Schwerbehinderung und Arbeitsmarkt

Schwerbehinderte: Als schwerbehindert gelten Personen, denen die Versorgungsämter einen Grad der Behinderung von mindestens 50 zuerkannt haben. Schwerbehinderte haben einen entsprechenden Ausweis vom Versorgungsamt. 2017 hatten 9,4 Prozent der gesamten Bevölkerung in Deutschland den Schwerbehindertenstatus.

Regelungen: Generell gilt, dass Arbeitgeber 5 Prozent der Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzen müssen – egal, ob freie Stellen vorhanden sind oder nicht. Dies gilt sowohl für private Arbeitgeber als auch für die Arbeitgeber der öffentlichen Hand.

Ausgleichsabgabe: Im Sozialgesetzbuch (Paragraf 160/SGB IX) ist festgeschrieben, dass für Arbeitgeber eine Ausgleichszahlung fällig wird, wenn sie nicht die gesetzlich vorgeschriebene Zahl von schwerbehinderten Menschen beschäftigen. Zahlen müssen Unternehmen, die im Schnitt mindestens 20 Arbeitsplätze pro Monat haben und weniger als 5 Prozent Schwerbehinderte beschäftigen. Die Abgabe soll einen finanziellen Ausgleich gegenüber den Arbeitgebern schaffen, die Schwerbehinderte beschäftigen und dadurch höhere Kosten haben – etwa, weil sie für den Mitarbeiter mit Handicap umbauen müssen oder weil diese zusätzliche gesetzliche Urlaubstage haben.

Höhe der Ausgleichsabgabe: Sie beträgt je unbesetzten Pflichtarbeitsplatz pro Monat zwischen 125 Euro (bei einer Beschäftigungsquote von 3 Prozent bis weniger als 5 Prozent), 220 Euro (Quote von 2 Prozent bis weniger als 3 Prozent) und 320 Euro (Quote von weniger als 2 Prozent).

Fördermaßnahmen des Landes: Aktuell werden mit dem Arbeitsmarktprogramm „Arbeitsplätze für besonders betroffene schwerbehinderte Menschen in Sachsen-Anhalt“ (Laufzeit bis 31. Dezember 2020) Arbeitgeber bis zu 6 Jahre mit Lohnkostenzuschüssen von bis zu 90 Prozent gefördert. Auch die Ausbildung wird mit einem Sonderprogramm aus der Ausgleichsabgabe gefördert. Arbeitgeber, die einem jungen Menschen mit Behinderung einen Ausbildungsplatz bieten, erhalten Prämien von bis zu 10 000 Euro, bei Übernahme in ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis werden zusätzlich 2000 Euro gezahlt. (jb)

Weitere Infos unter www.arbeitsagentur.de/menschen-mit-behinderungen

Oebisfelde l Michael Temme sitzt gedankenverloren in seinem Rollstuhl. Traurig. Ohne Power. Der Blick geht ins Leere. In seinem Bauch grummelt eine Mischung aus Enttäuschung, Wut und Verzweiflung. Wie so oft in den letzten Tagen, in denen sich die Lebenssituation des Paares zugespitzt hat. Denn als wäre das Abrutschen vom Arbeitslosengeld 1 in Hartz IV nicht schon schlimm genug, droht nun auch noch der Auszug aus der liebgewonnenen, behindertengerechten Wohnung in Oebisfelde. 200 Euro bleiben seit September zum Leben. „Ich bin an einem Punkt, an dem ich einfach nicht mehr weiter weiß“, erklärt der arbeitslose Bürokaufmann, warum er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit geht.

Die Gedanken kreisen im Kopf: Was hat er verbrochen, dass sein Leben – und das seiner Freundin - in eine Sackgasse geraten ist, aus der es kein Entkommen zu geben scheint? „Ich bin doch kein Mensch zweiter Klasse – nur weil ich im Rollstuhl bin. Oder doch?“, fragt der 31-Jährige laut in die Runde – und es schmerzt, ihn so verzweifelt zu sehen.

Das Recht auf ein bisschen Glück

Verlangt ein schwerbehinderter Arbeitsloser wirklich zu viel von der Gesellschaft – die sich Sozialstaat rühmt und von Inklusion und Chancengleichheit spricht, wenn er um eine faire Chance auf Lohn und Brot bittet?, sinniert Michael Temme vor sich hin. „Eigentlich hat doch jeder das Recht auf ein bisschen Glück.“

Dabei meinte es das Leben schon früh nicht gut mit beiden. Nadine Terhorst (37), in Dortmund aufgewachsen, war 11 Jahre alt, als ein gutartiger Tumor am Rückenmark operiert werden musste. Bei dem Eingriff wurden zu viele Nerven beschädigt. Sie war gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. „Ich habe gelernt, mit dem Handicap zu leben.“ Sie besuchte weiter die alte Schule, machte den Realschulabschluss und schloss auch die Ausbildung bei Mercedes zur Kauffrau für Bürokommunikation erfolgreich ab.

Bei Daimler in Germersheim fand sie eine Anstellung. Irgendwann gingen jedoch die gesundheitlichen Probleme los. Der Rücken verkrümmte sich (Skoliose). 2016 dann der totale Zusammenbruch. Das Ende von zwei Operationen: Komplette Versteifung des Rückens. Seitdem plagen sie Schmerzen – ihr Antrag auf eine Erwerbsunfähigkeitsrente (EU-Rente) wurde genehmigt.

Nachts aus dem Hochbett gefallen

In der Reha in Bad Wildungen lernte die junge Frau vor acht Jahren Michael Temme kennen – und später lieben. Auch ihm hatte das Leben übel mitgespielt: Mit 14 Jahren brach sich der gebürtige Wolfsburger infolge eines Unfalls, bei dem er nachts aus dem Hochbett gefallen war, die Halswirbel. Zwei Monate später aus dem Koma erwacht, war er gelähmt. „Ich musste von einen auf den anderen Tag erwachsen werden, das war nicht einfach.“

Doch auch er kämpfte sich ins Leben zurück, machte den erweiterten Realschulabschluss und das Fachabitur für Wirtschaft. Aus dem Studium wurde nichts. Etwas Handfestes, eine Ausbildung zum Bürokaufmann, war ihm lieber. Er wollte seiner Freundin etwas bieten. Zusammenziehen, weil die Fernbeziehung über 500 Kilometer hinweg beide nicht glücklich machte.

In Oebisfelde fand das Paar vor zweieinhalb Jahren ein neues Zuhause. „Hier haben wir eine schöne behindertengerechte Wohnung und nette Nachbarn gefunden und wollten unser gemeinsames Leben aufbauen.“ Ein ganz normales Leben eben: Einmal im Jahr in den Urlaub, Freunde treffen, Essen gehen, mal ins Kino. Vielleicht irgendwann heiraten. Vielleicht auch Kinderpläne. „Eben all das, was der Seele guttut“, schaut Michel Temme auf die guten Zeiten zurück, in denen er bei einer kleinen Zeitarbeitsfirma als Personaldisponent beschäftigt war. Alles schien sich zum Guten zu wenden, bis sein befristeter Arbeitsvertrag aufgrund von wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Firma nicht verlängert wurde.

Bewerbungsschreiben ohne Ende

„Naiv, wie wir waren, dachten wir: Okay, ein paar Monate wird es sicher dauern, bis wir jemanden finden, der Micha einstellt“, erinnert sich Nadine. Aber Pustekuchen. Michael Temme schrieb Bewerbungen ohne Ende. In der Börde, in Wolfsburg und Braunschweig gingen in anderthalb Jahren über 100 Bewerbungen bei potenziellen Arbeitgebern ein. Immer auch mit dem Hinweis auf etliche Fördermöglichkeiten. Hier und da gab es Vorstellungsgespräche, „tolle und ernüchternde“. Doch auch aus den guten wurde nie mehr. Bewerber ohne eine Behinderung bekamen stets den Vorzug. „Oft wurde sich gar nicht mehr gemeldet“, sagt Temme. „Niemand kann sich vorstellen, wie es ist, nicht gebraucht zu werden.“ Unterstützung von der Arbeitsagentur gab es in der ganzen Zeit nur mäßig, beklagt er sich. „Die Angebote, die sie mir schickten, waren teilweise nicht rollstuhlgerecht, entsprachen nicht meinem erlernten Beruf oder waren mit Magdeburg einfach viel zu weit weg.“

Doch endlich – Mitte Juli – Licht am Ende des Tunnels: Der 31-Jährige wurde zu einem zweiwöchigen Probearbeiten eingeladen. Das verlief sehr gut: Die Firma wollte ihn haben – und mit einer Wiedereingliederungsförderung für behinderte Menschen vom Arbeitsamt als Lohnbuchhalter einstellen. „Ich war happy über den Strohhalm, so kurz vor dem Absturz. Denn vom Amt hatten wir die Info bekommen, dass uns die Stütze für die Wohnung gestrichen wird, weil diese zu teuer und mit 86 Quadratmetern zu groß für uns ist.“

Absage so kurz vor dem Ziel

Nach drei Wochen dann der Schock: Absage. Die Firma monierte, die Jobbörse Börde habe zu lange Zeit vergehen lassen, um den Förderungsantrag zu genehmigen. Die Stelle sei mit einem anderen Bewerber besetzt. „Für uns brach eine Welt zusammen. Die letzte Hoffnung durch Behördenschlamperei zunichte gemacht – unfassbar.“

Aus dem Glas Wasser, das der 31-Jährige in der Hand hält, während er seine Geschichte erzählt, ist der Sprudel längst raus. Stille macht sich breit. Doch dann streckt sich Michael Temme, setzt sich aufrecht in seinen Rollstuhl. Er will sich nicht kleinkriegen lassen. „Es geht uns dreckig, aber ich will kein Mitleid. Ich will arbeiten“, betont der Wahl-Oebisfelder. Alles würde er machen, für keinen Job wäre er sich zu schade. „Vielleicht gibt es ja doch irgendwo jemanden, der mir eine faire Chance gibt“, hofft er. Jemanden, für den Inklusion nicht nur ein Modewort ist. Jemanden, der den Menschen, der arbeiten will, im Vordergrund sieht und nicht den Rollstuhl.

Reaktion auf das Problem

Auf Volksstimme-Anfrage erklärte Georg Haberland, Sprecher der Arbeitsagentur Börde, zu dem „Fall“: „Zunächst möchte ich mich entschuldigen, dass die von Herrn Temme angestrebte Arbeitsaufnahme nicht zustande gekommen ist und die Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit Magdeburg und des Jobcenters Börde bisher noch nicht erfolgreich waren.“ Herr Temme habe Ende Mai einen Vermittlungsvorschlag bekommen und an der Eignungsfeststellung eines Unternehmens teilgenommen. „Diese Maßnahme war erfolgreich und es wurde ein Arbeitsverhältnis in Aussicht gestellt.“

Der potenzielle Arbeitgeber habe jedoch deutlich gemacht, dass ein Umbau zum behindertengerechten Arbeitsplatz erforderlich wäre. Im weiteren Verlauf wurde über Fördermöglichkeiten verhandelt. Zu lange offensichtlich. Haberland: Am 1. August habe das Unternehmen dem Jobcenter „unvermittelt“ mitgeteilt, dass aufgrund der zeitlichen Verzögerung von einer Einstellung abgesehen werde. „Wir bedauern, dass die erforderliche Zeit zur Abstimmung einer geeigneten und nachhaltigen Förderung dazu führte, dass der Arbeitgeber sich für einen anderen Bewerber entschieden hat.“ Das Jobcenter Börde werde Herrn Temme zeitnah zwei Termine anbieten, um mit ihm über seine derzeitige berufliche und finanzielle Situation zu sprechen.