Magdeburg l Sachsen-Anhalt will den Seiteneinstieg ins Lehramt attraktiver machen. Ab Herbst startet für 21 Hochschulabsolventen ohne echten Lehramtsabschluss erstmals ein berufsbegleitendes Studium. „Dabei können etwa Diplom-Chemiker, Musiker oder Biologen, die schon im Schuldienst des Landes arbeiten, binnen zwei Jahren ein zweites Unterrichtsfach nachstudieren“, sagte Bildungsminister Marco Tullner (CDU) Freitag der Volksstimme. Ziel ist die Chance auf Gleichbezahlung oder auch Verbeamtung.

Zur Auswahl stehen als Zweitfächer vorerst Deutsch und Englisch. Mathe soll folgen. Der Studienort allerdings liegt außerhalb Sachsen-Anhalts. Kooperationspartner sind nicht die Unis Halle oder Magdeburg, sondern die Uni Potsdam. Das Land muss dafür zahlen: 1500 Euro werden pro Student und Halbjahr fällig.

Geplant war das ganz anders: Eigentlich sollte vor allem die Uni Halle die Ausbildung übernehmen – ohne Extra-Kosten. Erste Gespräche mit der Uni gab es laut Tullner bereits im Dezember 2017. Umgesetzt sind die Pläne trotzdem nicht: „Das Bildungsministerium hat die Rahmenbedingungen für das Seiteneinsteiger-Programm nicht klar umrissen. Wir müssen wissen, wie viele Personen für welches Fach qualifiziert werden sollen“, sagte Halles Uni-Rektor Christian Tietje zur Begründung. Geplant werden müsse nicht nur der Einsatz von Dozenten und die Anmietung von Räumen. Das Land müsse auch entscheiden, wie viele Studientage man den Seiteneinsteigern für ihre Zusatzausbildung überhaupt zugestehen wolle, so Tietje weiter.

Tullner sagte: „Konzept und Geld sind längst vorhanden.“ Auch die Rahmenbedingungen seien geklärt. Seiteneinsteiger, die studieren wollen, dürfen demnach fünf Stunden weniger je Woche unterrichten und werden einen Tag freigestellt.

Die Uni Halle habe sich in Vereinbarungen mit dem Land bereits 2015 verpflichtet, die Einrichtung eines berufsbegleitenden Studiums zu prüfen, betonte Tullner. Auch die Finanzierung über Studienbeiträge sei dabei geregelt worden.

Uni Halle besteht auf mehr Fächer

Zustande gekommen ist die Zusammenarbeit offenbar auch deshalb nicht, weil die Uni Halle darauf bestand, neben dem Zweitfach auch Pädagogik und Didaktik zu vermitteln. Tullner hält das für verzichtbar.

Hintergrund ist der ebenfalls ab 1. September startende sogenannte Quereinstieg. Dabei können Hochschulabsolventen ohne Lehramtsabschluss, aber mit zwei wissenschaftlichen Fächern erstmals direkt in ein 24-monatiges Referendariat einsteigen. Dieser Vorbereitungsdienst beinhaltet auch Pädagogik und Didaktik. Der Quereinstieg ist als Ergänzung des neuen Seiteneinsteiger-Studiums gedacht und soll endgültig die Tür zum gleichwertigen Lehramtsabschluss öffnen.

Seit dem Start einer neuen Ausschreibung für 550 neue Lehrerstellen in dieser Woche dürfen auch Uni-Bachelor und Fachhochschul-Diplomanden als Lehrer im Land arbeiten. Für sie kommen die neuen Weiterbildungen allerdings nicht infrage. Die Qualifizierung von Seiteneinsteigern dürfte wegen des Fehlens klassisch ausgebildeter Pädagogen für Sachsen-Anhalt immer wichtiger werden. Waren im vergangenen Jahr noch rund 140 Seiteneinsteiger an den landesweit 764 Schulen im Einsatz, sind es inzwischen 274. Bei der jüngsten Ausschreibungsrunde für 900 Lehrerstellen im Februar stellten Seiteneinsteiger bereits die Hälfte aller Bewerber.

Bessere Weiterbildungsperspektiven gefordert

Die Lehrergewerkschaft GEW fordert bessere Weiterbildungsperspektiven für Seiteneinsteiger schon länger. Nach Angaben von Landeschefin Eva Gerth schied zuletzt rund ein Drittel der Wissenschaftler ohne Lehramtsabschluss wieder aus dem Job aus. Das Bildungsministerium nennt geringere Zahlen: Demnach wurden bei aktuell 274 Seiteneinsteigern 54 Verträge wieder aufgelöst (20 Prozent). In der Hälfte der Fälle hätten die Einsteiger gekündigt.