Auskunft zu Ursachen und Therapien von chronischen Schmerzen gaben am Dienstag beim Volksstimme-Telefonforum die Mediziner Dr. Olaf Günther, Dr. Dieter Hoffmeyer und Dr. Roland Minda. Fragen und Antworten notierte Anja Gildemeister.

Frage: Ich habe starke Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich, eine Anwendung mit Rotlicht hat die Schmerzen noch weiter verstärkt. Wie kann ich die Schmerzen selbst behandeln?

Antwort: Bei Schulter-Nacken-Schmerzen bringt feuchte Wärme Linderung. Nehmen Sie ein heißes Bad, legen Sie ein feucht-heißes Tuch auf oder lassen Sie sich Fango-Packungen verabreichen. Gezielte Bewegungen sollten die Therapie unterstützen.

Frage: Ich habe Rückenschmerzen und nehme dagegen Tramadol-Tropfen. Trotz steigender Dosierung ist die Wirkung nicht mehr ausreichend. Gibt es ein alternatives Medikament?

Antwort: Tramadol-Tropfen ist für die Langzeittherapie nicht geeignet, denn sie wirken sehr schnell, aber nur kurzzeitig. Wenn die Tropfen immer wieder genommen werden, sobald der Schmerz stark wird, kann das zu einer psychischen Abhängigkeit führen. Wir empfehlen Ihnen sogenannte retardierte Präparate. Diese setzen ihren Wirkstoff über längere Zeit frei. Sehr wichtig ist es, die Retard-Präparate jeden Tag zur gleichen Zeit einzunehmen.

Frage: Ich habe oft Rückenschmerzen, eine Untersuchung beim Hausarzt hat aber bis auf altersbedingte Verschleißerscheinungen nichts ergeben. Was könnte die Ursache für meine Schmerzen sein?

Antwort: Bei dauerhaften Schmerzen sollten neben den körperlichen Ursachen immer auch mögliche psychische Ursachen in Betracht gezogen werden. Vielleicht gab oder gibt es bei Ihnen familiäre Konflikte, traumatische Ereignisse oder Stress am Arbeitsplatz. Bei der Aufarbeitung der psychischen Faktoren kann Ihnen ein Psychologe helfen. Hilfreich in Ihrer Situation sind Entspannungstechniken wie zum Beispiel Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung.

Frage: Was muss ich beim ersten Besuch beim Schmerztherapeuten beachten?

Antwort: Der Schmerztherapeut benötigt so viele Informationen wie möglich zu Ihrem Schmerz. Dazu gehören eine Liste mit allen Ärzten, bei denen Sie wegen Ihrer Schmerzen in Behandlung waren, alle bisherigen Untersuchungsergebnisse und alle (verschreibungspflichtigen und rezeptfreien) Medikamente, die Sie aktuell einnehmen und in den letzten drei Monaten eingenommen haben. Zudem ist eine genaue Beschreibung Ihrer Schmerzen notwendig.

Frage: Wie verdeutliche ich meinem Arzt, wie stark meine Schmerzen sind?

Antwort: Die Schmerzstärke können Sie am einfachsten mit einer Schmerzskala zeigen. Beschreiben Sie darüber hinaus ihren Schmerz so genau wie möglich: Wie fühlt sich der Schmerz an, wo und seit wann und bei welcher Gelegenheit bestehen die Schmerzen? Zudem sollten Sie versuchen den Schmerz näher zu charakterisieren, beispielsweise ob er sich brennend, ziehend oder stechend anfühlt.

Frage: Werden chronische Schmerzen nur mit Medikamenten behandelt oder gibt es auch andere Therapien?

Antwort: Chronische Schmerzen sind eine komplexe Erkrankung, die in der Regel auch eine komplexe Therapie erfordert. Die Behandlung besteht nicht nur aus einer, sondern mehreren Therapieformen, die sinnvoll kombiniert werden. Experten sprechen von einer multimodalen Schmerztherapie.

Ein wichtiges Element ist die medikamentöse Schmerzbehandlung. Dabei sollte bei starken chronischen Bewegungsschmerzen, Tumorschmerzen, Schmerzen des Nervensystems sowie bei starken akuten postoperativen Schmerzen rechtzeitig ein starkes Schmerzmittel (starkes Opioid) eingesetzt werden. Nicht-Opioide (oft freiverkäufliche Schmerzmittel) sind in ihrer Wirkstärke relativ schwach und eignen sich nicht für eine Langzeitanwendung. Schwache Opioide eignen sich zwar für die Langzeitanwendung, dürfen jedoch nur bis zu einer bestimmten Höchstdosis eingesetzt werden.

Des weiteren gehören zu einer multimodalen Schmerztherapie nicht-medikamentöse Behandlungsmethoden (Entspannungsmethoden wie Autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Stressbewältigungstraining und Biofeedback-Behandlungen) und physiotherapeutische und physikalische Verfahren (Krankengymnastik, Wärme- und Kältetherapie, TENS, Neuraltherapie) sowie zum Beispiel die traditionelle chinesische Medizin/ Akupunktur.

Frage: Bezahlt die Krankenkasse die Kosten für einen Schmerztherapeuten?

Antwort: Die Schmerztherapie wird über Ihre Krankenversicherung abgerechnet, da sie ein fester Bestandteil der ärztlichen Gebührenordnung ist. Seien Sie aber vorsichtig bei Methoden, die extra bezahlt werden sollen. Holen Sie sich gegebenenfalls eine zweite Meinung ein.

Frage: Mein Arzt führt meine Schulterschmerzen auf Arthrose zurück. Ist das das gleiche wie Arthritis?

Antwort: Nein, die Arthrose ist eine degenerative Gelenkerkrankung. Das heißt, dass Knorpel und Knochen abgebaut werden. Der Körper reagiert darauf, indem er neuen Knorpel oder übermäßig viel Knochenmaterial produziert. Die Gelenkoberflächen werden dadurch uneben, jede Bewegung schmerzt. Arthritis hingegen ist ein entzündlicher Prozess im Gelenk. Die betroffenen Gelenke schwellen an, der Knorpel und später auch die Knochen werden zerstört. Aus einer unbehandelten Arthritis kann deshalb eine Arthrose entstehen und umgekehrt aus dem Knorpelverschleiß eine Entzündung des Gelenks.

Frage: Ich hatte vor einem halben Jahr einen Bandscheibenvorfall, der immer noch starke Schmerzen verursacht. Ich traue mich kaum noch, mich zu bewegen. Können Sie mir helfen?

Antwort: Wenn Ihr Arzt ausschließen kann, dass es sich nicht um einen erneuten Bandscheibenvorfall mit Nervenschädigung handelt, ist es gerade bei Rückenschmerzen wichtig, sich weiter zu bewegen. Ansonsten verspannt sich die Rückenmuskulatur und verliert damit ihre stützende Funktion. Das führt wiederum zu weiteren Schmerzen. Krankengymnastik unter Anleitung und unter ärztlicher Kontrolle wäre zum Beispiel ein erster Schritt. Wichtig ist auch eine medizinische Trainingstherapie zum Ausgleich der muskulären Dysbalance.

Frage: Kann ich auch freiverkäufliche Schmerzmedikamente gegen meine starken Schmerzen nehmen?

Antwort: Starke Schmerzen brauchen starke Hilfe, das heißt eine wirksame und verträgliche Schmerztherapie. Werden freiverkäufliche Schmerzmedikamente regelmäßig über einen langen Zeitraum eingenommen, können sie die inneren Organe schädigen und sogar zu Magen-Darm-Blutungen führen. Außerdem ist das Risiko für eine Medikamentenabhängigkeit groß. Deshalb sollte bei länger auftretenden Schmerzen unbedingt ein Arzt aufgesucht werden.

Frage: Mein Arzt möchte mir gegen meine chronischen Schmerzen ein Opioid verschreiben, aber ich habe Angst vor den Nebenwirkungen. Was soll ich tun?

Antwort: Opioide sind starke Schmerzmedikamente. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie auch starke Nebenwirkungen verursachen. Es ist möglich, dass es zu Müdigkeit, Übelkeit und Verdauungsproblemen kommt. Jedoch treten die meisten für Opioide typischen Beschwerden nur in der Anfangsphase der Behandlung auf und sollten möglichst von Anfang an mitbehandelt werden.

Um starke chronische Schmerzen zu lindern, haben sich retardierte Opioide in Tabletten- oder Kapselform bewährt. Diese Schmerzmedikamente geben ihren Wirkstoff kontinuierlich über einen Zeitraum von zirka zwölf Stunden in die Blutbahn ab. Sie werden regelmäßig nach einem festen Zeitschema eingenommen. Bei einer zweimal täglichen Einnahme werden die Schmerzen rund um die Uhr gelindert. Zudem gibt es Kombinationspräparate aus einem starken Opioid und einem weiteren Wirkstoff, die den Schmerz wirksam lindern und gleichzeitig sehr gut verträglich sind.

Frage: Ich habe aufgrund meiner Osteoporose so starke Schmerzen, dass ich fast nicht mehr laufen kann. Mein Arzt hat mir Bisphosphonate verschrieben. Was kann ich sonst noch tun?

Antwort: Zunächst muss die Ursache für die Osteoporose geklärt werden. Neben einer gezielten Behandlung ist Bewegung zu empfehlen. Bewegen Sie sich jeden Tag mindestens 30 Minuten lang an der frischen Luft. Bewegung ist eine wichtige Voraussetzung, damit sich der Knochenabbau verlangsamt und sich die Knochendichte verbessert.

Frage: Ist ein Opioid das gleiche wie Morphium? Kann ich davon abhängig werden?

Antwort: Opioide sind synthetische Abkömmlinge des Morphiums. Jedoch sind sie viel besser untersucht und zu dosieren. Opioide ähneln den körpereigenen Schmerzmitteln (Endorphine), die der Körper bei Schmerzen selbst produziert. Daher sind sie besonders verträglich und eignen sich auch zur Langzeittherapie. Langjährige Erfahrungen zeigen, dass die Angst vor einer Abhängigkeit im Sinne einer Suchtentwicklung bei modernen Arzneimitteln mit verzögerter Wirkstoff-Freisetzung unbegründet ist. Wichtig ist jedoch, dass Sie die Präparate stets entsprechend der Anleitung Ihres Arztes einnehmen.

Frage: Ich habe starke brennende Schmerzen im rechten Bein: Die Kniekehle fühlt sich an, als wäre sie wundgescheuert und die Wade brennt wie ein Sonnenbrand. Was kann ich dagegen tun?

Antwort: Die Schmerzen, die Sie beschreiben, können auf einen Nervenschmerz (Neuropathie) hinweisen. Diese Schmerzen entstehen durch eine Schädigung der Nervenzellen etwa durch Viren wie bei der Gürtelrose, durch Entzündungen oder zum Beispiel durch Diabetes. Um das körpereigene Schmerzabwehr-System zu unterstützen, hilft eine Kombination von Medikamenten gegen Depressionen oder Epilepsie und die Einnahme eines starken und retardierten Opioids.

Frage: Was kann man unternehmen, wenn hochwirksame Schmerzmittel nicht mehr helfen oder die Nebenwirkungen unerträglich werden?

Antwort: Bei einigen Patienten gibt es die Möglichkeit, über neuromodulative Verfahren eine Besserung zu erreichen. Darunter versteht man zum Beispiel die Rückenmarkstimulation (SCS) und die Implantation einer Schmerzpumpe.

   

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