Berlin (dpa) - Auf die Klima-Demo und Mitreden in Jugendparlamenten: Es gibt in vielen Städten Jugendliche, die sich politisch engagieren. In Berlin startete ein vom Bund initiiertes Treffen von Hunderten jungen Leuten zu politischen Themen.

Am augenfälligsten: Seit längerem gehen freitags Schüler statt in die Schule auf die Straße und fordern von der Bundesregierung, mehr für den Klimaschutz zu tun. Die schwedische Schülerin Greta Thunberg brachte diese weltweite Bewegung in Gang. Was ist mit der Jugend los? Ist sie politischer als noch vor Jahren?

Von Wissenschaftlern ist zu hören, dass das politische Interesse bei Jugendlichen in Deutschland zugenommen habe. Bildungsforscher Klaus Hurrelmann, der für die Hertie School of Governance in Berlin tätig ist und mehrere Jugendstudien (Shell-Studien) mitverfasste, beobachtet ein Verantwortungsgefühl bei der jungen Generation für die Gemeinschaft und für das Gemeinwesen. "Seit 15 Jahren haben wir das so nicht gehabt", sagt er.

Vor mehr als zehn Jahren hätten Jugendliche noch deutlich weniger Interesse an Politik gezeigt. Der Bildungsforscher erklärt sich das so: In wirtschaftlich schwierigeren Zeiten sinke das Interesse, weil man sich um sich selbst kümmere und Absicherungsstrategien verfolge. "Je günstiger die Einschätzung der jungen Leute für ihre Zukunft-Strukturen vor allem im beruflichen Sektor sind, desto freier fühlen sie sich und fangen an nachzudenken: In welcher Welt leben wir denn hier und wo liegen die wirklichen Probleme?"

An den aktuellen Klima-Demos ("Fridays-for-Future") zeige sich auch, dass junge Leute nicht nur politisch interessiert seien, sondern dass sie das auch in politische Aktionen umsetzen können. Hurrelmann betont zugleich, dass der Anteil der politisch aktiven Jugendlichen viel geringer sei im Vergleich zu Jugendlichen, die nur politisch interessiert sind. Dabei bräuchten Parteien dringend junge Leute, sagt er.

Bei der CDU zum Beispiel lag der Anteil der Parteimitglieder bis 25 Jahre 2018 bei 2,7 Prozent bezogen auf alle Mitglieder, wie die Partei mitteilt. 2017 seien es noch 2,6 Prozent gewesen. Bei der SPD stieg laut Partei seit 2015 der Anteil der Parteimitglieder unter 25 Jahren von 4 auf 5 Prozent.

Auch die Leiterin des Kompetenzteams Jugend beim Deutschen Jugendinstitut, Martina Gille, schlussfolgert aus Befragungen, dass das politische Interesse bei Jugendlichen - also bei unter 25-Jährigen - im vergangenen Jahrzehnt leicht angestiegen sei. Als Anhaltspunkte gelten demnach zum Beispiel Nachfragen danach, ob sich Jugendliche zuhause mit den Eltern oder in der Schule zu politischen Themen austauschen. Gille geht auch davon aus, dass für die Europawahl mehr junge Leute mobilisiert werden könnten als es in der Vergangenheit der Fall war.

Bei der Bundestagswahl 2017 lag die Wahlbeteiligung in der Gruppe der 18- bis 20-Jährigen bei 69,9 Prozent. Das war ein höherer Wert als 2013 (63,7 Prozent), wie aus Zahlen des Bundeswahlleiters hervorgeht. Die Wahlbeteiligung aller Wähler stieg zwar auch an, innerhalb der Gruppe der jüngsten Wähler (18 bis 20 Jahre) aber vergleichsweise deutlicher.

Die Bundeszentrale für politische Bildung nimmt eine verstärkte Nachfrage von jungen Leute nach inhaltlichen Angeboten der Einrichtung wahr, wie Sprecher Daniel Kraft betont. Auch speziell an der Erstellung des Wahl-O-Maten, bei dem Jugendliche vorab mitwirken konnten, sei das Interesse stetig gestiegen. Bei dem Online-Angebot können Wähler die Positionen der Parteien mit der eigenen Meinung abgleichen und so eine Entscheidungshilfe für eine Wahl bekommen.

Zu den Jugendpolitiktagen zieht es Hunderte junge Leute aus ganz Deutschland. Zum Beispiel eine junge Erzieherin aus Rostock. Freunde hätten sie dazu animiert, sagt sie. Politisch aktiv sei sie nicht - den Eintritt in eine Partei schließt sie aus. "Für mich ist das zu kräftezehrend." In Rostock bemerke sie zugleich, dass Schüler und Studenten zunehmend über politische Themen reden und es dazu viele Aktionen gebe.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey spricht zum Auftakt mit den Jugendlichen. Über Enteignungen und Wahlrecht ab 16 zum Beispiel. Am Rande des Treffens sagt die SPD-Politikerin der dpa auf die Frage, ob Jugendliche wieder politischer geworden sind: "Ich glaube, dass es immer junge Menschen gab, die politisch aktiv waren." Entscheidend sei, dass die politische Diskussion bei jungen Leuten stärker in der Öffentlichkeit präsent sei. Und dadurch natürlich auch ein Gefühl entstehe: hier ist mehr Aktivität.

Das Format der Jugendpolitiktage geht in die zweite Runde, erstmals gab es dieses Treffen im Jahre 2017. 450 junge Leute aus ganz Deutschland wurden erwartet. Die Teilnehmer seien zwischen 16 und 27 Jahre alt - das Durchschnittsalter liege bei 21 Jahren, wie Projektmitarbeiterin Yvonne Elfriede Hein sagt. Man habe nach einer vielfältigen Gruppe gesucht - von politisch engagiert bis gar nicht politisch engagiert.

Bei dem Treffen, das bis Sonntag dauert, sollen Empfehlungen und Positionen erarbeitet werden, die dann in die Jugendstrategie der Bundesregierung einfließen könnten. Diese Strategie ist noch im Entwicklungsprozess. Ein Sprecher des Bundesfamilienministeriums teilte mit, man wolle erreichen, dass sich das gesamte Kabinett verbindlich zur Verantwortung für die Jugend bekennt. Die ganze Bundesregierung müsse ihren Teil dazu beitragen, Jugend zu beteiligen, Politik für und mit Jugendlichen zu machen.

   

Bilder