Aderstedt l Ein Rasenmäher brummt, in der Luft liegt der Geruch von frischer Farbe. Über die Seitenwände des riesigen Schwimmbeckens rollern drei Malerwalzen, über den Boden kratzt sachte ein Spachtel. Jens Klaus hat sich mit einem Glas Sprudelwasser auf die Terrasse gesetzt. Kurze Pause.

Das Aderstedter Freibad macht zwar erst nächsten Sonnabend auf, eine Woche später als viele andere Bäder im Land. Klaus und seine Männer können es sich trotzdem nicht leisten, zu bummeln. Die Pumpe und das Sprungbrett müssen noch montiert werden, das Volleyballnetz ist noch nicht aufgestellt, Tische und Stühle fehlen. Für ihre Arbeit bekommt keiner einen Cent. Die Truppe betreibt das Bad ehrenamtlich, und das schon seit 2005.

Die Einheitsgemeinde Huy, damals wie heute finanziell stark angeschlagen, plante zu dieser Zeit die Schließung des Freibades. Jens Klaus wollte das nicht hinnehmen. „Hier gab‘s schon keinen Fußball- und keinen Gesangsverein mehr“, erzählt er. „Und dann wollte man auch noch das Freibad schließen – in dieser Lage!“ Der 54-Jährige deutet auf die unzähligen Bäume auf dem Gelände. Wären es keine Obstbäume, könnte man denken, man säße in einem Waldbad. Um das Ganze zu erhalten, beschlossen er und vier Mitstreiter, einen Förderverein zu gründen. Auf Anhieb fanden sich rund 30 Mitglieder.

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Jeden Sonnabend ab 9 Uhr wird gewerkelt

Das Aderstedter Freibad ist nicht das einzige in Sachsen-Anhalt, das von einem Verein gerettet wurde. Allein im Landkreis Harz gibt es jede Menge Beispiele: In Langenstein gründete sich 2011 ein Förderverein. Die Stadtverwaltung wollte das Bad damals aus Kostengründen schließen, Auslöser war eine gerissene Beckenfolie. Der Verein hat inzwischen 260 Mitglieder. Um die „Bodeperle“ in Rübeland kümmern sich Bürger jetzt in der dritten Saison. Auch die Bäder in Dedeleben und Elend sind in Vereinshand.

In der Börde findet man weitere Beispiele: Bürger in Langenweddingen haben mit der Gründung eines Vereins dafür gesorgt, dass ihr Freibad 2013 nach einjähriger Zwangspause wieder öffnen konnte. Auch in Walbeck kümmern sich Privatleute – allerdings in einer losen Gruppe.

Oft ist ein Verein nur Betreiber des Freibades, Besitzer bleibt dann die Kommune. In Aderstedt kaufte der Verein der Gemeinde ihr Bad gleich ganz ab – für einen Euro. Danach machte sich die Truppe sofort ans Werk. „Wir wollten nicht, dass es für eine Saison geschlossen bleibt“, sagt Vereinschef Klaus, der als Bauamtsleiter arbeitet. „Nach einer Pause hätten alle Instanzen erst recht kritisch auf uns geschaut.“

Schnell kristallisierte sich ein harter Kern von zehn Männern heraus, die regelmäßig zupackten. Sie hatten ein halbes Jahr Zeit – und einiges auf dem Zettel: „Wir mussten das Becken streichen, Gehwegplatten verlegen und den Hang von wildgewachsenen Stachelsträuchern befreien.“ Viel weniger geworden ist die Arbeit seitdem nicht, sagt Klaus. Jahr für Jahr muss der Trupp Mitte März beginnen, das Bad von den Spuren des Winters zu befreien, damit es Mitte Mai in Schuss ist. Jeden Sonnabend um 9 Uhr geht‘s los, dann wird oft bis zum Nachmittag gewerkelt.

Harter Kern besteht fast nur aus Rentnern

Und in den letzten Wochen vor der Eröffnung treffen sich die Ehrenamtler auch noch mittwochs. „Manche Ehefrauen dürfen Sie in der Vorbereitungszeit nicht ansprechen“, verrät der 54-Jährige. „Sie sind stinksauer, weil ihre Männer ständig hier arbeiten.“

Zumindest beruflich bringt der Zeitaufwand für die meisten keine Probleme mit sich. Denn der Großteil des harten Kerns ist längst pensioniert. Der Jüngste im Bunde ist 48 Jahre alt. Jens Klaus ärgert es, dass keine jungen Männer dazugehören. „Wir machen das hier vor allem für die Kinder, da wäre es schön, wenn ihre Väter uns helfen würden.“

Bei den Frauen zumindest sind auch jüngere Semester vertreten. Sie kommen ins Spiel, wenn das Bad eröffnet. Jeden Tag besetzen sie dann die Kasse, am Wochenende und in den Ferien sogar von 11 bis 19 Uhr. Bezahlte Kassiererinnen liegen einfach nicht im Budget, erklärt Klaus.

Zwischen 15 000 und 20 000 Euro braucht der Verein pro Saison für die Betriebskosten – zum Beispiel für Wasser, Strom, Bademeister und einen Fachmann, der das Chlor verabreicht. Auch das Material für Reparaturen und Instandhaltung reißt schnell Löcher in die Vereinskasse. „Das Ganze ist jedes Jahr abenteuerlich“, sagt Klaus. Schließlich spielt der Eintritt nicht einmal die Hälfte der Kosten ein. Zwischen 5000 und 7000 Euro kommen zusammen. Und die Beiträge der rund 50 Mitglieder – 24 Euro pro Person und Jahr – fallen kaum ins Gewicht.

Mit Schrott und Arschbomben zu Geld

Den Rest muss der Verein irgendwie zusammenkratzen. Teils helfen Sponsoren, teils hilft die Kreativität der Mitglieder. Um zusätzliche Gäste anzulocken, haben die Aderstedter zum Beispiel einen jährlichen Arschbombenwettbewerb ins Leben gerufen. Und bei ihrem Sommerfest studieren sie, um Gagen zu sparen, jedes Mal selbst ein Programm ein. Jens Klaus war schon Udo Lindenberg, Heino und Mitglied der Olsen-Bande.

Als der Verein vor ein paar Jahren mal mitten im Sommer zahlungsunfähig war, starteten die Mitglieder eine besonders ungewöhnliche Aktion: In einer ehemaligen Schweinemastanlage bauten sie mit Einverständnis des Besitzers sämtliche Rohre ab, um den Schrott zu Geld zu machen. „2000 Euro kamen damals zusammen“, erzählt Klaus stolz.

Dass es überhaupt so weit kommt, dass sich Vereine um die Finanzierung von Freibädern kümmen müssen, erklärt Jürgen Leindecker vom Städte- und Gemeindebund so: „Mehr als 50 Prozent der Kommunen in Sachsen-Anhalt befinden sich in der Haushaltskonsolidierung, sie müssen also dringend sparen. Dabei kommen zuerst die freiwilligen Aufgaben auf den Prüfstand.“ Und zu denen gehören neben Kulturhäusern und Sportstätten eben auch die Freibäder.

Das eine oder andere Mal, erzählt Jens Klaus, habe sicher jeder mal darüber nachgedacht, das Freibad aufzugeben. Und warum zieht die Truppe trotzdem durch? Dem Ehrenamtler fallen auf Anhieb zwei Gründe ein: „Das Gemeinschaftsgefühl hier ist etwas, das seinesgleichen sucht“, sagt er. „Außerdem haben wir noch nicht die Lust verloren.“ Ein paar Minuten später, als Klaus auf dem Hang mit dem Obstbäumen steht und hinunter zu den Männern mit den Malerwalzen blickt, fällt ihm plötzlich noch ein dritter Grund ein: „Wenn man so viel Zeit und Herzblut in etwas gesteckt hat, kann man doch nicht einfach alles wegschmeißen.“