Volksstimme: Frau Perren, die Bauhäusler machten sich einst auch einen Namen mit ihren Festen. Wie ausgiebig feiern Sie?
Claudia Perren:
Das Jubiläum dauert das ganze Jahr, am Sonnabend feiern wir den Auftakt am Bauhaus Dessau. Im März laden wir zum ersten unserer insgesamt drei Festivals. Es wird um Schule gehen, später dann um Architektur und Bühne. Der Höhepunkt des Dessauer Jubiläumsjahres ist natürlich die Eröffnung des neuen Museums.

Es soll am 8. September feierlich eröffnet werden. Halten Sie den Termin?
Ja, wir eröffnen mit einem großen Festakt am 8. September.

Der Neubau sollte ursprünglich 25 Millionen Euro kosten, er wird drei Millionen teurer. Bleibt es bei diesen Mehrkosten?
Ich gehe davon aus.

Das Jubiläum wird deutschlandweit gefeiert. Warum soll man nach Dessau kommen?
Hier gibt es die meisten originalen Bauhausbauten. In Dessau hat sich das Bauhaus mit verschiedenen Prototypen architektonisch verwirklicht. Da gibt es das Kornhaus an der Elbe, die Meisterhäuser, das Schulgebäude, verschiedene soziale Wohnungsbauten und Materialexperimente wie das Stahlhaus. Auf unsere Gäste warten neue Ausstellungen, die einerseits auf das Wesen und die Funktion dieser Musterhäuser fokussiert sind und andererseits zeigen, welche Fragen das Bauhaus an unsere heutige Zeit stellt. 

Was hat uns das Bauhaus heute noch zu sagen?
Wichtig ist, das Bauhaus als pädagogischen Ansatz zu verstehen. Nach dem Ersten Weltkrieg wollte man zu einer neuen Zeit mit neuen Lehrmethoden, neuen Denkmustern, neuer Gestaltung aufbrechen. Über all das hat man nicht nur theoretisch in dieser Schule nachgedacht, sondern die Lehrer und Schüler sind rausgegangen in die gesellschaftliche Realität. Sie haben Häuser im Stadtraum gebaut, Stühle mit der Industrie entwickelt, Verkaufsausstellungen organisiert. Ich denke, sie haben sich durchsetzen können, weil sie Schulmauern durchbrochen haben.

Es hätte auch schiefgehen können.
Ja, natürlich. Experiment bedeutet Risiko. Es war dann aber so, dass ihre Vorstellungen in vielen Bereichen tatsächlich exemplarisch funktioniert haben. Die Siedlung Dessau-Törten zum Beispiel. Die Anlage war als sozialer Wohnungsbau ein Versuch, der hätte danebengehen können, was Rechte und Konservative zu Bauzeiten schon prophezeit hatten.

Aber diese Reihenhäuser standen nie leer, waren immer bewohnt, auch zu DDR-Zeiten und auch, als man nach 1989 großflächig Häuser in Dessau abgerissen hat. Sie sind also ein Erfolgsmodell, unabhängig davon, ob man sie nun ästhetisch besonders gelungen findet. Leute, die sich dort wohlfühlen, sind doch der beste Beweis für etwas Funktionierendes.

Bitte beschreiben Sie möglichst knapp den Bauhausstil.
Bauhaus wird gerne über einen Stil wahrgenommen. Die Gestaltungsansätze waren aber sehr divers. Aber vielleicht kann man festhalten, dass die Formensprache sich durch Offenheit und Transparenz, Reduktion, Funktion und eine neue Ästhetik auszeichnet. Wichtig ist auch die Gesamtkomposition aller Gestaltungsdisziplinen. Farbe ist mehr als nur das Bild an der Wand. Auch der Stuhl steht nicht für sich, er steht im Raum in einem Zusammenhang zum Tisch, zur Wand, zum Fenster. 

Es gibt Kritiker, die meinen, der Stil sei zu einheitlich.
Er ist aber, wie gesagt, auch sehr unterschiedlich. Wenn ich mir das Arbeitsamt in Dessau von Gropius anschaue, Backstein, Glas, geschwungene Wände, dann ist das ganz anders als das Stahlhaus oder die weißen Meisterhäuser. Das Bauhaus wurde Synonym für Moderne. Wenn man heute über Tel Aviv redet, dann sagen viele nicht, es ist eine Stadt der Moderne, sondern es ist Bauhausstil. 

Wie viele Touristen wollen Sie im Jubiläumsjahr locken?
Wir haben schon jetzt jedes Jahr so um die 100.000 Besucher aus aller Welt. Wenn wir mit dem Jubiläum und dem neuen Museum weitere Gäste am Bauhaus Dessau begrüßen können, freuen wir uns natürlich. Die Anfragen sind bereits gestiegen. 

Die „New York Times“ hatte Dessau als eines der 52 interessantesten Reiseziele in diesem Jahr empfohlen. Was bedeutet das für Sie?
Das ist schon eine hohe Anerkennung. Mit der Empfehlung sagt die Zeitung, dass wir mit dem, was wir bieten, international herausstechen. Ich sagte ja schon, die Originale stehen in Dessau, nicht anderswo – und wir bieten zudem aktuelle Plattformen für Begegnungen und Austausch. 

Sachsen-Anhalt wirbt als Land für das Jubiläum. Auch Magdeburg und Halle haben viele und wichtige Bauten der Moderne und feiern mit. Wie wichtig ist es, dass das Jubiläum nicht nur auf Dessau fokussiert ist?
2016 hatten wir mit dem Ausstellungsprojekt „Große Pläne“ als Auftakt zum Jubiläum bereits gezeigt, dass das Bauhaus nicht isoliert stand. Die Bauhäusler hatten sich nach dem Weggang aus Weimar sehr bewusst für Dessau entschieden, weil Mitteldeutschland wegen der Industrialisierung eine attraktive Gegend war. Hier gab es viele kreative Köpfe. Auch in Magdeburg, Halle, Elbingerode und vielen anderen Orten haben sich Menschen mit neuen Lebensmodellen auseinandergesetzt. 

Es war ein echtes Ballungszentrum. Ich finde es gut, wenn man dafür sensibilisiert, dass es in dieser Region viele Leute gab, die große Neuerungen wollten. Man muss sie natürlich auch immer im Kontext der Zeit sehen. 1920er Jahre, Hinterhöfe, Wohnen auf beengtem Raum, wenig Tageslicht, fehlende hygienische Standards.

Das Jubiläum wird räumlich breit aufgestellt. Und inhaltlich?
Uns ist sehr wichtig, auch da die große Vielfalt zu zeigen. Das Bauhaus war eine Schule, die zwar den Bau ins Zentrum des Lehrplans stellte, aber darüber hinaus auch Werkstätten in den Bereichen Textil, Metall, Grafik, Fotografie und Bühne als Kreativraum für all die Maler, Designer, Architekten hatte. Es sollte nichts separiert werden. So handhaben wir es auch. 

Außer in Dessau wird auch in Weimar und in Berlin groß gefeiert. Konzentriert man sich auf verschiedene Schwerpunkte?
Die Schwerpunkte sind schon in den Sammlungen angelegt. Weimar zum Beispiel hat die Gründungssammlung, die Gropius selbst noch angelegt hat, aus den Produkten, die in den ersten Bauhausjahren in Weimar produziert worden sind. Dessau hat eine DDR-Sammlung. Zum 50. Jubiläum wurde das Bauhaus-Gebäude saniert und man begann, die Sammlung aufzubauen. Darüber hinaus haben wir einen Schwerpunkt im Schulalltag und können zeigen, wie die Schule funktioniert hat, wie gelehrt und gelernt wurde, wie Studierende und Industrie zusammenarbeiteten. Berlin zeigt seine Jubiläumsausstellung in der Berlinischen Galerie, weil das Bauhaus-Archiv wegen Bauarbeiten geschlossen ist.

 

Ein ganzes Jahr gibt es Bauhaus im Fernsehen, in Ausstellungen, auf Theaterbühnen, in Festivals. Haben Sie Angst davor, dass wir dessen überdrüssig werden?
Überhaupt nicht. Dass jetzt schon mehr als 600 Veranstaltungen angemeldet sind, zeigt doch das große Interesse von vielen Städten und Institutionen am Bauhaus. Und es zeigt mit der Vielfalt auch die Komplexität. Es gibt ja nicht eine Deutungshoheit über das Bauhaus, sondern sehr viele verschiedene Anknüpfungspunkte. Da gibt es in diesem Jahr viel zu entdecken.

 

Was ist Ihr persönliches Highlight?
Die Eröffnung unseres Museums mit der Ausstellung „Versuchsstätte Bauhaus“, ganz klar!

Themenseite: 100 Jahre Bauhaus

Das Bauhaus wird 100 Jahre alt. Auf der großen Volksstimme-Themenseite gibt es Geschichten und Termine rund ums Jubiläum und wo Bauhaus den Menschen in Sachsen-Anhalt heute noch begegnet. Themenseite: 100 Jahre Bauhaus