Magdeburg l Guter Sex mit einem geliebten Menschen gilt als die schönste Sache der Welt. Viele streben nach der Erfüllung, doch nicht jedem ist sie von Natur aus vergönnt. Krankheiten sowie organische und psychische Probleme können ein Lustkiller sein. In einer Beziehung leiden darunter meist beide Partner, so die Leipziger Sexualtherapeutin und Ärztin für Innere Medizin Dr. Carla Thiele am vergangenen Sonnabend auf einer Tagung der mitteldeutschen Reproduktionsmediziner und Gynäkologen in Magdeburg.

Offen über Wünsche sprechen

In eine scheinbar ausweglose Sackgasse geraten Paare oftmals dann, wenn sie nicht offen über ihre intimsten Geheimnisse und Wünsche miteinander sprechen. Das passiert auch in scheinbar aufgeklärten Gesellschaften wie unserer, so die Sexualtherapeutin, insbesondere dann, wenn tatsächlicher oder selbstauf- erlegter Leistungszwang und Stress den Alltag dominieren. Sexualität ist für viele Menschen nach wie vor ein heikles Gesprächsthema.

Ist der Sex mit dem Wunsch nach einem Kind verbunden, ruhen die letzten Hoffnungen oft auf der künstlichen Befruchtung. Bis zur Schwangerschaft ist es mitunter ein langer Weg. Oft vergehen viele Monate, in denen jeder weitere, erfolglose Versuch eine zusätzliche Spaßbremse ist. Der wiederholte Wechsel zwischen Hoffnung und Enttäuschung nach jedem Beischlaf stellt Beziehungen auf eine harte Probe. Auch kommt es immer noch vor, dass Betroffene sich im Bekannten- und Freundeskreis rechtfertigen müssen und „Weisheiten“ wie „Das klapp schon noch“ oder „Vater werden ist nicht schwer ...“ gesagt bekommen. So entstehen Gefühle, keine richtige Frau oder kein ganzer Kerl zu sein.

„Medizinisch spricht man von Unfruchtbarkeit erst, wenn ein Paar im Verlauf von ein bis zwei Jahren bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr kein Kind bekommt“, so der Magdeburger Reproduktionsmediziner und Uniklinikdirektor Professor Jürgen Kleinstein. Etwa 30 bis 40 Prozent der körperlichen Störungen liegen zu gleichen Teilen beim Mann und bei der Frau. Beim Rest kann keine organische Ursache gefunden werden. Dank der Fortschritte der Fertilitätsmedizin und bei den künstlichen Befruchtungs- und Kryokonservierungs-Techniken können inzwischen viele organische Ursachen korrigiert werden.

Bewusst auf Beischlaf verzichten

Paare, bei denen keine organische Ursache für die Kinderlosigkeit festgestellt werden kann, sollten dennoch nicht die „Flinte ins Korn schmeißen“, rät Dr. Thiele. Auch ohne eigene Kinder können Paare glücklich sein. Schließlich sind Kinder ja auch kein „Beziehungs-Kit“ in einer gescheiterten Partnerschaft. Manchen Frauen und Männern hilft es, sich vom zwanghaften Kindeswunsch und dem „Beischlaf nach Fahrplan“ zu befreien. Mitunter kann es auch entlastend sein, „wenn sie eine Weile bewusst auf Geschlechtsverkehr verzichten und stattdessen die Vielfalt erotischer Spielarten entspannt erkunden.“ Menschliche Grundbedürfnisse wie Akzeptanz und Geborgenheit können Paare ebenso mit Berührungen und Streicheleinheiten außerhalb der erogenen Zonen erreichen. Am wichtigsten ist, sich in der Liebe nicht unter Druck zu setzen. So hat sich für manches Paar doch noch ein lang gehegter Kinderwunsch auf überraschende Weise erfüllt.

Eine Sexualtherapie und Beratung beim Arzt gehört zu den sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen (IGEL). Je nach Aufwand ist mit Kosten von etwa 50 bis 150 Euro pro Sitzung zu rechnen.