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Nach Corona-Impfung Eine Niedersächsin kämpft um Anerkennung nach Corona-Impfung

Der Alltag ist für Elisabeth Schneider ein Kraftakt. Seit einer Impfung kämpft sie mit extremer Erschöpfung – und um die Anerkennung ihres Leidens. Wie ihr Alltag auf den Kopf gestellt wurde.

Von Leonard Fischer, dpa 16.02.2026, 04:30
Die Risiken einer Corona-Impfung sind nach wissenschaftlicher Einschätzung deutlich geringer als die Risiken einer Corona-Infektion. (Symbolbild)
Die Risiken einer Corona-Impfung sind nach wissenschaftlicher Einschätzung deutlich geringer als die Risiken einer Corona-Infektion. (Symbolbild) Sven Hoppe/dpa

Hameln - Früher war ihr Alltag ausgefüllt: Arbeit, Freunde, Sport. Heute müsse sie jeden Schritt planen, sagt Elisabeth Schneider. Schon ein Arzttermin oder ein längeres Gespräch könne sie für Tage zurückwerfen. „Mein Leben besteht im Moment vor allem daraus, meine Kräfte einzuteilen“, sagt die 37-Jährige aus Hameln.

In der bislang gravierendsten Pandemie des 21. Jahrhunderts ließ sich die Niedersächsin gegen das Coronavirus impfen. Doch seit der Impfung im Sommer 2021 leidet sie an schweren Erschöpfungssymptomen – an der Multisystemerkrankung ME/CFS. Schneider ist überzeugt, dass es sich um einen Impfschaden handelt – anerkannt ist er bisher nicht. Seitdem kämpft die Frau um Anerkennung.

Nach kleine Anstrengungen braucht sie tagelang Erholung

Schneider, die vor ihrer Erkrankung als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich erneuerbare Energien gearbeitet hatte, erhielt nach eigenen Angaben im Juni und Juli 2021 zwei Dosen des Impfstoffs des US-Biotechnologieunternehmens Moderna. Nach der zweiten Spritze sei es bei ihr zunächst zu Fieber und Schüttelfrost gekommen. Danach hätten sich anhaltende Beschwerden entwickelt.

Schneider leidet unter extremer Erschöpfung, Konzentrationsstörungen und Belastungsintoleranz. „Schon kleine Anstrengungen führen dazu, dass ich mich tagelang erholen muss“, sagt sie.

Befundbericht: Anhaltende Beschwerden nach zweiter Impfung

Im Attest einer Hausarztpraxis heißt es, die Patientin habe nach der zweiten Impfung eine „deutliche Verschlechterung des Allgemeinzustandes mit starken Erschöpfungssymptomen, Leistungsknick und Belastungsintoleranz“ gezeigt. Die Symptome seien erst nach der Impfung aufgetreten.

Auch in einem Befundbericht einer Spezialsprechstunde für Long Covid und Post-Vaccination des Universitätsklinikums Gießen und Marburg werden anhaltende Beschwerden nach der zweiten Impfung beschrieben. Dort ist von unerwünschten Nebenwirkungen im Kontext der Anwendung von Covid-19-Impfstoffen die Rede.

ME/CFS ist eine schwere, chronische Multisystemerkrankung

Als Vorabdiagnose werden eine sogenannte Myalgische Enzephalomyelitis und das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) genannt. Hinter dieser komplizierten Bezeichnung steckt ein folgenschweres Leiden.

ME/CFS ist eine schwere, chronische, neuroimmunologische Multisystemerkrankung. Mit dieser können selbst geringe Belastungen zu massiver Erschöpfung führen. Die Erkrankung kann nach dem Kontakt mit einem Virus auftreten – etwa mit dem Coronavirus.

Bereits vor der Pandemie gab es etwa 300.000 ME/CFS-Erkrankte

Nach Angaben der Charité in Berlin – eine der größten Universitätskliniken Europas – gingen Expertenschätzungen bereits vor Pandemiebeginn von etwa 300.000 Menschen mit ME/CFS allein in Deutschland aus. Diese Zahl beinhaltet also noch nicht die Folgen der massenhaften Infektionen mit Covid-19.

Viele Betroffene sind dauerhaft arbeitsunfähig oder sogar bettlägerig. Schneider sagt, sie verbringe einen großen Teil des Tages im Liegen und sei im Alltag auf Hilfe angewiesen. „Ich war früher sehr aktiv. Jetzt kann ich oft nicht einmal länger aufrecht sitzen.“

Nur rund jeder zehnte Antrag auf Entschädigung wird bewilligt

Die 37-Jährige beantragte die Anerkennung eines Impfschadens beim Niedersächsischen Landesamt für Soziales. Dieser Antrag sei jedoch abgelehnt worden. Dagegen legte die Niedersächsin Widerspruch ein. Das Verfahren laufe noch, derzeit befinde sie sich im Klageverfahren, sagt Schneider.

Nach Angaben der Behörde gingen seit Beginn der Corona-Impfkampagne im Jahr 2021 bis Ende 2025 insgesamt 1.005 Anträge auf Entschädigungsleistungen wegen eines Corona-Impfschadens ein. Von diesen wurde laut Landesamt über 663 entschieden. Bewilligt wurden davon demnach 68 Anträge – die übrigen wurden abgelehnt. Damit wurde nur rund zehn Prozent der Anträge bewilligt.

Gespräche mit der Landesregierung und ein Brief an Weil 

Die Art der geltend gemachten Gesundheitsschädigungen ist nach Angaben der Behörde „sehr individuell“. Eine statistische Auswertung zu oft in den Anträgen genannten Krankheitsbildern sei daher „leider auch weiterhin nicht möglich“.

Schneider engagierte sich zeitweise gemeinsam mit anderen Betroffenen politisch. Nach einem Brief an den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) sei es zu Gesprächen mit der Landesregierung gekommen.

Schneider: Impfungen sind weiterhin grundsätzlich sinnvoll

Inzwischen wurden im Land zwei Spezialambulanzen für Long-Covid-, ME/CFS- und Post-Vac-Patienten eingerichtet. Das sei ein erster Schritt, sagt Schneider. Wirksame Therapien fehlten aber weiterhin.

Von der Politik wünscht sie sich Anerkennung, mehr Forschung und bessere Versorgung. „Ich wünsche mir, dass das Thema ernst genommen wird und Betroffene nicht allein gelassen werden“, sagt die Hamelnerin.

Zugleich betont sie: Impfungen seien weiterhin grundsätzlich sinnvoll. In der Pandemie hätten sie dazu beigetragen, schwere Verläufe zu verhindern. Doch die 37-Jährige fordert eine bessere Überwachung von Nebenwirkungen und eine individuelle Risiko-Nutzen-Analyse, um Risiken zu erkennen und Risikogruppen zu schützen.

„Im Moment ist jeder Tag ein Kraftakt“

Einzelne Gerichtsentscheidungen aus dem Ausland zeigen, wie unterschiedlich die Bewertung ausfallen kann. So erkannte das österreichische Bundesverwaltungsgericht Ende 2025 erstmals ein chronisches Fatigue-Syndrom als Folge einer Corona-Impfung an und sprach dem Betroffenen eine Entschädigung zu.

Für Schneider geht es nicht primär um Geld. Vor allem wünscht sie sich Anerkennung. Ihr Alltag sei heute ein anderer als vor der Pandemie. „Ich möchte einfach wieder ein Stück normales Leben zurückbekommen“, sagt sie. „Im Moment ist jeder Tag ein Kraftakt.“