Verkehrswende Bus-Tickets für Autoverkauf – funktioniert das?
Führerschein abgeben, Bus fahren und Enkel gratis mitnehmen – so geht es etwa in Bremerhaven. Nicht überall werden solche Angebote aber angenommen. Ein Überblick.

Göttingen - Das Auto verkaufen oder zumindest abmelden – und dafür belohnt werden: An dieses Konzept haben sich in Niedersachsen bereits mehrere Städte und Regionen gewagt. Sie sollen die Verkehrswende beschleunigen, Parkplätze entlasten oder es älteren Menschen ermöglichen, auch ohne Auto mobil zu bleiben. Zuletzt probierte es die Stadt Göttingen – mit geringem Erfolg. Ein Überblick.
Bis zu 700 Euro sollten Menschen in Göttingen erhalten, die ihr Auto verkaufen oder es für mindestens ein Jahr abmelden. Das Geld sollte es gegen Vorlage von Rechnungen über Nahverkehrs-Ticket, einen Fahrrad-Kauf oder Carsharing-Mieten geben, wie die Stadt mitteilte. Bis zu 100 Menschen hätten in einer Testphase von dem Angebot profitieren können.
Göttingen: Interesse spiegelt sich nicht in Nachfrage wider
Beworben haben sich seit Sommer aber nur neun Menschen. Acht Anträge wurden bewilligt. Es habe etliche Nachfragen interessierter Autofahrerinnen und Autofahrer gegeben, teilte die Stadt mit. Warum die Nachfrage letztlich dennoch so gering gewesen sei, solle nun geprüft werden.
Das für das Projekt vorgesehene Geld ist inzwischen übrigens trotzdem aufgebraucht, weil es auch für andere Klima-Projekte genutzt wurde. Neue Anträge sind daher nicht mehr möglich. Ob die Förderung – mitunter auch in einer anderen Form – noch einmal neu aufgelegt wird, ist nach Angaben der Stadt offen.
Im gesamten Landkreis Göttingen sowie in den angrenzenden Landkreisen Holzminden und Northeim gilt dafür weiterhin das Angebote „Sichere-Fahrt-Schein“. Dabei erhalten Menschen ab 65 Jahren für ein halbes Jahr ein Nahverkehrs-Ticket für die Region, wenn sie ihren Führerschein dauerhaft abgeben. Seit 2019 haben das bereits mehr als 1.200 Menschen gemacht, bei gleichbleibender Nachfrage. Für den zuständigen Verband ein Erfolg: „Die Kampagne wurde von Beginn an so gut angenommen, mit so viel Zulauf hatten wir zuerst gar nicht gerechnet“, sagte eine Sprecherin. Es würden sowohl Menschen aus dem städtischen als auch dem ländlichen Raum das Angebot nutzen.
Seniorinnen in Hannover tauschen Führerschein gegen Fahrkarte
In der Region Hannover gab es bis Ende 2024 ein ähnliches Projekt: „Fahrschein statt Führerschein“. Weil Geld fehlte, wurde das 2021 gestartete Angebot eingestellt. 8.300 Menschen hätten in diesem Zeitraum ihren Führerschein gegen einen Fahrschein getauscht. Teilnehmen konnten Rentnerinnen und Rentner ab 60 Jahren. Sie mussten ihren Führerschein dauerhaft abgeben.
„Die Aktion war ein Erfolg, denn rund 80 Prozent der Teilnehmenden hatten vorher kein Fahrkarten-Abo“, erklärte ein Regionssprecher. Die große Mehrheit der Angebotsnutzer waren Frauen und älter als 70 Jahre. Viele von ihnen wohnen direkt in der Stadt Hannover. Die Kosten für das Angebot lagen im Millionen-Euro-Bereich.
In Bremerhaven können Senioren Partner und Enkel mitnehmen
Ein ähnliches Angebot gibt es in Bremerhaven seit 2023. Dort erhalten Menschen ab 70 Jahren ein Nahverkehrsticket, wenn sie ihren Führerschein endgültig abgeben. Im Dezember nutzten mehr als 1.500 Menschen das sogenannte Umsteigen70-Ticket. Das kostenlose Ticket gilt jeweils für ein Jahr und muss dann verlängert werden.
Mit dem Ticket können Busse im gesamten Stadtgebiet genutzt werden. In den Abendstunden können ein weiterer Erwachsener sowie bis zu vier Kinder mitgenommen werden. An Wochenenden und Feiertagen gilt das für den gesamten Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen.
Das Projekt sei ein „Erfolg im Sinne der Verkehrssicherheit, da unsicheren Fahrerinnen und Fahrern bei Abgabe des Führerscheins durch ein unkompliziertes Angebot umfangreich Mobilität ermöglicht wird“, sagte der Chef der Bremerhavener Verkehrsgesellschaft, Robert Haase.
Kritik vom ADAC
Das niedersächsische Verkehrsministerium hält solche Angebote für richtig. Sie würden dabei helfen, „den motorisierten Individualverkehr so weit wie möglich zu reduzieren, um die Klimaziele im Verkehrssektor erreichen zu können“. Weiter teilte das Haus mit: „Der Umstieg soll auf Freiwilligkeit beruhen. Menschen sollen durch positive Anreize gewonnen werden, nicht durch Verbote oder Zwang“. Eine mit den kommunalen Angeboten vergleichbare Förderung des Landes gibt es nicht.
Der ADAC sieht die Angebote kritischer, auch wenn sie meist gut angenommen würden. Aufwand und Nutzen würden „nur in einem geringen Zusammenhang stehen“, teilte der Automobilclub mit. Der organisatorische und rechtliche Aufwand für die rechtssichere Abwicklung der Fördermodelle sei für die Kommunen häufig sehr hoch.
In Göttingen etwa wäre das Geld aus Sicht des Vereins in einer gezielten Förderung des Nahverkehrs und von Radwegen besser aufgehoben gewesen. „Grundsätzlich ist für einen erfolgreichen Umstieg entscheidend, dass die Alternativen zum motorisierten Individualverkehr überzeugend sind“, teilte der ADAC mit.