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Hilfe, wenn das Geld knapp ist Wenn Ehrenamtler aufhören - Tafeln finden neue Lösungen

Die Tafeln versorgen Bedürftige mit gespendeten Lebensmitteln. Was ist, wenn langjähriges ehrenamtliches Engagement endet? In Zerbst und Havelberg fanden sich ganz unterschiedliche Wege.

Von Dörthe Hein (Text) und Klaus-Dietmar Gabbert (Fotos), dpa 26.02.2026, 04:00
Ehrenamtliche packen die Ausgabekisten bei der Tafel Havelberg.
Ehrenamtliche packen die Ausgabekisten bei der Tafel Havelberg. Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Zerbst/Havelberg - Obst, Gemüse, Gebäck, Milch, Knabberkram – die Ausgabekisten der Tafel Zerbst sind reichlich gefüllt. Schon vor dem Start um 13 Uhr stehen die ersten Kunden an diesem Montag an. Trotz Kälte und Schnee sind sie hierher an den Stadtrand gekommen. Sie sind angewiesen auf die Lebensmittelspenden, die aus Supermärkten und von Herstellern kommen.

Es war lange unklar, ob es das Angebot der Tafel hier in Zerbst weitergeben würde. Die bisherige Vorsitzende des Tafel-Vereins zog sich nach vielen Jahren ehrenamtlicher Arbeit zurück. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin fand sich trotz intensiver Suche nicht. Das ist ein Problem, das bei Tafeln wie auch anderen Vereinen immer wieder im Raum steht. Nur: Hier sind Tausende Bedürftige betroffen. 

„Die Tafelumfrage der Tafel Deutschland aus 2025 hat ergeben, dass in Sachsen-Anhalt mehr als 42.000 Menschen Unterstützung finden“, sagte Kai-Gerrit Baedje, Geschäftsführer des Tafel-Landesverbandes. Und die kann ganz unterschiedlich aussehen - in Havelberg fand sich ein ehemaliger Berufssoldat. Aber dazu später mehr.

gGmbH mit Arbeitsgelegenheiten statt Verein mit Ehrenamtlichen 

Dass hier in Zerbst 120 Menschen weiter mit den Lebensmittelspenden versorgt werden, ist Ergebnis einer neuen Trägerkonstruktion. Eine gemeinnützige GmbH, Köthener Sozial- und Arbeitsförderungs gGmbH, hat zum 1. Oktober vergangenen Jahres die Tafelarbeit übernommen, sie unterstützt die Stadt Zerbst auch bei der Grünflächenpflege und betreibt seit Kurzem ebenfalls die Tafel in Köthen. Ein Vierteljahr hätten der Zerbster Tafel-Verein und gGmbH noch parallel gearbeitet, sagt Geschäftsführer Frank Junge. „So sind alle Spender bei der Stange geblieben.“ Einige Ehrenamtliche aus dem Verein seien weiter dabei.

„Für die Tafelkunden hat sich nichts geändert“, sagt Frank Junge. Sie bekommen weiter einmal in der Woche Lebensmittel, auch die Ausgabe in einer alten Grundschule ist dieselbe geblieben. Hinter den Kulissen ist aber einiges neu. Mitarbeiter der Tafel sind nun zum großen Teil Menschen in sogenannten Arbeitsgelegenheiten. Sie sollen aus der Arbeitslosigkeit heraus den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt anpeilen. Das sei gar nicht so einfach, sagt Frank Junge. Langzeitarbeitslosigkeit spielt eine große Rolle, der Rhythmus des Arbeitslebens muss wieder her. Und ja, einige von ihnen seien selbst Tafelkunden, sagt der Geschäftsführer.

Mit der neuen Organisation läuft es nun professioneller, so Junge. Da geht es um die Logistik und um das Personal. „Der Vorgängerverein ist an Grenzen gestoßen, wo sie das nicht alles abwickeln konnten.“ Vorteil sei nun, es gebe nicht nur Lebensmittel, sondern auch mal Drogerieartikel wie Creme und Duschbad. Es sei erstaunlich und zugleich traurig, was alles weggeworfen würde, wenn die Tafel es nicht nehmen und weitergeben würde, sagt ein Tafelmitarbeiter.

Auf der Treppe vor dem Ausgaberaum stehen verschiedene Schnittblumen und Narzissen in kleinen Pflanztöpfen. Alle Tafelkunden, die hier vorbeikommen und immer nur zu zweit eingelassen werden, schauen auf die Pflanzen, die teils schon die Köpfe hängen lassen. Viele nehmen sich die Blumen mit als Farbtupfer für den Alltag. Genauso zugegriffen wird aus einer Kiste daneben, in der Brötchen und Brot liegen.

Wer hier am Rand steht und einfach nur zuschaut, sieht: Jung und alt kommen, Frauen und Männer, verschiedene Sprachen sind zu hören. Und immer ein freundliches Hallo und Guten Tag und ein Danke. Draußen in der Kälte packen die Tafelkunden die Lebensmittel aus der Kiste in große Tragetaschen, viele haben Einkaufsrollis dabei. Ältere Frauen sind oft von jüngeren Menschen begleitet, die beim Tragen helfen. Man ist kurz angebunden. Die Botschaft: Die Tafel ist wichtig, man selbst dankbar.

Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) war selbst Mitglied des Zerbster Tafelvereins. Die Tafel sei über die Jahre zu einer unverzichtbaren Sozialeinrichtung geworden. Sie leiste nicht nur zusätzliche Hilfe für Menschen in schwierigen Lebenslagen, sondern sei auch Kommunikationsort. „Ich bin heilfroh, dass es gelungen ist, eine Nachfolge zu finden.“ 

In Havelberg war die Ausgabe schon über Monate zu

Wie es kommen kann, wenn eine Vereinsvorsitzende aufhört und sich noch kein Nachfolger gefunden hat, war in Havelberg zu erleben: Nach der letzten Ausgabe im Januar vergangenen Jahres blieb die Tafel mehrere Monate lang geschlossen. Erst im Sommer ging es wieder weiter – auch dank Eberhard Zimmer. Der heute 61-Jährige ging als Berufssoldat in den Ruhestand. Schon zwei Jahre hatte er als Ehrenamtlicher bei der Tafel geholfen als Kraftfahrer, erzählt er. Schließlich hätten sich die Vereinsmitglieder gefragt: Wollen wir weitermachen? Die Antwort war ein klares Ja. Und Ja sagte dann auch Eberhard Zimmer. 

Um sich herum weiß er ein engagiertes Team, aus 22 Ehrenamtlern. Daneben gibt es viele weitere Unterstützer von den Stadtwerken bis zu Unternehmern. Alle tragen ihren Teil dazu bei, dass die Lebensmittel nicht weggeschmissen werden und bei bedürftigen Menschen landen.

Manuela Schiffbauer ist fast seit dem Beginn vor 20 Jahren dabei. Die Liste mit den auszugebenden Lebensmitteln trägt ihre Handschrift. Mittwochs trägt der Vorstand zusammen, was aus den Beständen in die Kisten gepackt werden soll: Kaffee, Milchprodukte, Müsliriegel. In dieser Woche auch ein Stück tiefgekühltes Fleisch, nächste Woche voraussichtlich Tiefkühl-Pizza. Hinzu kommen dann die frischen Lebensmittel wie Obst und Gemüse, aber auch Brot und Brötchen, die noch bis kurz vor der Ausgabe am Samstagmittag abgeholt werden.

„Das ist eine schwere Arbeit“, sagt Manuela Schiffbauer. Die Ehrenamtlichen seien meist Frauen um die 60 bis 70 plus. Über Vereinschef Zimmer sagt sie: „Er macht einfach“. Zuletzt habe er die Schwellen zu den Vorratsräumen beseitigt, die Wagen voller Lebensmittel müssten sie jetzt nicht mehr anheben. Zimmer hackt Holz für den Ofen, der in den eiskalten Ausgaberaum in dem ehemaligen Polizeigebäude ein wenig Wärme bringt. Zimmers nächstes Projekt ist eine neue Tiefkühlzelle, eine der beiden funktioniere nicht mehr richtig. Ein Antrag auf Förderung hat er gerade geschrieben.

Und noch ein positiver Nebeneffekt: Durch Zimmers Bundeswehr-Kontakte bekommt die Tafel auch aus dieser Richtung Spenden. Wenn zu Übungen in der Nähe weniger Teilnehmer kämen als geplant und Verpflegung übrig bleibe, komme sie hierher. Mitten im Raum steht gerade so eine Kiste voll mit verpackten Sandwiches – sie landen in den Ausgabekisten.

Der 61-Jährige macht viel selbst, setzt aber zugleich auf die Teams – etwas, das er von der Bundeswehr mitgebracht hat. „Übergabe von Verantwortung“ nennt Zimmer das. „Ich muss nicht alles selbst machen. Es geht darum, die Fähigkeit der Mitarbeiter zu nutzen.“ Es seien ja langjährige Mitarbeiter. Und ja, sagt Zimmer, eine gewisse Fehlertoleranz sei auch nötig.

Jede Woche ist eines von vier Teams dran. Die festgelegten Lebensmittel werden in die Kisten gepackt, hinzu kommt, was kurzfristig reinkommt und schnell verteilt werden muss. 63 Kisten werden hier gepackt für jeden Samstag, sagt Manuela Schiffbauer. „Wir mussten bislang noch keinen wegschicken.“

Dass es weitergeht, ist auch für den Landesverband das Entscheidende, das Modell ist dabei zweitrangig. „Für die Tafel Sachsen-Anhalt spielt es keine Rolle, ob eine Tafel sich in Trägerschaft befindet oder als eigenständiger Tafelverein agiert. Für uns ist es wichtig, verlässliche Strukturen zu haben, damit die Tafelarbeit, Lebensmittelrettung und Unterstützung von armutsbedrohten Menschen, funktioniert“, sagt Geschäftsführer Gaedje. Eine gute Nachricht hat er noch: „Im Moment steht keine erforderliche Nachfolgeregelung an.“