Berlin/Karlsruhe (dpa) - Das Grundgesetz und seine Werte müssen nach Überzeugung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier stärker im Bewusstsein der Bürger verankert werden: "Die Deutschen wissen zu wenig über ihr Grundgesetz".

Bei einer Matinee zum 70. Jahrestag der Verfassung verwies Steinmeier am Mittwoch im Berliner Schloss Bellevue auf eine kürzlich veröffentlichte Umfrage, nach der das Grundgesetz zwar auf viel Zustimmung bei den Deutschen stößt, ihr Wissen über die Verfassung aber eher gering ist. "Fazit: Die allermeisten befürworten das Grundgesetz, auch wenn sie es gar nicht sehr genau kennen."

Dies müsse sich ändern, verlangte Steinmeier. "Ich denke, dass das Wissen zum Grundgesetz in unserem Land so groß werden sollte wie die Zustimmungswerte es schon sind. Hirn und Herz im Gleichklang." Das sei zweifellos ambitioniert. "Aber wir dürfen auch nicht hinnehmen, dass Millionen von Menschen grundlegende Zusammenhänge einfach nicht kennen." Das gelte etwa für die Zusammenhänge zwischen der Weimarer, Bonner und Berliner Republik, zwischen dem Holocaust und Artikel 1 des Grundgesetzes oder zwischen 1949 und dem, was man heute westliche Werte nenne.

Das Grundgesetz war am 23. Mai 1949 verkündet worden und anschließend für die Bundesrepublik in Kraft getreten. Im selben Jahr gab sich die DDR eine eigene Verfassung. Mit der Wiedervereinigung 1990 wurde das Grundgesetz die gesamtdeutsche Verfassung.

Am Abend wurde Steinmeier beim traditionellen Verfassungsgespräch am Vorabend des 23. Mai in Karlsruhe erwartet. Laut Redetext wollte er dort den heute oft in der Kritik stehenden und bisweilen angefeindeten politischen Parteien den Rücken stärken. Zugleich mahnte er aber auch Reformbereitschaft an. Er wünsche sich, "dass die Parteien ihre Türen und Fenster noch weiter öffnen, dass sie nicht jede ungewöhnliche Idee gleich als Angriff verstehen, dass sie gerade jungen Menschen neue Wege in die Politik ebnen." Umgekehrt appellierte er an Bürger, die sich außerhalb der Parteien engagieren, "sich ruhig einmal hineinzuwagen in die Werkstätten der Demokratie, die Parteien immer noch sind, und wenigstens zu überprüfen, ob jedes Vorurteil berechtigt ist".

Steinmeier betonte, die zentrale Einsicht der Mütter und Väter des Grundgesetzes habe bis heute nichts an Gültigkeit verloren: "Parteien sind nicht die alleinigen Akteure in der politischen Willensbildung, aber sie sind in unserer föderalen repräsentativen Demokratie unverzichtbar."

Steinmeier nannte es ein Problem, dass viele Bürger heute weniger Vertrauen in die demokratischen Institutionen hätten und nicht mehr ohne Weiteres daran glaubten, dass Parteien und Parlamente die großen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen könnten. Das sei nicht nur ein Problem für einzelne Parteien. "Sondern dann gerät mehr und mehr die politische Ordnung, wie sie unsere Verfassung selbst vorgesehen hat, insgesamt in Zweifel."

Der Bundespräsident würdigte die zentrale Rolle der Karlsruher Richter bei der Weiterentwicklung des vom Grundgesetz vorgegebenen rechtlichen Rahmens. "Die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts lesen sich wie eine Geschichte des liberalen Aufbruchs in der Bundesrepublik. Sie halfen mit, autoritäre Strukturen abzubauen, wie sie sich etwa im Ehe- und Familienrecht widerspiegelten. Und sie verhalfen den Grundrechten zum Durchbruch in unserer Gesellschaft." Eine Verfassung müsse so etwas wie "ein Ruhepol der Gesellschaft" sein, dürfe aber nicht erstarren und müsse offen bleiben für gesellschaftlichen und politischen Wandel.

An diesem Donnerstag, dem eigentlichen Verfassungstag, werden die Feiern in Berlin und Karlsruhe fortgesetzt. Unter anderem hat Steinmeier 200 Bürger zur Kaffeetafel in den Garten von Schloss Bellevue eingeladen. Dort können sie mit ihm, mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (beide CDU), Bundesratspräsident Daniel Günther (CDU) und dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, über die Frage "Deutschland in guter Verfassung?" diskutieren.