Die Diagnose ist gestellt, doch der Patient begreift sie nicht. Im Online-Portal www.washabich.de helfen Studenten weiter. Sie übersetzen Befunde der Ärzte in verständliches Deutsch.

Göttingen/Dresden (epd) l Mit einem Doppelklick ist Stefanie Schnepf bei ihrem Patienten. "Mäßig lumbosacral betonte Spondylathrose", liest die Medizinstudentin aus Göttingen vom Bildschirm ab. Den für Laien unverständlichen Befund hat ein Nutzer auf der Online-Plattform www.washabich.de hinterlegt. Studenten wie Schnepf übersetzen dort kostenlos und ehrenamtlich Diagnosen in verständliche Sprache. Mittlerweile sitzen regelmäßig mehr als 300 Patienten im virtuellen Wartezimmer des im Januar gegründeten Portals.

"Mit diesem Ansturm haben wir nicht gerechnet", sagt Mitbegründer Johannes Bittner aus Dresden. Inzwischen dolmetschen deutschlandweit mehr als 330 Medizinstudenten ab dem achten Semester etwa 150 Befunde und Entlassungsbriefe pro Woche. Um eine hohe Qualität zu sichern, übersetzen neue Mitarbeiter zunächst gemeinsam mit einem Supervisor. Zusätzlich kann Bittner zufolge bei mehr als 40 Ärzten, die das Projekt unterstützen, Rat eingeholt werden.

"Unser Service soll nicht das Gespräch zwischen Arzt und Patient ersetzen", stellt Bittner klar. Vielmehr werde der Nutzer der Internetplattform besser auf den Arztbesuch vorbereitet. "Wenn er versteht, was er hat, kann er gezielt Fragen stellen, sich für oder gegen Therapiemöglichkeiten entscheiden." Dadurch werden Patienten selbstständiger, ist auch die Studentin Schnepf überzeugt. "Wir können und dürfen aber keine Empfehlungen geben."

Plattform: "Was-hab-ich"

Den Erfolg des Portals führt Bittner auf eine stark gewandelte Patientenrolle zurück. "Früher hat der Arzt die Diagnose gestellt, über die Therapie entschieden, und der Patient hat das akzeptiert." Das sei heute anders. Im Behandlungszimmer sind nach Schnepfs Erfahrungen zudem viele nervös: "Sie versuchen, sich alles zu merken, was der Arzt oft auch verständlich erklärt, sind aber so aufgeregt, dass sie zu Hause die Hälfte wieder vergessen haben."

Detlef Haffke von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen sieht die knappe Zeit der Ärzte als einen Grund dafür, dass Gespräche mit den Patienten Fragen offenlassen. "Durchschnittlich hält sich ein Patient acht Minuten im Sprechzimmer auf", sagt er. Das sei zu kurz. Allerdings erlaubten finanzielle und organisatorische Engpässe im Gesundheitssystem oft nicht mehr.

Auch die Medizinerausbildung in der Patientenkommunikation ist laut Haffke ausbaufähig. "Zwar üben wir an Schauspieler-Patienten, wie die Krankengeschichte abgefragt oder schlechte Nachrichten übermittelt werden", berichtet die Göttingerin Schnepf. Eine klare und für den Laien verständliche Sprache sei jedoch weniger ein Thema.

Trotz allem mache die Fachsprache unter Kollegen Sinn, sagt der "Was-hab-ich"-Mitbegründer Bittner. "Überweisungsbriefe sind Dokumente, die in erster Linie zur Kommunikation zwischen Ärzten dienen." Fachtermini drückten komplexe Sachverhalte sehr knapp, aber unmissverständlich aus. In der Übersetzung nehme ein halbseitiger Befund schnell den zwei oder dreifachen Umfang ein. "Am sinnvollsten wäre eigentlich eine Version für den Arztkollegen und eine für den Patienten."

Viele Studenten nutzten die "Was-hab-ich"-Plattform sogar, um sich auf ihr Examen vorzubereiten, verrät die angehende Ärztin Schnepf. "Man recherchiert und frischt Wissen auf." Bei der "mäßig lumbosacral betonten Spondylathrose" aus dem Befund auf ihrem Rechner bringt die Studentin Licht ins Dunkel: "Mäßiger Gelenkverschleiß der Wirbelkörper im Bereich des Kreuzbeins und der Lendenwirbelsäule."