Bernburg l Maik Müllers Videothek ist so etwas wie das kleine Gallier-Dorf inmitten der römischen Besatzer. Und wie Asterix und Obelix gibt er sich kämpferisch und verteidigt sein Geschäft in der Bernburger Fußgängerzone gegen die Übermacht der Internet-Anbieter und Filmportale wie die Comic-Helden in seinem Kinder-DVD-Regal. Aber er hat sich selbst eine Deadline gezogen: „Am 20. März 2019 wird die Videothek 29 Jahre alt. Genau an diesem Tag werde ich darüber nachzudenken beginnen, ob ich noch bis Silvester weitermache oder mit dem Ausverkauf beginne.“

Noch so einen Sommer wie in diesem Jahr wolle er sich eigentlich nicht antun, sagt Müller. „Die heißen Monate, die Fußball-WM – die Umsätze sind in den Keller gerutscht.“ Zwar schreibe er mit Blick aufs Jahr immer noch schwarze Zahlen und er könne Krankenkasse und Rechnungen bezahlen, „aber ein halbwegs einträglicher Broterwerb ist die Videothek schon lange nicht mehr“.

Ohne den Verleih von Videospielen, Zigaretten- und Eisverkauf sowie Paketausgabe wäre sein Geschäft schon lange geschlossen. „Ich habe es zwischendurch auch mal mit Getränkeverkauf probiert. „Aber als der Dosenpfand kam und ich die Büchsen wieder hätte annehmen müssen, habe ich schnell wieder die Finger davon gelassen.“ Die Verdienstspanne sei zu gering gewesen, hinzugekommen seien seine begrenzte Lagermöglichkeit und der Gestank nach schalem Bier.

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Kunstgeschichte studiert

Wie er zum Mr. „Video-World“ wurde, sei „eine wilde Geschichte“, sagte der Mann vom Interessenverband der Videotheken Deutschlands hinter seiner Ladentheke mit den knallbunten Postern und Aufstellern, so von „FIFA 19“ und „Der beste X-Men-Film, den es je gab“. „Meine Eltern haben sich zu DDR-Zeiten mit einem Antiquariat selbstständig gemacht. Ich hatte nach der Berufsausbildung mit Abi an der Bergbauakademie in Freiberg einen Studienplatz. Aber mein Vater hat gesagt: Ich stelle dich ein. Ich habe somit in der Erwachsenenqualifizierung zuerst eine Buchhändlerlehre abgeschlossen und danach an der Uni in Halle Kunstgeschichte studiert, allerdings nicht abgeschlossen, weil die Fernstudium-Sektion nach der Wende aufgelöst wurde."

Dann sei die Wende gekommen und seine Eltern seien in Richtung Westen aufgebrochen. „Ich hatte Familie und ein Haus. Ich blieb.“

Auf Filme habe er schon immer gestanden. „Mein Vater hatte ziemlich früh eine Kamera und wir sind zum Beispiel im Kaukasus herumgezogen und haben Videos gedreht.“ Der „Medienaffine“ überlegte sich, ob er sein Hobby nicht irgendwie mit einer Tätigkeit verbinden kann. Und er sprang auf den Zug auf, der gerade unter Volldampf durch die neuen Länder brauste.

„Am 20. März 1990 habe ich meine Videothek eröffnet. Während der Boom-Zeit gab es in Bernburg 30 solcher Läden.“ Der 56-Jährige spricht von „Goldgräberstimmung“ und dass jeder in seiner Garage eine Videothek aufmachen konnte. „Nach Qualifikation wurde nicht gefragt.“

Reich wird kein Betreiber

Doch reich sei keiner der Ost-Betreiber geworden. „Die Hälfte der Einnahmen landete im Westen. Da saßen die Chefs mit Kontakten zur Ufa und zu Starlight, die ihren ausgeramschten Kram in die neuen Länder brachten. Wir hier haben ne Menge Lehrgeld bezahlt“, sagt Müller. Der Preiskampf sei „exzessiv“ gewesen. „50 Pfennig Ausleihgebühr pro Tag – bei einem Einkaufspreis von 200 Mark. Muss ich mehr sagen ...?“

Müller zeigt auf ein kleines Sichtfenster zu einem Nebenraum, der von der Straße nur durch einen separaten Eingang betreten werden kann.

Dort steht nicht nur einfach die „harte Ware“, sondern die FSK 18, die „indizierte“, mit viel Blut und Gewalt, bei denen Jugendliche nicht einmal die Cover sehen dürfen.

Einen roten Vorhang, vor dem sich die Kunden in den Anfangsjahren vergewissert haben, ob sie auch niemand beim Dahinterverschwinden beobachtet, gibt es in der Videothek allerdings nicht. Die Sex-Streifen stehen im Kellergeschoss. „Übrigens: Bei diesen Filmen ist die Ausleihe beinahe konstant geblieben. Sie liegt bei etwa zehn Prozent der Gesamt-DVD-Ausleihe. Und das, trotz der vielen unentgeltlichen Porno-Kanäle, die es im Netz gibt“, sagt Müller. „Bei mir läuft die ganze Sache anonymer ab. Denn viele Kunden möchten nicht, dass ihre Seh-Aktivitäten im Netz nachverfolgbar sind. Kinoblockbuster seien die Verleih-Renner, weiß der Film-Experte. „Jurassic-Park, Star Wars, Fack yu Göhte – alles, was groß und bunt ist, brummt.“

Anfang der 1990er Jahre seien es die Marvel-Filme, Spiderman, Batman und Star Wars auf VHS-Kassette gewesen, die gefragt waren.

„Haben Sie die komplette Harry-Potter-Serie“, will ein 67-Jähriger wissen. „Für meine Tochter“, fügt er an. „Leider“, antwortet Müller, „auf DVD nur einen Teil, aber auf Blue-ray habe ich vier Teile. Als der Kunde den Kopf schüttelt, gibt Müller den Tipp: „Gehen Sie zur Konkurrenz, zur Stadtbibliothek, die haben alle Filme.“

Einst 12.000 Kunden

Mehr als 12.000 Kunden hatte die Videothek während ihrer Hochzeit. „Nachdem ich vor einiger Zeit die Kartei bereinigt hatte, blieben 1500 übrig. Davon kommen etwa zehn Prozent ein- bis zweimal im Monat. Die Altersgruppe zwischen 18 und 25 Jahren habe ich völlig verloren.“

Ende der 1990er Jahre wurde auch in der Video World das Ende der Videokassette eingeläutet. „Zwei Jahre liefen VHS und DVD noch parallel, dann war Feierabend“, so Müller. Heute stehen in den Regalen 3000 Titel, davon rund 1000 Spiele für fast alle Konsolen.

„Wenn ich daran denke, dass ich vielleicht in ein paar Monaten mit dem Ausverkauf anfange“, guckt der Verleiher traurig in die Runde, „dann drückt es doch ganz schön auf Magen und Herz.“ Nur, dass er dann mehr Zeit hat, um seine Nachwuchsfußballer zu trainieren, vertreibt die trüben Gedanken.