Sind Ost und West in den vergangenen 30 Jahren zusammengewachsen?
Thomas Kühne aus Üllnitz (Salzlandkreis): „Die bewusste Deindustriealisierung im Osten ist ein entscheidender Grund für die Unterschiede bezüglich Effektivität und Leistungsfähigkeit der Wirtschaft in Ost und West; auch sind keine Zentralen der Schlüsselbetriebe im Osten angesiedelt. Das alte Leben vor der Wende will niemand zurück, man kann jedoch Akzeptanz ohne Vorurteile und Gleichbehandlung von den Regierenden erwarten. Es floss in den letzten 30 Jahren viel Geld in die Infrastruktur der neuen Bundesländern, aber Geld ist nicht alles: Der Westen muss den Osten mit seiner Geschichte und Lebenserfahrung verstehen wollen.“

Museumsmitarbeiterin Josefine Mank (30) aus Calbe/Saale (Salzlandkreis): „Ich bin Teil der Nachwendegeneration und hatte somit das Glück mit Werten wie persönlicher Freiheit und gelebter Demokratie aufzuwachsen. Die regionalen Unterschiede in Deutschland sind vielfältig und durchaus ausgeprägt, doch lassen sie sich nicht anhand der ehemaligen innerdeutschen Grenze ziehen. Historisch relevant ist für mich die weiterhin kontrovers geführte Diskussion über die Bewertung des politischen Apparats der DDR als Unrechtsstaat.“

Die Wende war ein großer Einschnitt. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?
Lehrerin Annerose Dudei (62) aus Haldensleben (Landkreis Börde): „Die Wende war ein großer Einschnitt, weil viele Leute ihre gewohnte Arbeit verloren haben. Auch ich wurde entlassen, da ich Schulleitungsmitglied war. Glücklicherweise gab es immer schon zu wenige Musiklehrer, so dass ich wieder eingestellt wurde. Meines Erachtens haben die Menschen zu DDR-Zeiten mehr zusammengehalten, weil es auch einfach notwendig war sich gegenseitig zu helfen. Mittlerweile sind Ost und West zusammengewachsen, die anfängliche Überheblichkeit der Wessis ist nicht mehr allgegenwärtig und wir Ossis haben auch dazu gelernt und können gegenhalten.“

Sozialpädagoge Friedhelm Wende (40) Aus Salzwedel (Altmarkkreis Salzwedel): „Zur Wende war ich zehn Jahre alt. Ohne den Mauerfall hätte ich meinen Job in der Kirche nicht bekommen, deshalb ist meine Bilanz der vergangenen 30 Jahre positiv. Anders als viele Menschen, vor dem Fall der Mauer, kann ich die Freiheit genießen, die mit der friedlichen Revolution erreicht worden ist. Ich bin froh über meine Herkunft, jedoch spielt sie für mich keine große Rolle. Trotzdem stehe ich zu meinen Wurzeln in der DDR.“

Museumspädagogin Evelyn Winkelmann (59) aus Badersleben (Harzkreis): „Die Wende war für mich ein sehr persönlicher Einschnitt, denn am 9. November 1989 um 23.05 Uhr wurde meine Tochter geboren. Insgesamt habe ich von der Wende profitiert. Zu DDR-Zeiten war ich in der EDV im Maschinenbau tätig. Durch die Veränderungen musste ich mich beruflich neu orientieren. Im Nachhinein war dies ein Glücksfall. Nach der Wende habe ich eine Umschulung zur Industriekauffrau gemacht. Ich wollte jedoch immer in den Kulturbereich und habe mich auch zu DDR-Zeiten sehr für Kultur interessiert. Nach der Umschulung hatte ich das Glück, im Halberstädter Heineanum anfangen zu können. Durch die Wende bekam ich die Möglichkeit beruflich das zu machen, was mich interessiert. Meine Eltern und Großeltern haben mir als Zeitzeugen vom Krieg erzählt. Ich selber bin in der DDR aufgewachsen und durfte dann die Wende erleben. Diese Erfahrungen gemacht zu haben, empfinde ich als positiv.“

Theologin Edda Ahrberg (65) aus Cobbel (Landkreis Stendal): „Die Wende war das Beste, was mir passieren konnte. Es wurden einem so viele Chancen geboten. Ich habe die ganze Welt bereist und auch beruflich eine erfüllte Zeit gehabt. Das größte Gefühl von Freiheit habe ich in Alaska und Kanada erlebt. Die Menschen nehmen ihr Leben dort in die Hand und gestalten es. Das hat mich sehr beeindruckt. Heute arbeite ich im Beirat der Gedenkstätten des Landes und kümmert sich um die Erinnerung an DDR-Bürger, die Anfang der 1950er Jahre in die Sowjetunion verschleppt und vielfach getötet wurden.“

Dossier 30 Jahre Mauerfall