Volksstimme: Besteht ein nachweislicher Zusammenhang zwischen Mund- und Herzgesundheit?
Dr. Lisa Hezel: Es gibt viele wissenschaftliche Studien, die einen Zusammenhang zwischen chronisch entzündlichen Erkrankungen des Zahnbetts (Parodontitis) und entzündlichen Veränderungen der Blutgefäße (Arteriosklerose) nahelegen. Die daraus resultierenden Gefäßveränderungen erhöhen die Risiken für einen Herzinfarkt und einem Schlaganfall.

Wie kann eine chronische Zahnfleischentzündung zu einem Infarkt im Herzen führen?
Bei einer unbehandelten Parodontitis treten in der Mundhöhle vorhandene Bakterien über das entzündete Zahnfleisch in den Blutkreislauf. Dort treffen die Bakterien auf Zellen des körpereigenen Immunsystems, die zur Bekämpfung der bakteriellen Eindringlinge Entzündungsbotenstoffe produzieren und zu Ablagerungen u.a. an den Herzkranzgefäßen führen. Die Gefäßverengungen und die Bildung von Blutgerinnseln (Thromben) erhöhen die Infarktgefahr in Herz und Hirn.

Kann man durch gute Mundhygiene und Vermeidung einer Parodontitis das Infarktrisiko reduzieren?
Die erfolgreiche Behandlung einer Parodontitis in der Zahnarztpraxis führt bei guter Mitarbeit des Patienten zu einer Reduzierung der Bakterien und der entzündlichen Botenstoffe in der Blutbahn. Das hat positive Effekte an den Gefäßen. Durch eine vergleichsweise einfache und kostengünstige parodontale Therapie ist es möglich, das Infarktrisiko zu reduzieren.

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Hängt das individuelle Herzinfarkt-Risiko von den Bakterien im Mundraum ab?
Jein. Bei der Entstehung der Parodontitis spielen die Mundbakterien zwar eine wichtige Rolle. Doch über den Schweregrad und den Verlauf einer Parodontitis entscheidet das Wechselspiel zwischen den Bakterien und der körpereigenen Abwehr.

Sind Menschen mit einem geschwächten Immunsystem durch Mundbakterien stärker gesundheitlich gefährdet?
Eine Schwächung des Immunsystems kann dazu beitragen, dass bisher klinisch nicht auffällige Zahnfleischerkrankungen plötzlich akut werden. Und diese Entzündung belastet dann wiederum das ohnehin bereits geschwächte Immunsystem. Deshalb ist es wichtig, dass vor Beginn einer Chemo- oder Immuntherapie eine sorgfältige zahnärztliche Untersuchung und ggf. eine zahnärztliche Behandlung durchgeführt wird. Deren Ziel ist es, Gefährdungen durch Entzündungen im Mundraum auszuschließen.

Was kann jeder Mensch selbst tun, um Parodontitis zu vermeiden?
Wichtig ist die alltägliche Beseitigung der bakteriellen Beläge durch sorgfältiges Zähneputzen und Zahnzwischenraumpflege. Leider werden die zahnärztlichen Empfehlungen zur Vermeidung der Parodontitis nicht immer genau befolgt. Jeder Mensch sollte sich ausreichend Zeit für eine entsprechende Mundhygiene nehmen und Maßnahmen zur Früherkennung und zur Prophylaxe beim Zahnarzt wahrnehmen.

Reduziert eine Parodontitis-Behandlung das Herz-Kreislauf-Risiko?
Eine erfolgreiche Parodontitis-Behandlung hat durchaus einen positiven Einfluss auf verschiedene Herz-Kreislauf-Parameter. So senkt eine Parodontitis-Therapie u. a. den Spiegel des speziellen Protein-Markers CRP, der Hinweise auf die Entzündungslast des Blutes gibt. Dieser Marker ist direkt mit der kardiovaskulären Sterblichkeit verknüpft. Weiterhin führt eine Parodontitis-Therapie zu einer Verbesserung der Funktion der Arterien. Patienten, die bereits einen Herzinfarkt hatten, ist eine zahnärztliche Kontrolle auf Parodontitis und, wenn notwendig, eine Parodontitis-Behandlung zu empfehlen.

Wie wichtig ist die Nachsorge nach der Parodontitis-Behandlung in der Zahnarzt-Praxis?
Die Nachsorge ist dringend notwendig. Eine Parodontitis ist eine chronische Erkrankung und die Entzündung kann nach der Behandlung erneut auftreten. Daher ist eine lebenslange Nachsorge erforderlich, um eine erneute parodontale Entzündung zu vermeiden bzw. frühzeitig zu erkennen. Ein Teil dieser Nachsorge, der sogenannten unterstützenden Parodontitis-Therapie, umfasst neben der gründlichen regelmäßigen Untersuchung auch Mundhygienetrainings in der Zahnarztpraxis sowie die professionelle Zahnreinigung.

Nutzt eine Behandlung von Entzündungen im Mundraum auch Patienten mit einer Herzmuskelentzündung?
Durchaus. Nach den gültigen ärztlichen Leitlinien-Empfehlungen ist die Prophylaxe von chronischen Entzündungen im Mundraum bei allen Patienten mit einem erhöhten Risiko für eine Herzmuskelentzündung, der sogenannten Endokarditis, von Nutzen.

Müssen Patienten, die prophylaktisch „Herz-ASS” nehmen, dieses Medikament vor zahnärztlichen Behandlungen absetzen?
Die Einnahme von „Herz-ASS” führt zu einer leicht erhöhten Blutungsneigung bei zahnärztlichen Eingriffen. Patienten sollten in der Zahnarztpraxis auf die Medikamenten-Einnahme hinweisen. Bei der üblichen niedrigen Dosierung bei Herzpatienten (75-100 mg) sind mögliche Blutungen jedoch beherrschbar. Ein Absetzen von ASS vor zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen ist nicht notwendig.

Gilt das auch für Patienten mit künstlichen Herzklappen, die mit gerinnungshemmenden Medikamenten behandelt werden?
Das kommt ganz auf die Art der zahnärztlichen Behandlung und die Einstellung der Blutgerinnung an. Zahnärztliche Kontrollen und konservierende Behandlungen wie beispielsweise Füllungen oder Wurzelkanalbehandlungen können durchgeführt werden. Wenn aber Zähne gezogen werden müssen oder wenn operative Eingriffe notwendig sind, dann müssen die aktuellen Blutgerinnungswerte überprüft und gegebenenfalls für den Zeitraum der zahnärztlichen Behandlung angepasst werden. Herz-Patienten sollten blutgerinnungshemmende Medikamente keinesfalls ohne Rücksprache mit den Ärzten absetzen.