Baku/Eriwan (dpa) - Nach der Eroberung der wichtigen Stadt Schuscha durch Aserbaidschan fürchtet die Konfliktregion Berg-Karabach eine Niederlage in dem jahrzehntelangen Territorialstreit.

Die Stadt sei nicht mehr unter Kontrolle von Berg-Karabach, teilte der Sprecher des Anführers der Region, Wagram Pogossjan, mit. Bereits am Sonntag hatte der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev in der Hauptstadt Baku die Eroberung der Stadt verkündet.

Armenien und Berg-Karabach hatten das zu dem Zeitpunkt noch zurückgewiesen. Aliyev triumphierte: "Die Lösung des Berg-Karabach-Konflikts wird unserem Land neues Leben einhauchen!" Aserbaidschan werde zu einem "sehr mächtigen Staat". Trauer herrschte hingegen in Berg-Karabach.

"Leider verfolgt uns eine Serie der Misserfolge, und die Stadt Schuschi ist komplett außerhalb unserer Kontrolle", sagte Pogossjan. Schuschi, wie die Karabach-Armenier die Stadt nennen, liegt nur elf Kilometer von der Hauptstadt Stepanakert entfernt. Sie dürfte Aliyevs nächstes Ziel sein. "Der Feind steht vor Stepanakert, nun ist schon unsere Existenz in Gefahr", schrieb Pogossjan bei Facebook.

Der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan schrieb am Abend ebenfalls bei Facebook: "Die Kämpfe um Schuschi gehen weiter." Einzelheiten nannte er nicht. Der Anführer der international nicht anerkannten Republik Berg-Karabach, Araik Arutjunjan, sagte, die Kämpfe entlang der gesamten Front würden fortgesetzt. Ein gemeinsamer Kampf könne die Situation noch verändern.

Schuscha gilt als Schlüsselstadt; die Behörden in Berg-Karabach hatten selbst mitgeteilt, dass ihr Verlust am Ende auch eine Niederlage im Kampf um die ganze Region bedeuten könne. In Baku hatte Aliyev verkündet, dass der Sieg in dem Konflikt mit Armenien nah sei. Er teilte am Montag im Kurznachrichtendienst Twitter mit, weitere 23 Ortschaften unter aserbaidschanische Kontrolle gebracht zu haben.

"Es lebe die aserbaidschanische Armee!", "Karabach ist Aserbaidschan!", schrieb Aliyev bei Twitter. Er hatte in Baku am Sonntag die Eroberung Schuschas feiern lassen. "Das ist ein großer Sieg!", sagte er. "Ich verbeuge mich vor den Seelen der Märtyrer." Es hatte zunächst keine offiziellen Fotos oder Videos von der Einnahme der Stadt gegeben. Aliyev sprach nun davon, dass ein Lebensziel in Erfüllung gehe. "Die Wiederherstellung der territorialen Unversehrtheit und die Rückkehr unserer Gebiete war für mich als Präsident die wichtigste Mission." Er sei froh, dass dies mit "Würde" und mit der Unterstützung, der harten Arbeit und dem Mut der Menschen in Aserbaidschan gelungen sei.

Seit Beginn der Offensive am 27. September wurden nach aserbaidschanischen Angaben mehr als 200 Ortschaften erobert. Die Behörden in Berg-Karabach und Armenien bestätigten diese Zahl nicht. Die armenischen Streitkräfte hätten noch am Montag in verschiedenen Richtungen feindliche Angriffe abgewehrt, teilte das Verteidigungsministerium in Eriwan mit. Demnach gab es besonders schwere Kämpfe um Martuni, Martakert, Tagaward und andere Ortschaften. Überall seien die Attacken zurückgeschlagen worden.

Die Truppen in Berg-Karabach verloren bei den Kämpfen mit Aserbaidschan nach eigener Darstellung erneut Dutzende Soldaten. Die Zahl der Getöteten stieg um 44 auf 1221, wie die Behörden der umkämpften Region am Montag mitteilten. Die Führung in Berg-Karabach warf Aserbaidschan vor, weiter die Hauptstadt Stepanakert massiv unter Beschuss zu nehmen - auch mit verbotener Streumunition. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium in Baku wies die Vorwürfe zurück. Baku macht wegen der Zensurbestimmungen während des Kriegszustands keine Angaben zu Verlusten bei den Streitkräften.

Aserbaidschan verlor in einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren die Kontrolle über das bergige Gebiet mit etwa 145.000 Bewohnern. Seit 1994 galt eine brüchige Waffenruhe. Aserbaidschan beruft sich in dem neuen Krieg auf das Völkerrecht und sucht immer wieder die Unterstützung von seinem "Bruderstaat" Türkei. Armenien wiederum setzt auf Russland als Schutzmacht.

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