Wendgräben l Es dürfte kaum schönere Arbeitsplätze geben als den von Ronny Vietmeyer. In 15 Metern Höhe thront er im Park von Schloss Wendgräben (Jerichower Land) auf einer Hubarbeitsbühne. Nur wenige Meter entfernt traktiert ein Buntspecht eine Eiche. Durch das Astwerk blickt der 36-jährige Vietmeyer auf das 1910 im Stil eines englischen Landhauses errichtete Schloss.

Der Baumpfleger – raspelkurze Haare, braungebranntes Gesicht – trägt einen Helm, eine rote Schnittschutzhose, auf der Hüfte sitzt ein Klettergurt. Ein morscher Ast hat sämtliches Blattwerk eingebüßt. „Den wollte der Baum wohl nicht mehr“, sagt Vietmeyer, klappt den Gesichtsschutz herunter und startet unter dröhnendem Geräusch die Kettensäge. Das Totholz rauscht in die Tiefe.

Mit seinem in Theeßen (Jerichower Land) ansässigen Zwei-Mann-Unternehmen hat sich Vietmeyer auf Pflege und Fällung von Bäumen spezialisiert. Dafür kraxelt er schon mal mit Seil und Steigeisen gen Himmel oder lässt die Bühne in 30 Meter hohe Baumkronen steigen. „Es ist ein fordernder Job. Körperlich und geistig“, sagt er. Etwas anderes zu tun, könne er sich dennoch nicht vorstellen, sagt er.

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Quereinsteiger im Job

Rund 20 000 Baumpfleger arbeiten in Deutschland, nicht alle sind Kletterer. Die Berufsbezeichnung Baumpfleger sei nicht geschützt, sagt Peter Rammes, Sprecher der deutschen Vertretung der Internationalen Baumpflege-Gesellschaft ISA. Auch eine Ausbildung zum Baumpfleger gibt es nicht.

Von Verkehrssicherung bis Heckenschnitt, das Aufgabenspektrum ist groß. Viele Gärtner, Land- oder Forstwirte üben den Beruf aus. Auf dem Markt tummeln sich aber auch Quereinsteiger wie Ronny Vietmeyer.

Der gebürtige Drewitzer hat Fleischer gelernt, 14 Jahre war er in einem Abbruchunternehmen tätig. Nebenher beginnt er, einen kleinen Privatwald zu bewirtschaften. Und spürt schnell: „Das ist mein Ding. Bäume interessieren mich.“ Als Baumpfleger brauche man theoretisches Wissen, sagt Vietmeyer. Wichtig ist die sogenannte Schnittführung. So sollte etwa beim Entfernen eines Astes der Astring nicht verletzt werden. Für den Baum überlebenswichtig.

Klettern nicht ohne Zertifikat

Wer in luftigen Höhen unterwegs ist, muss zwei Baumkletterer-Zertifikate in der Tasche haben. Techniken für den Aufstieg, Unfallverhütung und darauf aufbauend der fachgerechte Umgang mit der Motorsäge in mehreren Metern Höhe werden gelehrt und trainiert.

Neben dem Kurs häuft Vietmeyer in seiner Anfangszeit immer mehr Wissen über Bäume und Baumpflege an. Zu Hause liest er Fachliteratur, bald schon liest er die Bäume. Wie sind sie gewachsen? Warum tötet der Baum an welchen Stellen Holz ab? Um das zu verstehen, habe er damals mehrere Stunden am Tag in den Kronen gesessen, erinnert sich der Baumpfleger. Den Baum versteht er heute stärker denn je als Organismus.

Vietmeyers Credo: „Die Bäume brauchen uns nicht, wir brauchen aber die Bäume. Das müssen wir uns immer vor Augen halten und entsprechend sorgfältig arbeiten.“ Seit 2015 ist der Baumpfleger selbständig. An Aufträgen in der Region und darüber hinaus mangelt es nicht. Auftraggeber sind Privatleute, Firmen und auch Kommunen.

Bewusstsein für Bäume

Selten führt Vietmeyer Arbeiten allein aus. Wer klettert, braucht für den Fall der Fälle einen zweiten Kletterer am Boden – der helfen kann, wenn der Körper nicht das tut, was er tun sollte oder ein technisches Problem eintritt. Baumpfleger müssen sich aufeinander verlassen können, sagt Vietmeyer. Auch sonst wird Zusammenhalt großgeschrieben in der Branche. Unter den Baumpflegern ist ein Großteil solo-selbständig. Man findet sich häufig in neuen Teams zusammen.

An diesem Tag arbeiten Vietmeyer und sein Kompagnon Raymond Hackland im Park von Schloss Wendgräben am sogenannten Lichtraumprofil. Auf den Wegen und Straßen soll ein „lichter“ Raum sicherstellen, dass keine Menschen oder Fahrzeuge durch störende oder herabfallende Äste zu Schaden kommen. Äste von Bäumen und Sträuchern müssen gekürzt werden, damit eine bestimmte Durchfahrtshöhe freibleibt.

In herrschaftlichen Parks wie in dem in Wendgräben arbeitet Vietmeyer mit Vorliebe. Das hat etwas Meditatives und es gibt eine Ordnung“, sagt er. Nach seinem Eindruck schärfen immer mehr Menschen in Zeiten von Artensterben und von geschwächten Ökosystemen ihre Sinne für die sie umgebende Natur. Der Baum als Lebewesen.

Üben mit dem Nachwuchs

Ronny Vietmeyer will sein Wissen in jedem Fall weiter vertiefen. In den nächsten Jahren möchte er den „European Treeworker“ auf seine Ausbildung draufsatteln. Eine europaweite Qualifikation für praktizierende Baumpfleger.

Mit seiner Leidenschaft für Bäume hat der zweifache Familienvater einen schon ganz besonders angesteckt: seinen vierjährigen Sohn. Der ist unter Aufsicht des Vaters auch schon in kleinen Bäumen unterwegs. „Wenn er später auch mal mit Bäumen arbeiten möchte, hätte ich nichts dagegen“, sagt der Baumpfleger und lächelt.