1. Startseite
  2. >
  3. Panorama
  4. >
  5. Chemieindustrie: Minister Schulze: Situation bei Domo ist „sehr kritisch“

Chemieindustrie Minister Schulze: Situation bei Domo ist „sehr kritisch“

Das Chemieunternehmen muss seine Produktion in Sachsen-Anhalt und Brandenburg stoppen. Wie soll es nun weitergehen?

Von dpa Aktualisiert: 09.01.2026, 19:28
Nach dem angekündigten Produktionsstopp bei Domo Chemicals gibt es auch Gespräche mit dem Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt. (Symbolbild)
Nach dem angekündigten Produktionsstopp bei Domo Chemicals gibt es auch Gespräche mit dem Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt. (Symbolbild) Jan Woitas/dpa

Leuna/Magdeburg - Nachdem das belgische Chemieunternehmen Domo Chemicals an seinen drei deutschen Standorten den Betrieb eingestellt hat, ist die Zukunft des Standortes in Leuna ungewiss. „Wirtschaftsminister Sven Schulze und Insolvenzverwalter Lucas Flöther haben unmittelbar nach den Weihnachtsfeiertagen ein Verfahren verabredet, das die Standortsicherung in Leuna ermöglichen würde“, teilte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums auf Anfrage mit. Wegen der „extremen Komplexität der Situation“ seien bislang jedoch „noch keine Erfolge erzielt“ worden. 

Die Insolvenzverwaltung Flöther & Wissing hatte am Donnerstag mitgeteilt, dass die Produktion an den drei deutschen Domo-Standorten in Sachsen-Anhalt und Brandenburg ab sofort gestoppt und in einen Notbetrieb versetzt wird. Grund für diese Entscheidung sei den Angaben nach, dass die Verhandlungen mit den Gläubigern um ein kurzfristiges sogenanntes Massedarlehen gescheitert sind. Die drei Tochtergesellschaften des Konzerns hatten Ende des vergangenen Jahres Insolvenz angemeldet. 

Ein Sprecher der Insolvenzverwaltung sagte der Deutschen Presse-Agentur am Freitagabend, man habe damit begonnen, die Anlage in den Notbetrieb zu bekommen. „Dieser Prozess kann aber mehrere Tage, wenn nicht gar Wochen dauern“, hieß es. Am Standort müssten unter anderem Gerüste gestellt und Flüssigkeiten abgepumpt werden. Zudem erschwere die Witterung derzeit die Arbeiten. 

Ministerium: Situation „weiterhin sehr kritisch“ 

Am Tag nach Bekanntwerden des Produktionsstopps bei Domo habe es ein Gespräch zwischen Vertretern der InfraLeuna, des Landkreises Saalekreis, des Umweltministeriums, des Landesverwaltungsamtes, dem Insolvenzverwalter und der Investitionsbank Sachsen-Anhalt gegeben, hieß es aus dem Ministerium. Dabei sollten „weitere Möglichkeiten besprochen“ werden. „Es gibt noch keine abschließende Lösung. An den heute besprochenen Ansätzen wird am Wochenende weiter gearbeitet“, erklärte das Ministerium danach. Die Situation bleibe weiterhin sehr kritisch. 

Die Betreiber des Chemieparks in Leuna, die InfraLeuna GmbH, wollte sich zum Produktionsstopp bei Domo und dessen Auswirkungen auf Anfrage vorerst nicht äußern. Die Insolvenz der drei Tochtergesellschaften könnte auch Auswirkungen auf andere Firmen in der Region haben, etwa solche, die Stoffe an Domo liefern. 

In Leuna und Premnitz wurde vor allem Kunststoff produziert, der unter anderem in der Automobilindustrie sowie in der Elektro- und Elektronikbranche weiterverarbeitet wird. Die drei Unternehmen gehören zu Domo Chemicals, einer Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Gent (Belgien). 

Gewerkschaft in Sorge 

Das Bekanntwerden des Produktionsstopps sei „eine weitere Hiobsbotschaft für die Beschäftigten bei Domo und für die gesamte Region“, sagte der Bezirksleiter Sachsen-Anhalt der Chemiegewerkschaft IG BCE. „Wir sind in starker Sorge um rund 650 gute, tariflich abgesicherte Industriearbeitsplätze und um die Auswirkungen in der Region.“ Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Schulze erklärte, das Land Sachsen-Anhalt werde „alle zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, um Schaden abzuwenden und Arbeitsplätze sowie wirtschaftliche Werte zu erhalten“. 

Nach Angaben der Insolvenzverwaltung sei nicht völlig ausgeschlossen, dass der Betrieb an den Standorten irgendwann wieder hochgefahren werden kann. Fraglich sei jedoch, ob das Herunterfahren der Anlagen Schäden verursacht und ob sie wieder genutzt werden können. 

Gesamte Industrie unter Druck 

Die über 500 Beschäftigen sowie die zuständigen Behörden waren laut Insolvenzverwalter über die gescheiterten Finanzierungsgespräche informiert worden. Die meisten Domo-Mitarbeitenden sind in Leuna beschäftigt, bei der Domo Chemicals GmbH sind es rund 35, bei der Domo Caproleuna GmbH etwa 480. In Premnitz in Brandenburg hat die Domo Engineering Plastics GmbH rund 70 Mitarbeiter. 

Laut der Gewerkschaft IG BCE arbeiten in der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Ostdeutschland rund 63.000 Menschen. Nach Angaben der IG BCE erwirtschaften sie einen Jahresumsatz von über 30 Milliarden Euro. 

Chemie-Start-up sieht auch Chance 

Die chemische Industrie steht seit Monaten unter erheblichem Druck. Im Chemiepark in Leuna haben unterschiedliche Unternehmen ihren Sitz, darunter auch das Berliner Start-up C1 Green Chemicals. Das Unternehmen stellt grünes Methanol als klimaneutrale Kraftstoffalternative für die Containerschifffahrt her. „Was wir gerade sehen, ist kein Einzelfall: Die etablierte Chemieindustrie steht weltweit unter Druck, weil Energiepreise, Lieferketten und Märkte immer volatiler werden. Gleichzeitig zeigt die Krise, wie dringend wir robuste, zukunftsfähige Wertschöpfung aufbauen müssen“, sagte der C1-Vorstand Christian Vollmann der Deutschen Presse-Agentur. 

Auch deshalb brauche es vor dem Hintergrund des Drucks auf die Branche verlässliche Rahmenbedingungen, Investitionen und Zusammenarbeit. „Damit in Leuna ein ostdeutscher Leuchtturm für die Chemieindustrie von morgen entstehen kann“, so die Forderung von Vollmann.