Magdeburg l „Bei uns gibt es ältere Leute, die auf gepackten Koffern sitzen“, sagt Christiane Hopstock. Die CDU-Politikerin ist Ortsbürgermeisterin von Schierke. Und auch sie blickt mit Sorgen auf den nahen Wald.

Der 550-Einwohner-Touristenort grenzt an mehreren Seiten an den Nationalpark Harz. Der 25 000 Hektar große Park wiederum unterliegt derzeit dem grundlegendsten Wandel seiner Vegetation seit Jahrzehnten. Seit 2018 lassen Stürme, Dürre und Käfer massiv Fichten absterben. 80 Prozent der Bestände macht die Baumart hier oben aus. Luftbilder zeigen auch flächenhaft braune Wipfel.

Der Nationalpark hält sich in der Kernzone dabei weitgehend aus der Entwicklung heraus. Die Idee: Die absterbenden Bäume sollen durch natürliche Verjüngung ersetzt werden. Am Ende soll ein artenreicher, naturnaher Wald entstehen, der weniger anfällig für Klimaschäden ist.

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In Schierke habe man das lange akzeptiert, sagt Ortsbürgermeisterin Hopstock. Jetzt aber sinke die Akzeptanz in der Bevölkerung. Das Totholz im Park sei knochentrocken, Löschwasser fehle. Viele Schierker befürchteten, dass ein großer Waldbrand auch ihren Ort erreichen könnte. „Es gibt nur eine Straße nach Schierke“, sagt Hopstock. „Das ist eine Riesengefahr. Für uns wäre wichtig, dass Totholz endlich beräumt und Schutzschneisen geschlagen werden.“

Eine Einzelstimme? Keineswegs. Die Göttinger Forstwissenschaftlerin Bettina Kietz warnte schon im Januar vor der Gefahr katastrophaler Waldbrände im Oberharz.

Die vielen abgestorbenen Bäume könnten „wie Zunder brennen“, sagte sie. In Zeiten zunehmender Trockenheit stelle Totholz in Kombination mit Vergrasungen und trockenfallenden Mooren ein optimales Brennmaterial dar. Hinzu komme, dass sich Feuer in den Hanglagen schnell ausbreiten könnten. Auch das Innenministerium erklärt auf Anfrage: „Holz selbst stellt keine Gefahr dar.“ Totholz mit geringer Feuchtigkeit führe aber zu „einer erheblich schnellen Brandausbreitung und einer deutlich höheren Brandintensität“.

Der Chef des Landesfeuerwehrverbands, Kai-Uwe Lohse, hält apokalyptische Szenarien wie zuletzt in Australien im Harz zwar nicht für denkbar: „Dass Gemeinden vom Feuer überrollt werden, schließe ich aus“, sagte Lohse, zugleich Kreisbrandmeister im Harz.

Die Rauchentwicklung könne bei entsprechender Windrichtung für Gemeinden aber durchaus problematisch werden. Lohse fordert daher greifbare Konzepte für Brandvorbeugung und -bekämpfung.

Die Harzanrainer Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Thüringen müssten sich dabei enger abstimmen. Das gelte auch für Nationalpark, Landesforst und Privatwaldbesitzer. „Bislang redet da der eine mit dem anderen kaum“, sagte Lohse. „Was wir brauchen, ist einmal im Jahr ein runder Tisch.“ Nach Angaben des Nationalparks Harz gibt es solche Zusammenarbeit indes längst. Auch das Umweltministerium von Ministerin Claudia Dalbert (Grüne) verweist auf regelmäßige Abstimmungen vor Ort.

So begleite die Nationalparkverwaltung das landkreis- und länderübergreifende „Brandschutzforum Harz“ unter Federführung des Kreises Goslar, sagte Nationalpark-Sprecher Friedhart Knolle. Ziel sei ein gemeinsames Waldbrandkonzept Harz – unter Einbeziehung aller Akteure.

Schon jetzt habe der Nationalpark bei Schierke zudem Wald zur Bekämpfung des Borkenkäfers gefällt, so Knolle. „Das senkt auch die Brandlast.“ Es gebe ein eigenes Feuerschutz-Wegenetz und Wege-Befahrungen mit örtlichen Feuerwehren. Ranger seien mit Löschrucksäcken ausgestattet.

Der Sprecher warnt zudem vor „Panikmache“. Totholz sei viel schlechter entflammbar als allgemein angenommen.

Das Umweltministerium ergänzte: Der Harz gehöre zur „Waldbrandgefahrenklasse C“. Das wiederum bedeutet eine insgesamt geringe Waldbrandgefahr. Claudia Dalbert schränkte aber ein: „Klar ist, dass bei lang­anhaltender Trockenheit die Waldbrandgefahr höher ist. Deshalb sei entscheidend, dass Regeln zum Waldbrandschutz von allen eingehalten werden. Die Grünen-Politikerin sieht auch die Waldbesitzer in der Pflicht. Sie müssten Wege befahrbahr halten und Löschwasserstellen vorhalten. Das Anlegen von Letzteren werde gefördert, sagte sie.

Das Ministerium will seinen Beitrag leisten: In diesem Jahr schaffe man aus Eigenmitteln zwei mobile Löschwasserbehälter und eine Drohne für den Nationalpark an, teilte Dalberts Haus mit.

Doch reicht das, wenn es massiv brennt? Laut Innenministerium stünden im Notfall Polizeihubschrauber des Landes mit zwei 500-Liter-Behältern zur Feuerbekämpfung aus der Luft bereit. Auch die Bundeswehr könnte mit Transporthubschraubern und zwei 5000-Liter-Behältern von Holzdorf (Landkreis Wittenberg) aus unterstützen.

Kai-Uwe-Lohse reicht das nicht. Bis die Bundeswehr da wäre, dauere es viel zu lange, sagt er. Das Land sollte sich um Kooperation mit der Bundespolizei bemühen. „Deren ‚Super Puma‘-Hubschrauber stehen im niedersächsischen Celle und wären viel schneller da“, sagt er. Erst vor zwei Wochen hat Lohse das letzte Mal den Harz befahren. „Das Totholz ist knochentrocken“, sagt er. „Wenn hier Steilhänge brennen, kommen wir da nicht hin.“ Immerhin überwache Niedersachsen seit einigen Tagen auch den Ostharz aus der Luft.