Polizei will Motorradfahrer mit Sicherheitsaktion ausbremsen

Biker heizen häufiger durch Harzer Kurven

Von Matthias Fricke

Halberstadt. Während in Sachsen-Anhalt die Zahl der Unfälle mit Motorrädern im vergangenen Jahr leicht rückläufig war, stieg sie im Harz an. Die dortigen Kurven werden bei den Urlaubsbikern immer beliebter. Illegale Rennen an der Rappbodetalsperre und Raser mit Tempo 225 bereiten der Polizei zunehmend Sorge.

Wenn Pfarrer Friedrich Wegner seine schwarze Motorradkluft überstreift und auf seine zwölf Jahre alte BMW GS (70 PS) steigt, würde er den Herrgott nicht herausfordern. "Man kann trotzdem das Gefühl von Freiheit auf der Maschine genießen", sagt er und freut sich jedes Jahr auf die Saison. Der 53-Jährige benötigt im Frühjahr aber meist ein paar hundert Kilometer, um wieder den Automatismus und die Routine für die Kurven im Harz zu bekommen.

So wie ihm geht es auch den anderen Motorradfahrern aus seinen Biker-Gottesdiensten in Halberstadt. Die meisten von ihnen sind ab Mitte 40, erleben den zweiten Frühling und lassen sich auch gerne auf eine gemeinsame Andacht ein. "Wir gedenken dabei immer derjenigen, die nicht mehr mit uns fahren können", sagt er. Das Hobby Motorradfahren verleite eben auch hin und wieder, sich und seine Leistung zu überschätzen.

Das sieht auch Verkehrsdezernent Manfred Vogler von der Polizeidirektion Nord in Magdeburg so. "Die meisten Unfälle passieren wegen unangepasster Geschwindigkeit", sagt er. Das größte Problem im Norden des Landes gebe es im Harz. Erst in der vergangenen Woche haben Polizisten im Rahmen der länder­übergreifenden Verkehrssicherheitsaktion "Sicher durch den Harz" (Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Thüringen) einen Motorradfahrer aus Magdeburg auf einer Tempo-100-Strecke mit 225 km/h auf der B81 kurz hinter dem Ortsausgang geblitzt.

Hohe Geschwindigkeiten, riskante Fahrmanöver gerade in den engen Kurven des Harzes können dabei schnell zur lebensgefährlichen Mischung werden. Das weiß auch Polizeioberkommissarin Bianca Graap vom Polizeirevier Harz. Es gab bereits in den ersten Monaten der Saison zwei, mit dem vergangenen Wochenende sogar vier Tote und 24 Schwerverletzte unter den Motorradfahrern allein in ihrem Bereich. Dabei beginnt die Hochsaison jetzt erst richtig.

Den großen Anteil von Motorradunfällen in Sachsen-Anhalts Mittelgebirge führt die Beamtin auch auf die hohe Beliebtheit der Strecken bei den Motorradtouristen zurück. Fast 70 Prozent machen inzwischen die an Unfällen beteiligten Motorradfahrer aus anderen Regionen als Verursacher aus. "Viele kommen als Wochenendtouristen extra aus ganz Norddeutschland, Holland und Skandinavien. Sie wollen sich hier mal so richtig ausfahren", erklärt die Beamtin.

Die meisten kommen in Gruppen, in denen es geübte und ungeübte Fahrer gibt. Sie können in den engen Straßen meist nur schwer die Abstände richtig abschätzen, so dass es hier Zusammenstöße gibt. Hinzu kommen die unbekannten Kurven und im Frühjahr auch Schmelzwasser, das in einigen Bereichen über die Fahrbahn läuft. "Wer da zu schnell fährt, den trägt es schnell aus der Kurve", sagt sie.

Die Polizisten sind davon überzeugt, dass ohne zusätzliche Sicherungen die Zahl der Toten im Harz noch höher liegen würde. "Auf den Bundesstraßen hat das Land einen Unterfangschutz an den Leitplanken nachgerüstet." Bei Stürzen bremsen diese den Motorradfahrer aus, ohne dass er darunter hindurchrutschen kann. Für die Landstraßen würde sich die Polizei das auch wünschen. Der Kreis habe aber kein Geld.

Das Land Thüringen ist für seine Strecke zum Kyffhäuser einen ganz anderen Weg gegangen. Dort wurden 2012 Rüttelstreifen vor den Kurven eingebaut. Sie machen hohe Geschwindigkeiten für Raser unmöglich. Es gibt dort jetzt kaum noch Unfälle.

Biker mit schweren Maschinen, die sich in den Kurven ein Rennen liefern, bereiten den Harzer Polizisten aber die größte Sorge. Wie das aussieht, haben Zeugen im September 2012 an der Rappbodetalsperre gefilmt und ins Internet gestellt. 130000-mal wurde der Film auf der Plattform Youtube bereits heruntergeladen. Es ist zu sehen, wie ein Biker aus dem Tunnel rast und auf einen bremsenden Biker kracht, der wegen eines auf den Parkplatz einbiegenden Autos stoppte. Splitter und Fahrer fliegen durch die Luft.

Graap: "Es gab an dieser Stelle gleich zwei schwere Unfälle in kurzer Zeit."