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Tourismus Warum Gästekarten im Osten oft an Grenzen stoßen

Gratis Bus und Bahn, Rabatte und mehr – doch warum enden manche Angebote an der Landkreisgrenze? Wo es für Urlauber hakt und warum sich der Thüringer Wald als Vorreiter sieht.

Von dpa 20.02.2026, 05:00
Gästekarten bieten oft freie Fahrten und Rabatte, stoßen aber an Kreis- und Ländergrenzen. (Symbolbild)
Gästekarten bieten oft freie Fahrten und Rabatte, stoßen aber an Kreis- und Ländergrenzen. (Symbolbild) Matthias Bein/dpa

Wernigerode/Neuhaus am Rennweg/Annaberg-Buchholz - In den Ferien zieht es viele Menschen in Harz, Erzgebirge oder den Thüringer Wald. Dort werben Tourismusorganisationen mit Gästekarten, die kostenlose Bus- und Bahnfahrten oder Rabatte versprechen. Nach Einschätzung von Sven Groß, Professor für Tourismusforschung an der Hochschule Harz, sind diese Angebote zwar ein Erfolgsmodell, das über die Jahre ausgebaut worden ist, sie bilden aber oft nicht die gesamte Urlaubsregion aus Gastsicht ab. 

Aus wissenschaftlicher Sicht sei es sinnvoll, Gästekarten entlang einer Tourismusregion und weniger entlang von Kreis- und Ländergrenzen zu schneiden. Die rechtliche Ausgestaltung, die Finanzierung und die Einigung mit den beteiligten Verkehrsunternehmen machten aber oft Schwierigkeiten.

Was leisten Gästekarten in den ostdeutschen Tourismusregionen?

Deutschlandweit gebe es rund 120 verschiedene Gästekarten, so Groß. Die meisten kombinierten die kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs mit Rabatten oder freiem Eintritt für bestimmte Attraktionen. Zwar reisten nach seinen Angaben im Inland weiterhin rund drei Viertel der Gäste mit dem Auto an, doch könne die Karte helfen, den Wagen vor Ort stehenzulassen und Ausflüge klimafreundlicher zu organisieren. Gleichzeitig hätten die Gästekarten einen Marketingeffekt und machten Tagesausflügler und Ferientouristen auf Angebote der Region aufmerksam. 

Warum die Angebote oft Grenzen haben

„Die wenigsten denken in Landkreisen oder Bundesländern – sie wollen einfach ‚im Harz‘ Urlaub machen“, so Groß. In der Realität stießen Reisende aber schnell an Grenzen: Geltungsbereiche endeten an Landkreis- oder Landeslinien, bestimmte Orte oder Verkehrsmittel seien ausgenommen. So galt das 2010 eingeführte Harzer Urlaubsticket „Hatix“ zunächst nur im Ostharz, konnte 2020 aber auch auf Landkreise im niedersächsischen Teil des Harzes erweitert werden. 

Seit Jahresbeginn gilt es nun zudem auch in zahlreichen Regionalzügen der Region. Ausgenommen ist bis heute aber etwa der Thüringer Teil des Südharzes. Das Ticket solle ständig erweitert werden, sagte Steffi Rienäcker, Vorstand der für die Karte verantwortlichen Harz AG. Gespräche gebe es etwa im Ostharz, um auch dort kostenfrei nutzbare Busverbindungen auch mit Regionalbahnen kombinierbar zu machen. Wer mehr wolle, für den biete die kostenpflichtige Harz Card die Möglichkeit, an bis zu vier Tagen im Jahr rund 100 Freizeiteinrichtungen und Museen im Harz zu nutzen.

Was macht große, einheitliche Gästekarten so schwierig?

Experte Groß verweist auf drei zentrale Hürden: „Rechtliche Rahmenbedingungen, die Finanzierung und die Koordination zwischen den vielen Beteiligten.“ Viele Modelle seien umlagefinanziert, etwa über Kur- oder Tourismusabgaben, die in kommunalen Satzungen geregelt werden müssten. „In manchen Bundesländern war es lange überhaupt nicht möglich, aus der Abgabe Mittel an eine Organisation weiterzugeben, die eine Gästekarte managt“, sagt er. 

Auch die Verkehrsunternehmen spielten eine entscheidende Rolle: „Sie müssen sich darauf einigen, wie sie für die Gästekarten-Fahrten entschädigt werden, wer wie viel bekommt und welche Tickets gegenseitig anerkannt werden.“ Je größer der Raum, desto komplizierter werde das. Wenn mehrere Landkreise, verschiedene Verkehrsverbünde und womöglich mehrere Bundesländer beteiligt sind, steige der Abstimmungsaufwand enorm. 

Welche Vorbilder sieht der Experte?

Groß nennt vor allem die „Konus-Karte“ im Schwarzwald als positives Beispiel. Dort sei es bereits vor rund zwanzig Jahren gelungen, über viele Gemeinden hinweg eine einheitliche Gästekarte mit freier ÖPNV-Nutzung zu etablieren. Ein weiteres Vorbild sei die Saarland Card: „Das Saarland ist das einzige Bundesland, das eine wirklich landesbezogene Karte umgesetzt hat“, sagt Groß. An solchen Beispielen könnten sich auch touristische Ziele im Osten orientieren, meint Groß. „Man braucht eine starke Destination als Dachmarke, klar geregelte Finanzierung und Akteure, die nicht auf jeden Cent schauen müssen.“

Thüringer Wald sieht sich als Vorreiter im Osten

Im Thüringer Wald gibt es den Betreibern zufolge das erste All-Inclusive-Angebot für Gäste in einer ostdeutschen Tourismusregion. Zusätzlich zur bereits vorhandenen Thüringer Wald Card, die über den Gästebeitrag finanziert wird, können Hotels und Pesionen ihren Gästen seit Juni 2024 ein All-Inclusive-Upgrade anbieten. Die Gäste können so rund 150 Freizeiteinrichtungen in der Region kostenfrei nutzen, erklärt Holger Jakob, Projektleiter bei der verantwortlichen Thüringer Wald Service GmbH. Die Gastgeber finanzieren das System über eine Umlage an die Betreibergesellschaft, die damit die teilnehmenden Attraktionen rückvergütet. „So kann der gesamte Thüringer Wald im Grunde wie ein großer Freizeitpark genutzt werden“, so Jakob. 

Zudem gelte die Karte mittlerweile praktisch flächendeckend in der gesamten Region bis ins benachbarte Oberfranken, so Jakob. „Jeder Ort hat eine eigene Gästekarte ausgegeben noch vor fünf Jahren. Wir haben die Coronazeit genutzt, das alles einzuebnen und zu vereinheitlichen.“ 

Bewegung gibt es auch im Erzgebirge, wie der dortige Tourismusverband mitteilt. Das derzeit laufende Gästekartensystem werde derzeit geprüft und solle grundlegend überholt werden, sagte Pressesprecherin Claudia Brödner. Ziel sei untere anderem, den Geltungsbereich des Tickets in Bus und Bahn zu erweitern und das Angebot stärker zu digitalisieren.