichtig der Erhalt historischer Orgeln für die deutsche Kulturlandschaft ist. Und so hoffen noch weitere Orgelretter in der Altmark auf Geld aus öffentlichen Kassen oder von Spendern, denn viele Instrumente bringen derzeit keinen Ton mehr hervor – so zum Beispiel die Wagner-Orgel in Werbens St.-Johannis-Kirche.

Viele Orgeln sind nicht nur deshalb in einem schlechten Zustand, weil sie lange nicht gewartet wurden. Zunehmend, so lautet das Ergebnis eines dreijährigen Forschungsprojektes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, macht sich auch Schimmel in den Orgeln breit. Gesundheitlich in den meisten Fällen absolut unbedenklich, aber für die Instrumente auf Dauer gefährlich; der Schimmel setzt zum Beispiel die Pfeifen zu und verändert die Töne. Er frisst am Holz und dem Leder des Blasebalgs. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Veränderte Klimabedingungen sind nur eine. Auch dass viele Kirchen nur noch sporadisch genutzt und damit geheizt und gelüftet werden ist ein Problem.

Restaurierung schnell nötig

Von Schimmel ist sie zum Glück nicht befallen, die Havelberger Stadtkirch-Orgel von 1754. Trotzdem wäre es gut, die Restaurierung könnte noch in diesem Jahr beginnen. Wie lange sie dauert, das kann man nicht genau sagen. „Aber mit zwei Jahren Bauzeit müssen wir mindestens rechnen“, sagt Bensch. Und das erste Stück für ein Konzert? „Keine Ahnung“, gibt der Domkantor zu. „Ich weiß ja noch gar nicht, wie sie dann klingen wird.“