Magdeburg l Dass sich Geld vermehrt, wenn es auf einem Bankkonto liegt, ist schon länger nicht mehr selbstverständlich. Nun müssen immer mehr Sparer sogar Zinsen zahlen. Laut einer Untersuchung des Verbraucherportals Biallo haben in diesem Jahr bereits rund 150 Banken und Sparkassen in Deutschland Negativzinsen für Privatkunden eingeführt. Insgesamt fordern derzeit laut Biallo mehr als 300 Geldinstitute Strafzinsen von ihren Kunden.

In der Liste tauchen auch Sparkassen und Volksbanken aus Sachsen-Anhalt auf. Negativzinsen für Geld auf Giro- oder Tagesgeldkonten berechnen demnach die Sparkassen in Magdeburg und im Landkreis Stendal. Gleiches gilt für die dortigen Volksbanken. Außerdem ist die Volksbank Jerichower Land aufgeführt.

Betroffen von der Negativzinswelle sind Neukunden. Die Einführung auf bestehende Konten stuften Richter in der Vergangenheit als rechtswidrig ein. Üblich ist bei den allermeisten Banken mit Strafzinsen ein Negativzinssatz von 0,5 Prozent im Jahr. Ab welchen Beträgen Kunden diesen Zinssatz zahlen müssen, unterscheidet sich teils erheblich.

Guthaben ab 10.000 Euro betroffen

Beispiel: Neukunden der Stadtsparkasse Magdeburg müssen seit September für Beträge über 10.000 Euro auf Girokonten 0,5 Prozent Zinsen zahlen. „Verwahrentgelt“ nennt das ein Sprecher der Sparkasse auf Nachfrage. Gleichzeitig forcierte die Sparkasse in den vergangenen Monaten eine Kontenreform. Die Inhaber von 112.000 Girokonten waren aufgefordert, ein neues Kontomodell zu wählen. Laut Stadtsparkasse würden bei den neuen Kontomodellen für Bestandskunden aber keine Negativzinsen erhoben.

Negativzinsen ab dem ersten Euro auf Tagesgeldkonten verlangt laut Biallo die Kreissparkasse Stendal. Zur Höhe des Zinssatzes macht das Verbraucherportal jedoch keine Angaben. Die Kreissparkasse Stendal lässt mehrfache Nachfragen der Volksstimme dazu unbeantwortet. Informationen gebe es in den Filialen, heißt es von der Kreissparkasse lediglich.

Strafzinsen einführen will auch die Sparkasse Altmark-West. Allerdings nur für Geschäftskunden, wie eine Sprecherin erläutert. Ab Januar sollen sie 0,5 Prozent Zinsen für Beträge ab 250.000 Euro zahlen.

Druck durch Zinspolitik der EZB

Beschwerden über die Einführung von Strafzinsen landen bei der Landesverbraucherzentrale. Bankkunden hätten sich zuletzt regelmäßig darüber beklagt, berichtet Yvonne Röhling, zuständig für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt. „Dieses Vorgehen verunsichert die Sparer zutiefst“, sagt sie.

Grund für die Negativzinsen ist die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. „Die Niedrigzinsstrategie der EZB belastet die Sparkassen, da sie ein Verwahrentgelt entrichten müssen, wenn sie Geld bei der EZB parken“, sagt Cosima Ningelgen, Sprecherin des Ostdeutschen Sparkassenverbands. Bei den Sparkassen in Sachsen-Anhalt sind laut Verband rund 1,5 Millionen Privatkonten und etwa 1,3 Millionen Geschäftskonten registriert.

Ein Ende der Strafzinswelle ist nicht in Sicht. „Es sieht im Moment so aus, als müssten wir uns langfristig auf dieses Zinsniveau einstellen“, sagt Reint Gropp, Chef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. Die Leitzinspolitik der EZB hält er für notwendig. „Es wäre falsch, nun die Zinsen zu erhöhen und so das Kreditangebot einzuschränken“, betont der Wirtschaftsexperte.

Für die Banken sei diese Situation „sehr schwierig“, sagt Gropp. Für sie steige der Kostendruck. Der Ökonom erwartet, dass sich der Trend zu weniger Filialen fortsetzen werde. Folgen dieses Prozesses könnten laut Gropp außerdem Fusionen von Sparkassen oder Volksbanken sein.

Zuletzt waren Fusionspläne der Sparkassen Stendal und Jerichower Land gescheitert. „Unterschiedliche geschäftspolitische Ausrichtungen“ wurden als Begründung genannt.