Magdeburg l Immer, wenn auf dem Bahnsteig 2 am Haldensleber Bahnhof ein Zug gehalten hat, wird der „Reisendensicherer“ aktiv: Seit Ende August öffnet er dort dann eine fünf Meter lange Absperrkette am Gleis 1 für wartende Fahrgäste. Danach hängt er sie wieder ein.

Einmal pro Stunde geht das so, bei jedem Wetter, täglich, bis in die Nacht.

Eine Sofortmaßnahme der Bahn

Was skurril klingt, hat nach Angaben der verantwortlichen Bahn einen ernsthaften Hintergrund: Man habe festgestellt, dass Reisende sich bei der Überquerung des Gleises „verkehrswidrig und unverantwortlich“ verhalten, sagte Bahnsprecherin Erika Poschke-Frost der Volksstimme. Das mache zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen notwendig. Beim Haldenslebener Reisendensicherer handelt es sich demnach um eine Sofortmaßnahme.

Ausschlaggebend seien Stichproben des zuständigen Eisenbahn-Bundesamtes gewesen, hieß es. Ergebnis: Vorkehrungen vor Ort hätten „zeitweise“ nicht dem erforderlichen Sicherheitsniveau entsprochen.

Nicht jedem erschließt sich die Argumentation. Schließlich ist der Übergang, der die beiden Gleise in Haldensleben verbindet, eben und nur wenige Meter breit. Lange genügte den Behörden dann auch ein Schild mit der Aufschrift „Zugverkehr beachten“, neben dem Übergang. Das Vorgehen jetzt sorgt bundesweit für amüsiertes Aufsehen.

Der RBB hat vom Reisendensicherer berichtet, auch das ARD-Satire-Magazin „extra3“ drehte in der Stadt. Die Bahnstrecke am Bahnhof sei schon 20, 30, 40 Jahre im heutigen Zustand, nie habe es eine Absperrkette gegeben, berichtete eine Bahnfahrerin „extra3“.

Spötteln über die Mitarbeiter

„Aber keine Bange, hier verläuft alles in geregelten Bahnen“, spöttelt daraufhin der „extra3“-Sprecher im Spot – unterlegt von behäbiger Musik. Deshalb stehe neben der Kette jetzt auch ein „Kettenabhänger“ – gemeint ist der Reisendensicherer. „Er kommt immer dann zum Zug, wenn der Zug kommt“, erklärt der Sprecher dem unkundigen Zuschauer weiter. Im Film hält dann tatsächlich eine Lok mit Waggons: „Jetzt muss jeder Handgriff sitzen“, kommentiert der Sprecher trocken. Gelächter wird eingespielt.

Zum Reisendensicherer befragt, reagieren die Fahrgäste mit Kopfschütteln: „Ich find‘s Schwachsinn“, sagt ein Mann in die Kamera. Die eben befragte Dame erklärt: „Ich find‘s eigentlich lustig, dass man dafür jetzt Geld ausgibt. Ich weiß aber nicht, ob das notwendig ist.“ Ein Mann mit Trolley-Koffer sagt nüchtern: „Der hat den langweiligsten Job“.

Haldensleben ist kein Einzelfall. Reisendensicherer gibt es aktuell bundesweit an sechs weiteren Bahnhöfen. Das geht aus der Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine Frage des FDP-Bundestagsabgeordneten Frank Sitta (FDP) hervor. Zu den Kosten äußerte sich die Bahn auf Anfrage nicht. Bemerkenswert: Bis auf das mecklenburgische Ribnitz-Damgarten liegen alle Orte in Sachsen-Anhalt. Konkret handelt es sich um Eisleben, Roßla (Mansfeld-Südharz), Angern-Rogätz (Bördekreis) sowie Gommern und Königsborn im Jerichower Land.

Noch vor zehn Jahren sah das etwas anders aus: Reisendensicherer waren damals bundesweit immerhin noch an 21 Bahnhöfen im Einsatz, so auch auf dem Fernbahnhof des Frankfurter Flughafens.

Keine Helfer mehr nötig?

„Alle entfallenen Stationen wurden in der Zwischenzeit so modernisiert, dass der Einsatz von Reisendensicherern nicht mehr betrieblich erforderlich ist“, schrieb der Parlamentarische Staatssekretär Enak Ferlemann Sitta in seiner Antwort.

Sitta packt bei allem Verständnis für Satire in seine Beurteilung des Helferpostens auch Kritik: „Dass gerade bei uns diese sicherlich wichtige, aber doch anachronistisch anmutende Tätigkeit am häufigsten nachgefragt wird, spricht eher nicht für den guten baulichen Zustand der kleineren Bahnstationen“, sagte er.

Nach Berechnungen der Eisenbahnergewerkschaft EVG betrug der Sanierungsstau für Gleise, Brücken, Stellwerke und Bahnhöfe im März bundesweit rund 57 Milliarden Euro.